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Auszeichnung für Siegfried Träger (3. v. l.) mit (v. l.) Jürgen Leib (l.), Bürgermeister Thomas Brunner und Norbert Schmidt.

Chronist des Neubeginns

  • VonVolker Mattern
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Wettenberg (m). Es gab viele nachdenkliche Momente, berührende Situationen und heitere Augenblicke. All das zeigte, dass sie wichtig war, diese Veranstaltung in Krofdorf: An 75 Jahre Verlust der Heimat und Vertreibung erinnerten am Freitagabend etwa 80 Gäste in der Mehrzweckhalle.

Seinerzeit hatte Krofdorf-Gleiberg den kriegs- bzw. nachkriegsbedingten Zuzug von rund 800 Menschen zu verkraften - das waren nicht nur die 500 Heimatvertriebenen aus dem Egerland, sondern auch Evakuierte, Ausgebombte und entlassene Soldaten, die aber zum Teil Krofdorf-Gleiberg im Laufe der Nachkriegsjahre wieder verliesen. »Wir müssen vor dem Horizont klar Schiff machen, weil niemand weiß, wie es dahinter weitergeht«, sagte Norbert Schmid. Er hatte gemeinsam mit Dr. Jürgen Leib diese Gedenkveranstaltung vorbereitet und initiiert; Ehrenbürgermeister Gerhard Schmidt gehörte ebenfalls dem Vorbereitungskreis an.

Heimatverlust als Chance begriffen

Es sei ein stückweit Pflege der Erinnerungskultur, auf die umso mehr geachtet werden müsse, je größer der Abstand zu den erinnerungswürdigen Ereignissen wird, hieß es, und: »Die Heimatvertriebenen waren und sind ein Gewinn.«

So ein Gewinn ist auch Dr. Siegfried Träger, gebürtig am 8. Januar 1939 in Liebauthal, Kreis Falkenau. Er ist ebenfalls ein Gestrandeter der großen Schicksalsgemeinschaft, von denen rund 500 zu Ostern 1946 nach Krofdorf-Gleiberg kamen. Träger wurde im Rahmen der Gedenk- und Erinnerungsveranstaltung der Kulturförderpreis der Gemeinde Wettenberg verliehen.

Norbert Schmidt beschrieb Siegfried (Siggi) Träger als einen Erkunder, der als damals Siebenjähriger mit kindlicher Neugier, vorurteilsfrei den Heimatverlust als Chance gesehen habe für ein Abenteuer. Dieses Abenteuer habe für ihn darin bestanden, seine neue Heimat kennenzulernen: als aufmerksamer Beobachter, interessierter Zuhörer und Interviewer von vielen hundert Einheimischen. »Akribisch notierte er alles, was er sah und erlebte, sammelte und archivierte es, um es zu analysieren, fügte Familienfotos bei, um auch bisweilen widersprüchlich Erscheinendes zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen«, erläuterte Schmidt.

Träger wollte Geschichten schreiben, aber nicht Geschichte, die Geschehnisse im Dorf dokumentieren, die sich zwischen Tragödie und Komödie bewegten. Historisch nicht besonders wertvoll, aber mindestens den Anspruch erhebend, Teil des kollektiven Gedächtnisses, grade der älteren Menschen zu sein.

So entstanden verschiedene Publikationen wie beispielsweise die Broschüre »Heimatverlust und Neuanfang«, in der auf 160 Seiten 781 Namen aus mehr als 100 Orten der ehemaligen Ostprovinzen Deutschlands, jenseits der Oder-Neiße-Grenze, aus dem Freistaat Danzig, Jugoslawien, Polen, Rumänien und Tschechoslowakei erfasst und mit biografischen Daten ergänzt sind. Vor 21 Jahren dann die Dokumentation »Gegen das Vergessen: Gefallen, Gestorben, Vermisst, Verschollen«. Bemerkenswert sei dieses Buch, so Norbert Schmidt, weil es zeige, wie schwer man sich in Krofdorf bisweilen mit der Erinnerungskultur tue. Unter www.fotofreunde-krofdorf- gleiberg-ev.de hat der Geehrte weit über 80 Dorfgeschichten ins Netz gestellt.

Den Kulturförderpreis der Gemeinde Wettenberg verlieh Bürgermeister Thomas Brunner an Siegfried Träger. Er würdigte den Preisträger und dessen Arbeit, die maßgeblich und hochwertig für die örtliche Geschichtsschreibung sei.

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