Auf dem Homberg zwischen Wißmar und Krofdorf wird am 31. Januar 1989 Martina Feist gefunden. Der Täter hat die Leiche an den Waldrand gefahren. Wo die 23-Jährige in den Stunden zuvor war und welches Martyrium sie erlitt, das ist bis heute ungeklärt.
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Auf dem Homberg zwischen Wißmar und Krofdorf wird am 31. Januar 1989 Martina Feist gefunden. Der Täter hat die Leiche an den Waldrand gefahren. Wo die 23-Jährige in den Stunden zuvor war und welches Martyrium sie erlitt, das ist bis heute ungeklärt.

Serie "Mord verjährt nicht"

Ex-Soko-Chef über Mordfall Feist: "Sie stieg zum Falschen ins Auto"

  • Rüdiger Soßdorf
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Im Januar 1989 wurde Martina Feist ermordet. Die 23-Jährige wurde halbnackt am Launsbacher Wald gefunden. Bis heute ist der Fall ungeklärt. Im Interview äußert sich der damalige Chefermittler.

Herr Schlagdenhauffen, als ich Sie vor ein paar Tagen angerufen habe und nur die Stichworte Wißmar und 1989 erwähnte, da nannten Sie ohne zu Zögerns den Namen Martina Feist. Warum hat sich der Fall so sehr in Ihr Gedächtnis eingebrannt?

Jeder Ermittler nimmt ein oder zwei ungelöste Fälle mit in die Rente. Die bleiben oftmals haften. Zudem habe ich die Serie "Mord verjährt nicht" in der Zeitung verfolgt. Als der Anruf kam, da war mir sofort klar, worum es geht.

Ein oder zwei ungelöste Fälle, ist das normal?

Nun, das hat mir nicht gefallen. Aber ja - das ist normal. Bei Mord oder Totschlag ist die Auklärungsquote hoch. Sehr hoch. Aber 100 Prozent gibt es fast nicht. In manchen Jahren gelingt das. Aber dann gibt es wieder ein Jahr, wo vielleicht zwei Fälle offenbleiben.

"Es bleibt ein Rätsel, das nur noch Kommissar Zufall lösen kann", endet einer der letzten Zeitungsberichte zum "Mordfall Feist" Ende Oktober 1989. Für den Leiter einer 15-köpfigen Soko muss das nach acht Monaten Arbeit unbefriedigend sein. Wie geht man damit um?

Ich habe einen Haken drunter gemacht, als ich pensioniert wurde. Es belastet nicht. Aber ich habe es immer leicht gehabt, abzuschalten. Die Heimfahrt vom Präsidium, die hat dafür gereicht. Ich habe eigentlich nichts davon mit nach Hause genommen. Auch wenn ich in den Jahren als Polizist viel Unschönes gesehen und erlebt habe. Die zwei schlimmsten Dinge sind mir allerdings in meinen mehr als 40 Berufsjahren erspart geblieben. Der Absturz eines Jumbojets auf das Frankfurter Kreuz und auf einen Menschen schießen zu müssen.

Also keine Albträume?

Nein, Albträume habe ich nicht gehabt. Nie. Auch wenn ich wenig darüber gesprochen habe. Ich konnte da trennen und das Berufliche wegschalten.

Lassen Sie uns zurückkommen zu den Ermittlungen im Fall Feist. Was haben Sie noch in Erinnerung?

Die Mordnacht war eine neblige Nacht Ende Januar. So neblig, dass man nach 20 Metern kein Nummernschild mehr lesen konnte. Wenn Frau Feist da als Anhalterin nahe Dutenhofen in ein Auto gestiegen ist, dann war sie weg. Sie ist wohl des Öfteren von der Arbeit in dem Gasthof Richtung Wetzlar getrampt. In jener Nacht ist sie wohl zu dem Falschen ins Auto gestiegen. Was danach geschah, das können wir in weiten Teilen nur mutmaßen.

Können Sie sich an das Umfeld der jungen Frau erinnern, den US-amerikanischen Freund, andere Freunde, Familie?

Wir haben alles genauestens durchleuchtet. Wieder und wieder. Wir sind jeder Spur nachgegangen. Wir haben die Familie befragt. Den Arbeitgeber, Freunde. Da war nichts, was uns weiterbrachte. Dann wurde der Kreis weiter gezogen. Dazu gehörte auch die Aktion mit dem Verteilen von Flugblättern vor der Diskothek Fifty-Fifty in Dutenhofen. Das brachte aber nicht wirklich viel. Es gab hier und da einen Verdacht. Aber nichts, was wir beweisen konnten.

Stimmt es, dass es schwieriger wird, je länger sich eine Ermittlung hinzieht?

Ja. Um es auf einen einfachen Punkt zu bringen: Was an einem Tatort nicht in den ersten Stunden gesichert wird, das ist oft verloren. Deshalb gibt es ja oftmals diese großflächigen Absperrungen der Polizei. Alles andere danach ist weiteres aufwendiges Suchen. Und ja: Je länger es her ist, desto schwieriger ist es, noch etwas Brauchbares zu finden.

Gab es in den Folgejahren Spuren, Hinweise oder neue Ermittlungsansätze?

In den 90er Jahren haben sich zwei Kollegen erneut um den Fall gekümmert. Die Ermittlungen wurden wieder aufgenommen. Das ist gut geübte Praxis. Und wichtig! Da schauen andere Kollegen, die noch nie mit dem Fall zu tun hatten, ganz neu drauf. Mit freiem Kopf und unverstelltem Blick. Aber auch sie sind nicht weitergekommen. Sie haben nichts Neues gefunden. 

