1. Gießener Allgemeine
  2. Kreis Gießen
  3. Wettenberg

Das Wachstum von Wettenberg

Erstellt:

Von: Volker Mattern

Kommentare

ik_Dr_Ulrich_Kirschbaum__4c
Ulrich Kirschbaum © Volker Mattern

Wettenberg (m). Wettenberg definiert sich als lebendige und aufgeschlossene Gemeinde, die ihre fortschrittliche kommunale Arbeit an den infrastrukturellen, kulturellen, sozialen und sportlichen Einrichtungen sowie an der Wirtschaftskraft in den Dörfern Launsbach, Krofdorf-Gleiberg und Wißmar gemessen sehen möchte. Damit dies so bleibt, muss Politik zukunftsorientiert handeln.

Stichwort »Masterplan 2030«, mit dem die Gemeinde zukunftsfähig gemacht werden soll, was auch die geplante Ausweisung künftiger Wohn- und Gewerbegebiete sowie Verkehrsentwicklung und Umweltthemen beinhaltet.

Der Masterplan ist aber Reizthema in Wettenberg. Eine nicht unerhebliche Rolle spielte dieser bei einer Vortragsveranstaltung, zu der die Heimatvereinigung Wißmar ins Holz- und Technikmuseum eingeladen hatte. Thema: Die siedlungsgeschichtliche Entwicklung der Wettenberg-Dörfer mit Schwerpunkt auf Wißmar. Der Schulungsraum war mit über 70 Interessierten voll.

Prof. Ulrich Kirschbaum, über viele Jahre Professor an der THM in Gießen, stellte die Entstehung der Siedlungen vor mehr als 2000 Jahren und die Entwicklung der Dörfer in den letzten 300 Jahren dar. Um dafür ein besseres Verständnis zu bekommen, blickte der Ökologe zunächst weit zurück. Vor rund 320 Millionen Jahren ist die Grauwacke in die hiesige Gegend gekommen und zu flachgründigen, nährstoffarmen, sauren Böden verwittert. Deutlich später, vor rund 2,6 Millionen bis 15 000 Jahren - während einer Eiszeit - kam der Löss hierher. Lössanwehungen schufen fruchtbare Böden. Für die Menschen von vor 2000 Jahren waren solche Böden existenziell wichtig, denn sie lebten von der Landwirtschaft. Entlang der Lahn reihen sich, wie der Wissenschaftler aufzeigte, die sogenannten Altsiedeldörfer im Westen von Naunheim über Waldgirmes, Dorlar und Heuchelheim bis Wißmar. Funde von Münzen und Scherben belegen den Beginn der Siedlungen vor 2000 Jahren. Nachdem es in einem Weiler nicht mehr genügend Ackerfläche für die Ernährung der wachsenden Einwohnerzahl gab, galt es für die Jungen, sich nach neuen Siedlungsmöglichkeiten umzusehen. Man ging also in den damals weglosen Urwald und suchte so lange, bis man fruchtbare Böden fand, um dort ein neues Dorf zu gründen. Hilfreich dabei war die Kenntnis von »Gutbodenzeigern« unter den Pflanzen, die verrieten, dass an ihrem Standort günstige Bedingungen herrschten. Dort wurde der Wald gerodet, um Landwirtschaft betreiben zu können. Wasser und Holz nannte Ulrich Kirschbaum als wichtige Grundbedingungen für das Sesshaftwerden. Die drei Dörfer des heutigen Wettenberg waren begünstigt durch solche Bodenbeschaffenheit sowie die Lahn und Bäche wie beispielsweise Lohrbach, Wißmarbach, Gleibach und Fohnbach. Kaum anderswo in Hessen, so der Biologe, seien diese wichtigen siedlungstechnischen Standortfaktoren in dieser Güte zu finden. Das führte zu einem gewissen Reichtum der Menschen. Es gab Holz mit seinen vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten, Mühlen entstanden entlang der Bachläufe, und auch der Nachweis von Rennöfen ist geführt. Eisenerz aus dem benachbarten Biebertal trug mit zu diesem Reichtum bei. Wißmar, Krofdorf-Gleiberg und Launsbach wuchsen.

Eindrucksvoll aber die Ausweitung der Siedlungsflächen von 1800 bis 2000. Die Zahl der Einwohner und der Wohnhäuser verzehnfachte sich in Wißmar innerhalb dieses Zeitraums, die Siedlungsfläche aber wuchs um das 20-fache. Die wertvolle Lössfläche hat sich innerhalb der 200 Jahre laut Kirschbaum durch Überbauung etwa halbiert.

Mit dem Verlust landwirtschaftlicher Fläche und den zunehmenden weltweiten Abhängigkeiten, etwa von Getreidelieferungen, beschäftigte er sich im letzten Teil seines Vortrags. Um beispielsweise die etwas mehr als 5000 Einwohner in Wißmar autark ernähren zu können, reichen bei einem Bedarf von 0,25 Hektar pro Person die derzeit verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen bei Weitem nicht mehr aus. Auf einem Hektar guten Ackerbodens können nach seinen Darstellungen 5000 Kilogramm Weizen geerntet werden, was ausreicht für 6000 Ein-Kilo-Brote, mit denen 75 Personen pro Jahr versorgt werden können. Aus Sicht des Ökologen lauten die Schlussfolgerungen: sparsame Ausweitung von Baugebieten, stattdessen vorzugsweise innere Verdichtung. Dabei gelte es, Gärten und Grünflächen (wichtig fürs Mikroklima) und fruchtbare Böden nicht neuen Gewerbegebieten zu opfern.

Auch die Beobachtung der Altersstruktur der Bevölkerung sei wichtig, denn auch in Wißmar würden in den nächsten zehn bis 15 Jahren viele Häuser und Wohnungen leer stehen. Von der Hoffnung auf Rekultivierung von einst fruchtbaren Böden solle man sich freimachen. Dies funktioniere nicht, versichert Kirschbaum anhand von Darstellungen der Funktionen zyklischer Umwandlungen von organischen und anorganischen Stoffen und der komplizierten Zusammenhänge mikrobieller Ökologie.

»Die guten Böden sind das Tafelsilber, mit dem man sparsam umgehen sollte«, so der Wissenschaftler. FOTOS PM:/M

Siedlungsflaeche_Wissmar_3s
Siedlungsflaeche_Wissmar_3s © Volker Mattern

Auch interessant

Kommentare