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CEO Manfred Bender

Wettenberger Unternehmen PVA TePla

Unbekannter Weltmarktführer: Im Kreis Gießen entsteht High Tech für die ganze Welt

  • VonStefan Schaal
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Das Wettenberger Unternehmen PVA TePla erlebt aktuell einen deutlichen Auftrieb, an der Börse ist es soeben in den SDAX aufgestiegen. Die Hightech-Firma profitiert von einer starken Nachfrage nach Halbleitern. Doch was genau produziert die PVA TePla AG eigentlich?

Wettenberg – Am südlichen Rand Krofdorf-Gleibergs, im Industriegebiet des Wettenberger Westparks, nahe der Stelle, an der die Autobahn 480 endet, steht das wertvollste börsennotierte Unternehmen im Gießener Land. Der Wert wird auf 740 Millionen Euro geschätzt, vor wenigen Tagen ist es in den Aktienindex SDAX aufgestiegen. Und doch ist der Name des Unternehmens vielen im Kreis noch wenig bekannt: die PVA TePla AG.

Kürzlich habe er einem Bekannten in Wettenberg erzählt, wo er arbeitet, erzählt Manfred Bender. »Bei PVA TePla.« Die Antwort lautete: »Bei wem?« Bender, CEO des Unternehmens, und Marketing-Leiterin Sabine Blass sitzen an einem Holztisch auf einem Balkon. Unten im Innenhof plätschern künstliche Wasserfälle, Maschinenbauer und Physiker laufen durch eine Baumallee. 330 Menschen arbeiten hier in Wettenberg, rund 120 von ihnen in der Produktion.

Kreis Gießen: Firma aus Wettenberg stellt Halbleiter her

Bender stellt einen silberfarbenen, 30 Zentimeter hohen Gegenstand auf den Tisch, dessen Form an eine Kerze erinnert. Es ist ein Einkristall. Dann öffnet Bender eine Schatulle. In ihr liegt eine Scheibe: ein sogenannter Wafer, etwa einen Millimeter dünn, 20 Zentimeter Durchmesser, aus einem Einkristall herausgeschnitten. Auf dem Wafer sind kleine viereckige Kästchen zu erkennen. »Das sind Halbleiter«, sagt Bender. »Mikropozessoren.«

Der Chef von PVA TePla erklärt, womit sein Unternehmen Geld verdient. »Wir produzieren Anlagen, in denen reine, hoch qualitative Siliziumkristalle herstellt werden.«

Als er später durch die Produktionshalle läuft, zeigt er mächtige, vier Meter hohe Anlagen, deren Form an Raketen erinnert. In ihnen wird mit Siliziumkristallen der Rohstoff für Halbleiter produziert - die Technologie, die in jedem Computer, in jedem Auto und in jedem Smartphone steckt. PVA TePla ist in der Herstellung dieser Maschinen Weltmarktführer. Hauptkonkurrent ist ein Anlagenbauer in Südkorea. Bender schüttelt den Kopf. »Eigentlich ist es verrückt«, sagt er. Hier, im Gießener Land, entsteht High Tech für die ganze Welt. Aufgrund der rasant steigenden Nachfrage nach Halbleitertechnik hat sich der Börsenwert des Unternehmens von 300 Millionen Euro im August vergangenen Jahres auf nun 740 Millionen Euro mehr als verdoppelt.

Weltmarktführer aus dem Gießener Land hat rosige Zukunftsaussichten

Und die Nachfrage dürfte in den kommenden Jahren weiter deutlich steigen. In Wettenberg ist vor wenigen Tagen ein riesiger Auftrag eingegangen: Die Siltronic AG hat bei PVA TePla für den Aufbau einer Fabrik in Singapur Maschinen für 95 Millionen Euro bestellt. Derzeit verhandle man mit einem anderen Unternehmen über einen weiteren Großauftrag für eine Fabrik in Sizilien. Vor allem aus der Branche der Elektromobilität erwartet Bender zusätzliche Aufträge. Auch Vertrauen sei ein wesentlicher Faktor für den Erfolg des Unternehmens. »Durch unsere Anlagen erhalten wir relativ viel Einblick in Produktionsprozesse unserer Kunden«, berichtet Bender.

Mächtige, vier Meter hohe Anlagen: In ihnen wird mit Siliziumkristallen der Rohstoff für Halbleiter produziert - die Technologie, die in jedem Computer steckt.

Vor wenigen Tagen hat der Chiphersteller Intel bekannt gegeben, 80 Milliarden Euro in ein riesiges Chipzentrum in Europa zu investieren. Auch das ist für Bender eine positive Nachricht. PVA TePla entwickelt neben den Anlagen zur Kristallzucht auch Inspektionssysteme, um die Qualität von Kristallen und Wafern zu messen und zu scannen. In diesem Bereich seien Unternehmen wie Intel und Samsung ebenfalls Kunden. »Man will immer mehr Halbleiter auf kleinem Raum, die Reinheit des Ausgangsmaterial gewinnt zunehmend an Bedeutung«, erklärt Bender. »Unabhängig, wo investiert wird«, sagt er, »unsere Anlagen werden überall gebraucht«

Der CEO fügt hinzu: »Wir werden in der Zukunft sicher über eine Kapazitätserweiterung reden müssen.« PVA TePla beschäftigt in Jena in der Produktion weitere 65 Mitarbeiter. Auch in Wettenberg gibt es die Möglichkeit der Erweiterung, das Unternehmen hat ein Nachbargrundstück bereits gekauft.

Der Umsatz von 137 Millionen Euro 2020 dürfte in diesem Jahr auf 140, 150 Millionen Euro steigen, schätzt Bender. Es ist eine bemerkenswerte Entwicklung für ein Unternehmen, in dem 15 mittelständische Unternehmen unter einem Dach zusammengeschlossen sind. Auch Laboranlagen zur Kristallzucht befinden sich in Wettenberg.

Glücksfall für Wettenberg: Unternehmen siedelte sich im Kreis Gießen an

1991 hat sich PVA TePla aus der Aßlarer Firma Pfeiffer Vacuum herausgebildet, die sich damals auf die Produktion und Lieferung von Pumpen stärker konzentrieren wollte. Der Wettenberger Peter Abel bewies unternehmerisches Geschick und Gründergeist, als er PVA TePla als eigenständiges Unternehmen auf die Beine stellte. »Wir wollten so viele Mitarbeiter wie möglich, die hier in Mittelhessen verwurzelt sind, halten und auch für uns gewinnen«, erzählt Abel. »Als Standorte hatten wir zwei Optionen: Wetzlar, wo heute Leica sitzt. Und das Areal im Wettenberger Westpark.«

Seit 1991 ist das Unternehmen kontinuierlich gewachsen. In den vergangenen Monaten, aufgrund der hohen Nachfrage nach Halbleitern, ist der Wachstum rasant. Selbst in der Corona-Pandemie gab es keinen Einbruch. »Gefühlt ging die Welt unter, aber die Pandemie hatte keinen Einfluss auf das Geschäft«, sagt Bender. Und spätestens mit dem Aufstieg in den SDAX dürfte PVA TePla deutlich an Bekanntheit gewinnen. (Stefan Schaal)

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