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Die Siedlung Erlental nahe Wißmar. Foto: Henß

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Das Erlental- weitab vom Schuss?

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50 Häuser, 180 Einwohner - das ist das Erlental bei Wißmar. Doch wer weiß schon, warum man bei der Siedlung von "Kleinschmidtshausen", dem "Glockenberg" und der "Petersburg" spricht?

Wettenberg (so). Am Anfang stand ein - Forsthaus. Der Wißmarer Förster August Kleinschmidt, der das Amt vom 1933 pensionierten Förster Lukas übernommen hatte, durfte sich anstelle des alten Forsthauses in der Schanzenstraße ein Fleckchen Land für einen neuen Dienstsitz suchen. Seine Wahl fiel auf den Waldrand im Erlental - eine der schönsten Ecken nahe Wißmar. Hinzu kamen praktische Erwägungen: Der Aschbach sorgte nämlich für Wasser. 1937 war der Neubau fertig, und die Eltern zogen ein, weiß Dieter Kleinschmidt, einer der Försterssöhne. Es handelt sich just um jenes Forsthaus, das 1979 beim Absturz eines britischen Kampfjets schwer beschädigt wurde und nach dem Wiederaufbau bis heute der Familie Karpenstein als Domizil dient. Doch das ist eine andere Geschichte.

Der Erlenhof

Das zweite Anwesen, das im Erlental entstand, war das Haus der Rinks - die heutige Gaststätte Erlenhof. Peter Rink hatte es kurz nach Kriegsbeginn errichtet, Anfang der 1940er Jahre, und betrieb dort in seinem Wohnhaus einen Flaschenbierverkauf - das waren die Anfänge der Gaststätte, die heute von Enkelin Steffi gutbürgerlich geführt wird. Ihr zu früh verstorbener Vater Gerhard Rink hatte das Lokal dereinst aufgebaut. Ebenfalls Anfang der 1940er Jahre baute Dr. Glock aus Lollar ein Holzhaus unweit des Forsthauses. Das waren die Anfänge, die zu der scherzhaften Bezeichnung "Kleinschmidtshausen", "Am Glockenberg" und "Bei der Petersburg" führten. Zudem war der Name Erlental noch nicht so gebräuchlich. Die alte Flurbezeichnung lautete nämlich "Rieh" Die mundartliche Kurzform weist auf den nahegelegenen Reitzensteiner Wald hin - ein aufgegebener und heute als Naturdenkmal unter Schutz stehender Steinbruch im Wald.

Bauboom in den 1960ern

Zu vermerken ist auf jeden Fall der Siedlungsdruck in den Nachkriegsjahren. 1945/46 waren mehr als 500 Flüchtlinge und Heimatvertriebenen nach Wißmar gekommen. Die Hälfte aus Zsámbék. Da hieß es im Dorf zusammenzurücken, erinnert sich der alte Schulmeister Rolf Henrich; damals noch ein Schulbub und Enkel des oben genannten Förster Lukas. In Folge wurden sukzessive neue Siedlungsflächen erschlossen. Der Gänsberg etwa in den 1950er Jahren.

Und eben auch im Erlental an der heutigen Forsthausstraße. Da entstanden fünf baugleiche Häuschen. Übrigens baute seinerzeit auch Förster Kleinschmidt neu: Mit Blick auf seine Pensionierung und den damit verbundenen Auszug aus dem Dienstsitz im Forsthaus kaufte er Anfang der 1950er Jahre von der Gemeinde Wißmar rund 5000 Quadratmeter Land an der heutigen Weiherstraße und baute 1953/54 neu - jenes Haus, in dem sein Sohn Dieter bis heute wohnt. Der alte Förster war es auch, der entlang des Baches die vielen Akazien gepflanzt hat - für seine Bienen. Den Akazienhonig schätzte (und verkaufte) er nämlich.

50 Häuser, 180 Bewohner

Nach dem Neubau in der Weiherstraße kam erst lange Zeit nichts, erinnert Dieter Kleinschmidt, Jahrgang 1947, der in der Straße aufgewachsen ist. Er berichtet von einer unbeschwerten Kindheit am Waldrand: "Wir brauchten keinen Spielplatz. Wir waren den ganzen Tag draußen in der Natur, am Bach und im Wald."

Mitte der 1960er Jahre setzte im Erlental der große Bauboom ein. Wie andernorts übrigens auch. Doch bis die Siedlung ihr heutiges Gesicht annahm, sollten weitere Jahre vergehen. Noch einmal Dieter Kleinschmidt: Die Mädchen und Jungen mussten sich morgens um 7 Uhr auf den Schulweg Richtung Wißmar machen. Zu Fuß und bei tiefer Dunkelheit. Denn Laternen gab es nicht, geschweige denn, dass die Straße geteert war. Zudem führte der Weg am damals neuen Wißmarer Friedhof vorbei - das gruselte den einen oder anderen gewaltig.

Nicht leicht zu finden

Selbst in den 1970er Jahren fehlte noch ein Hinweisschild aufs Erlental, weiß Christina Kleinschmidt zu berichten, die dorthin geheiratet hatte. Freunde wollte sie besuchen, fanden keinen Wegweiser und kehrten kurzerhand wieder um. Anrufen ging auch nicht, denn ein Telefon stand damals längst nicht in jedem Haushalt. Irgendwie alles weitab vom Schuss.

Heute stehen im Erlental ziemlich genau 50 Häuser; 180 Einwohner zählt die Siedlung. Weitere öffentliche Infrastruktur außer Steffi Rinks "Erlenhof" und einem Briefkasten gibt es kaum.

Immerhin: Mitte der 1950er Jahre eröffnete Waltraud Mattern in der Forsthausstraße einen Lebensmittelladen. Bis Mitte der 1970er diente das Geschäft der lokalen Versorgung mit allem, was der Mensch so braucht. Von Brot über Putzmittel bis "Zinn 40". Wie das? Mit dem Schnaps verbindet sich eine besondere Anekdote: Der alte Förster Kleinschmidt hatte immer mal wieder Jagdgäste zu bewirten und zu beherbergen - so auch in den 1960er Jahren Dr. Rumpf aus Gießen, den Inhaber der Gail’schen Tonwerke. Die damals neue und angesagte Spirituose war nicht vorrätig - aber Waltraud Mattern konnte das Gewünschte über Nacht besorgen. Da sage noch mal einer, das Erlental sei weitab vom Schuss…

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