Zur Person: Norbert Schlagdenhauffen

Norbert Schlagdenhauffen aus Pohlheim war 1989 Leiter der Sonderkommission, die den Mord an Martina Feist untersuchte. Der heute 73-Jährige war 16 Jahre lang in der Leitung des Kommissariats für Kapitalverbrechen in Mttelhessen.

Hintergrund: Der Mordfall Feist

Stattliche 5000 DM Belohnung, eine 15-köpfige Soko der Polizei aus Gießen und Wetzlar, die rund 50 Personen aus dem Bekanntenkreis und dem Umfeld der Toten durchleuchtet hat, 70 Spuren, denen nachgegangen wurde - das alles brachte nichts. Ende Oktober 1989 wurden die Ermittlungsakten von der Polizei an die Staatsanwaltschaft abgegeben. Der Mord an Martina Feist bleibt ungeklärt. Bis heute.

"Zurzeit haben die Kollegen vom Kommissariat für Kapitalverbrechen keine neuen Ermittlungsansätze", räumte der damalige Polizeisprecher Kurt Maier vor rund 30 Jahren im Gespräch mit der "Gießener Allgemeinen Zeitung" ein. Die Hoffnung wolle er nicht aufgeben, sagte er. Sollte es durch Zufall neue Aspekte geben, "dann machen wir natürlich sofort weiter".

Mordfall Feist: Letzter Anruf bei Minicar-Unternehmen

Was genau in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar geschah, das bleibt bis heute im Dunkeln. Martina Feist, die in Wetzlar allein in einer Wohnung lebte, hat seinerzeit als Kellnerin in der Gaststätte "Gambrinus" in Dutenhofen gearbeitet - auch am Abend ihres Verschwindens. Als die 23-Jährige dort Feierabend machte, wollte sie, wie schon des Öfteren nach der Arbeit, nach Hause trampen. Für den nächsten Morgen hatte sie zudem ein Minicar geordert - und bestellte es wenig später wieder ab. Gegen 2 Uhr in der Nacht rief sie bei dem Minicar-Unternehmen in Nauborn an und sagte, dass sie das für Montag, 5 Uhr, zu ihrer Wohnung bestellte Auto nicht benötige. Sie sei nicht daheim. Das war womöglich der letzte Kontakt der jungen Frau zu ihrem Umfeld - außer zu ihrem Mörder. Von wo aus sie anrief, das ist unklar.

Die Leiche von Martina Feist wurde erst tags darauf, an einem Dienstag, von einem Spaziergänger auf dem Homberg gefunden. Dort, wo sich der Launsbacher Wald zwischen Krofdorf und Wißmar erstreckt. Ganz in der Nähe ist bis heute der Wißmarer Hundeplatz. Die junge Frau trug nur noch ein weißes Hemd, ihr Unterkörper war entblößt, ihre weißen Adidas-Turnschuhe (Modell "Trophy") lagen etwa 20 Meter weiter auf dem Weg am Waldrand. Von der schwarzen Jacke, die sie zuletzt trug, und von ihren Röhrenjeans fehlte ebenso jede Spur wie von der auffälligen Armbanduhr mit Bicolor-Band und ihrer schwarzen Handtasche und der Geldbörse.

Die junge Frau mit den dunklen Haaren war am Dienstag gegen 15 Uhr von dem Wirt des "Gambrinus" als vermisst gemeldet worden, denn sie war nicht zur Arbeit im Lokal erschienen. Der Gastronom hatte sie zuletzt am Sonntag gegen Mitternacht gesehen, als sie das Lokal verließ. Unmittelbar danach war sie Zeugen noch als Anhalterin an der Straße zwischen Dutenhofen und Münchholzhausen aufgefallen. Von da an verliert sich die Spur. Wo sie den Montag war, das bleibt unklar. Ebenso der genaue Todeszeitpunkt. Als Martina Feist von dem Spaziergänger in Wettenberg gefunden wurde, war sie schon mindestens zehn Stunden tot, vielleicht auch etwas länger.

Mordfall Feist: Wo war der Tatort?

Die Obduktion ergab: Die junge Frau war verblutet. Sie hatte mehrere Messerstiche in die Brust sowie heftige Schläge auf den Kopf und ins Gesicht erlitten. Doch wo Martina Feist ihr Leben aushauchte, das konnte nicht festgestellt werden. Im Auto ihres Mörders? In dessen Wohnung? Oder wurde sie gar erst am Homberg zwischen Krofdorf und Wißmar umgebracht? Nach Einschätzung der Polizei muss der Tatort jedenfalls ziemlich blutverschmiert gewesen sein.

In der Dutenhofener Diskothek Fifty-Fifty, die die junge Frau des Öfteren besuchte, wurden nach der grausigen Tat mehrere Hundert Flugblätter verteilt mit der Bitte um Hinweise. Zudem wurden im Laufe der Ermittlungen rund 50 Männer und Frauen aus dem Umfeld von Martina Feist vernommen. Auch der Freund des Opfers, ein US--Amerikaner, der in der Ayers-Kaserne in Kirch-Göns stationiert war, wurde befragt. Das alles brachte keinen großen Erkenntnisgewinn - und vor allem keine heiße Spur. Selbst die von der Gießener Staatsanwaltschaft ausgelobte Belohnung half nicht weiter.

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