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Rolf Henrich aus Wißmar.

Bitte um Besonnenheit

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Warum erinnert sich Rolf Henrich heute an die Zeit in der Dorfschule Wißmar an der Schulstraße und erzählt davon? 1944 und 1945 herrschte ebenfalls eine - wenn auch völlig anders geartete - Ausnahmesituation. Für Schüler und Lehrer. Für Eltern. Und für die gesamte Gesellschaft. Henrich mahnt zur Besonnenheit.

Als Rolf Henrich 1942 eingeschult wurde, da war der Krieg von seinem Heimatdorf Wißmar noch weit weg. Doch zwei Jahre später änderte sich das schnell. Amerikanische oder britische Bomber steuerten Ziele in Mittelhessen an, Es gab Fliegeralarm. Es hieß: Raus aus dem Klassenraum, runter in den Luftschutzkeller. Und nach der Rückkehr in den Klassensaal dauerte es, bis die Drittklässler wieder bei der Sache waren und dem Lehrstoff folgten. Unterricht im Ausnahmezustand. Mit Belastungen für Schüler, Lehrer und Familien.

Nicht dass Henrich die pandemiebedingten Regelungen und die damit zusammenhängenden Beschwernisse in irgendeiner Weise mit Krieg vergleichen will. Das verbietet sich. Schon gar nicht hat er die Absicht, das eine oder andere zu relativieren oder Problemlagen zu verharmlosen.

Aber er möchte aufzeigen, dass mit Widrigkeiten, die massiv in den Alltag eingreifen und gerade Schulen belasten, vor knapp drei Generationen schon einmal umzugehen war. Und er rät, bei allem Verständnis für individuelle Sorgen und Nöte, allen Beteiligten zu Besonnenheit in der jetzigen Situation.

Der Senior aus Wißmar weiß sehr wohl, wovon er spricht: Er selbst war bis zu seiner Pensionierung im Juli 1996 Lehrer an der damaligen Friedrich-Feld-Schule in Gießen. Sein Sohn Thorsten ist Berufsschullehrer geworden, eine seiner Enkelinnen Grundschullehrerin. Insofern ist Rolf Henrich die Schullandschaft und deren Entwicklung bis heute vertraut. Mitsamt der gewandelten Aufgabe der Schule, die den Anspruch hat, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern heute zugleich Lebensraum zu sein.

Wobei es für den jungen Henrich aus Wißmar auch nach Kriegsende im Ausnahmemodus weiterging: Als einer der Wenigen aus seinem Dorf ging Henrich nach der Grundschulzeit im Jahr 1946 nach Gießen zum Alten Realgymnasium, der heutigen Herderschule.

Auch da war der Unterricht kein Zuckerschlecken, fand er anfangs doch - in Ermangelung von anderen Räumen - teils im Keller statt. Die Klassen waren übrigens größer als heute. In der Jahrgangsstufe 5, die damals noch Sexta hieß, waren 30 und mehr Schüler in einer Klasse. Klasse fünf war ein Angebot, das Rolf gleich zweimal nutzen durfte, denn er stand kurz davor, sitzenzubleiben. Solch eine drohende Blamage kam im Hause Henrich gar nicht gut an. Ergo meldete ihn der Vater vor Ende des fünften Schuljahres in Gießen wieder ab, schickte den Sohnemann zurück auf die Volksschule nach Wißmar. Im Schuljahr darauf gab es einen neuen Anlauf in der Sexta in Gießen. Sein erstes Englischbuch aus der »Fünf« hat Henrich zweimal durchgearbeitet und fast auswendig gekonnt.

Unterricht war seinerzeit übrigens an sechs Tagen in der Woche; nur der Sonntag war frei. Um die Lehrer war es 1945 und in den ersten Nachkriegsjahren nicht so dolle bestellt: Viele Lehrer waren im Krieg gewesen, waren nicht zurückgekehrt oder noch in Gefangenschaft. Andere wiederum hatten der NSDAP angehört, unterrichteten (erst einmal) nicht. Erst nach der sogenannten Entnazifizierung kehrten viele von ihnen in den Schuldienst zurück.

Wer also stand in den ersten Jahren nach Kriegsende vor den Klassen und unterwies in Rechnen, Schreiben, Lesen? Vielfach waren es pensionierte Lehrer, die ihre Laufbahn noch im Kaiserreich begonnen hatten. Oder aber es waren Abiturienten und Studenten.

Hinzu kam für viele, die mehr als die acht Jahr Volksschule im eigenen Dorf absolvierten, ein langer Weg: Denn weiterführende schulische Angebote gab es in der Regel nur in der Stadt. Gesamtschulen oder Mittelpunktschulen, wie wir sie heute kennen, sind Entwicklungen der 1960er und 1970er Jahre.

Noch einmal die Erinnerungen von Rolf Henrich: Mit der Kanonenbahn ging es von Wißmar nach Lollar, dort mit dem Anschlusszug nach Gießen und dann vom Bahnhof zu Fuß zur Schule. Hinzu kam der strenge Winter 1946/47, der immer wieder Zugausfälle zur Folge hatte. Dann ging es mittags mit der Straßenbahn vom Gießener Bahnhofsvorplatz bis nach Wieseck und von dort über den Wiesecker Friedhof und die Wellersburg Richtung Lahn und weiter gen Wißmar. Ein strammer Weg für einen Zehnjährigen.

Henrich sagt heute, 75 Jahre später, und will damit Hoffnung machen: »Wir jungen Leute haben das alles seinerzeit nicht als Belastung empfunden, die Eltern wohl schon…«

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