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Gutachter nehmen die Unfallstelle in Augenschein. "Was wir jetzt nicht feststellen, ist nachher weg", sagt Herbert Hößler. (Symbolfoto: dpa)

Konflikte mit deutschen Autoherstellern

Detektiv im Chaos: Bernd Gerich aus Wettenberg erzählt von seinem Alltag als Unfallgutachter

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Bernd Gerich muss im größten Chaos kühlen Kopf bewahren. Im Auftrag von Polizei und Staatsanwaltschaft analysiert der 65-Jährige Verkehrsunfälle. Schwierigkeiten bereiten seinem Wettenberger Büro vor allem deutsche Autohersteller.

Bernd Gerichs Bereitschaftshandy klingelt mitten in der Nacht. Irgendwo auf einer Straße in Mittelhessen ist die Welt aus den Fugen geraten: Autos sind ineinander verkeilt, andere liegen auf dem Dach. Ein Notarzt steigt über Wrackteile, um zu einem Verletzten zu gelangen. Gerich betritt das Chaos - und muss kühlen Kopf bewahren. Er rettet keine Leben. Er kann das Chaos auch nicht kitten. Er muss es verstehen. Was er herausfindet, kann Jahre später vor Gericht von Bedeutung sein. Der 65-Jährige, dessen Büro in Wettenberg beheimatet ist, analysiert Unfälle im Auftrag von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten. Er ist einer der meistbeschäftigten Gutachter im Kreis.

"Wir müssen funktionieren", sagt Herbert Hößler, Gerichs Kollege. Meistens sind sie zu zweit im Einsatz - und arbeiten unter Hochdruck. In einer Stunde werden wieder Autos über die derzeit gesperrte Spur fahren, die Unfallstelle wird dann aufgeräumt sein. "Was wir jetzt nicht feststellen, ist nachher weg", sagt Hößler. 

Ein Gurkenglas gibt Rätsel auf

Beide gehen die Unfallstelle ab. Sie nehmen die Fahrzeuge in Augenschein, markieren Reifenspuren auf der Straße. "Ein wichtiges Indiz sind Scheinwerfer, die manchmal 100 Meter weit fliegen", sagt Gerich. Dann lasse sich feststellen, aus welcher Richtung das jeweilige Fahrzeug kam. Denn das ist häufig zunächst völlig unklar. "Das wichtigste aber ist, den Kollisionspunkt festzustellen", sagt Gerich. Es ist eine Delle in der Straße. Hier haben sich Autos innerhalb einer Zehntelsekunde ineinander geschoben, Fahrzeugteile haben sich in diesem Moment nach unten in die Spur gedrückt. "Die Stelle sieht aus, als wäre dort der Teer mit einem Löffel herausgeschabt worden."

Gerichs Aufgabe ist Detektivarbeit. Einmal wird er zu einem Unfall auf der Autobahn bei Limburg gerufen. Der Hergang scheint zunächst klar: Eine Frau ist ins Schleudern geraten, von der Fahrbahn abgekommen und in einem Waldstück gelandet. Äste haben offenbar die Windschutzscheibe beschädigt. Dann aber gibt ein Gurkenglas, das im Auto liegt, Rätsel auf. Gerich vergleicht die Musterung am Rand der Unterseite des Glases mit den Schäden in der Windschutzscheibe - und findet eine Übereinstimmung. "Jemand hat das Glas auf das Auto geworfen, es ist durch die Scheibe geflogen und hat den Kopf der Fahrerin getroffen." Man habe Fingerabdrücke genommen. "Leider ist aber noch kein Täter gefasst worden." Gerich sagt dies mit ruhiger Stimme. Das Bedauern darüber, dass der Täter nicht gefunden ist, ist dennoch deutlich herauszuhören.

Hohe Verantwortung

Unfälle gehen dem Gutachter nah. "Vor allem, wenn man mit Angehörigen zu tun hat", sagt Gerich. "Wenn man die Gefühle der Menschen sieht." Einmal wird er zu einem tödlichen Unfall gerufen, eine Frau ist gestorben, sie liegt abgedeckt unter einer Plane. "Die Polizei hat mir den Namen gesagt: Es war eine Anwältin, neben der ich häufig im Gerichtssaal gesessen habe." Gerich hält schweigend inne, atmet tief ein.

"Werden zwei Sachverständige zu einem Unfall gerufen, bekommen Sie immer leicht unterschiedliche Aussagen", räumt derweil Hößler ein. Gutachten habe man noch nie groß umschreiben müssen. Dennoch komme es bisweilen zu Fehlern. "Wenn Einsatzkräfte zum Beispiel Gegenstände an eine andere Stelle gelegt haben oder wenn Spuren abgedeckt wurden." Einmal sei bei einem Motorradunfall der Fahrer gestürzt, der Reifen aber weiter gerutscht. "Das wurde zuerst als zusätzliche Bremsspur gedeutet, daraus wurden falsche Schlüsse auf die Geschwindigkeit getroffen." Im Lauf des Verfahrens aber habe der Fahrer entlastet werden können. "Wir haben eine hohe Verantwortung", sagt Hößler.

"Weil die deutschen Hersteller ihre Raser schützen."

1987 hat Diplomingenieur Gerich sein Büro gegründet. Vorher hatte er eine Lehre zum Kfz-Mechaniker absolviert. "Ich hatte schon immer Öl an den Fingern." 1978 hat er bereits in einem Büro in Frankfurt Unfallwagen untersucht. "Da ist gerade der PC erfunden worden", sagt er. "Zu Unfallanalysen gab es noch kein Fachbuch, geschweige denn Software." Heute setzt er Drohnen ein, um einen Überblick bei Unfällen zu gewinnen. Dennoch: "Die Spurenlage war früher einfacher." Autos hinterlassen heute bei Unfällen immer weniger Abdrücke in der Straße. "Aufgrund von ABS blockieren beim Bremsen die Räder nicht mehr."

Mehr und mehr setzt Gerich auf einen kleinen Speicherchip, der inzwischen in vielen Fahrzeugen im Steuergerät des Airbags sitzt. "Es ist ein Wunderding", sagt Gerich. Der Chip erfasst und speichert unter anderem die Geschwindigkeit, den Lenkwinkel, die Bremse, das Getriebe und die Beleuchtung in den fünf Sekunden vor dem Unfall. Gerichs Büro kann die Daten bei Autos von Toyota und Chrysler auslesen. Doch deutsche Autohersteller bereiten den Gutachtern Schwierigkeiten. "Bei einem Audi lade ich Daten herunter, bekomme aber nur weiße Seiten", sagt Hößler. Dann müsse man einen Gerichtsbeschluss erwirken. Auf die Frage nach dem Grund antwortet Gerich: "Weil die deutschen Hersteller ihre Raser schützen."

Hößler ergänzt: "Da muss der Gesetzgeber handeln, für alle Autos müssen die gleichen Regeln gelten." In den USA seien der Chip und die Nutzung durch die Polizei nach Unfällen Pflicht. Die Verabschiedung einer Gesetzesvorlage sei im EU-Parlament 2018 erwartet worden. "Dann aber kam der Abgasskandal." Hößler sagt: "Ich weiß, die Daten sind da. Aber ich komme nicht dran. Es ist ein unbefriedigender Zustand." (Foto: srs)

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