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Gabriele Nickolmann verkörpert im KuKuK Claire Waldoff. FOTO: USW

Enorm witzig und stimmig

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Wettenberg(usw). Die Kleinkunstsaison im Kunst- und Kulturkreis Wettenberg (KuKuK) fing mit einem Paukenschlag an. Hartmut Stroths heitere Musikrevue "Ne dufte Stadt ist mein Berlin" brachte die Musik und das Leben der Berliner Sängerin und Lebenskünstlern Claire Waldoff nach Wißmar. Sängerin Gabriele Nickolmann und Pianist Jürgen Böhme legten eine enorm witzige und stimmige Darbietung hin, die alle Aspekte des Lebens der selbstbewussten Künstlerin zeigte: ein Riesenvergnügen.

Hartmut Stroth moderierte in der Rolle des Kurt Tucholsky, eines Freundes der Sängerin, und sang auch ein paar Titel. Wie Böhme bereits im instrumentalen Intro mit authentischem Honky-Tonk-Sound die "Berliner Luft" in die Halle hereinwehen ließ, regte die Zuhörer im voll besetzten Saal zum Mitklatschen an. Die Waldoff (1884 geboren in Gelsenkirchen, 1957 gestorben) war eine Ausnahmeperson. In der Schule hielt sie’s nicht lange, obgleich sie an den ersten gymnasialen Kursen für Mädchen teilnehmen durfte. Schon früh wollte sie nicht in die Schule, sondern auf die Bühne ("Da ist das Leben"). Ein paar erzählte Episoden machten bildlich klar, wie genau sich das in Berlin zutrug, und man lernte sie als äußerst selbstbewusste Frau kennen, damals fast eine Notwendigkeit.

Schon die ersten Minuten machen mehreres klar. Erstens trifft Nickolmann den frechen, zuweilen rauen Ton der Waldoff sehr naturgetreu, wobei sie zuweilen ein paar ganz reizende sanfte Töne dazumischt - sie könnte auch anders. Man liest es, als hätte Waldoff auch weiche Seiten gehabt. Ihr Motto war allerdings "Immer ran an Speck".

Dann überwältigt einen doch erst mal das Vergnügen, denn die Waldoff hatte das Glück, dass erstklassige Komponisten und vor allem Texter für sie arbeiteten, darunter Walter und Willi Kollo, Eduard Künneke und Kurt Tucholsky. Das ergab Zeilen wie "Jetzt komm her, du kleiner Süßer, heut bist du mein Ideal", die das fiebrig schnelllebige Klima in den Zwanzigern in Berlin skizzierten. Die Waldoff "haute ihre Lieder raus" und war damit abseits von üblichen Frauenideal sehr erfolgreich. Verblüffend ist bis heute die schiere Kraft, mit der sie Lieder wie "Wer schmeißt denn da mit Lehm" oder "Herrmann heeßt er", "Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt" sang.

Geschickt untermalten Gemälde und Zeichnungen von Heinrich Zille die Show, lassen unaufdringlich, aber prägnant Ambiente und Atmosphäre der Zeit zusätzlich lebendig werden. Vor allem Zilles Milieuschilderungen haben im Laufe der Zeit nichts von ihrer erschütternd ursprünglichen Kraft verloren.

Als eine der ersten öffentlich bekennenden Lesbierinnen machte Waldoff keinen Hehl aus ihrer Neigung und genoss ihren auch finanziellen Erfolg in jeder Hinsicht, verhandelte ihre Gagen und Verträge selbst knallhart und trat in bis zu zehn Theatern am Abend auf - schließlich sang sie nur je drei Lieder, und das Publikum liebte sie. So sang sie in ihrer Hochzeit 300 Songs im Jahr und nahm später bis zu 20 Schallplatten jährlich auf.

Die Mischung aus enorm originellen Texten und Melodien zündete auch im KuKuK, Nickolmanns authentischer Tonfall brachte jede Nuance zur Geltung, und Böhmes sensible bis verschmitzte Begleitung lieferte das Tüpfelchen auf dem i: Ein voller Erfolg. "Toll" hörte man nach der ersten Hälfte, am Ende hieß es "Das hat sich gelohnt". Dem ist nichts hinzuzufügen.

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