Nachverdichtung als Herzensangelegenheit: In Wißmar hat der Gießener Architekt Gerhard Schymik auf einen Garagen-Komplex ein modernes Wohnhaus aufgesetzt. Das kleine Bildzeigt die Garagen vor dem Umbau.	FOTOS: LKL/PM
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Nachverdichtung als Herzensangelegenheit: In Wißmar hat der Gießener Architekt Gerhard Schymik auf einen Garagen-Komplex ein modernes Wohnhaus aufgesetzt. Das kleine Bildzeigt die Garagen vor dem Umbau. FOTOS: LKL/PM

Nachverdichtung und Bauen im Bestand

Architektur-Projekt in Wißmar: Gießener Architekt nimmt an Landeswettbewerb teil

  • vonLena Karber
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Aus schäbigen Garagen hat Gerhard Schymik in Wißmar ein modernes Gebäude mit zusätzlichem Wohnraum geschaffen. Nun will er sein nachhaltiges Projekt bei der Architektenkammer einreichen.

Der Hinterhof wirkt wie verwandelt. Dort, wo vorher acht in die Jahre gekommene Garagen zu sehen waren, steht nun ein nobel wirkendes Gebäude mit pechschwarzer Schalung. Statt grauer Wellblechtore sieht man eine nagelneue Fassade aus Fichtenholz, statt Parkplatz-Charme spürt man das Flair modernen Wohnens. »Das Gelände wurde ästhetisch aufwertet«, resümiert Gerhard Schymik zufrieden. »Und gleichzeitig wurde der Bestand mit saniert.«

Mit »Bestand« meint der Gießener Architekt die Garagen. Denn verschwunden sind diese mitnichten - man sieht sie nur nicht mehr seit auf dem Grundstück in der Bahnhofstraße 6 neuer Wohnraum geschaffen wurde. Schymik hat diesen einfach auf die wenig ansehnliche Garagen-Batterie aufgesetzt und den gesamten Komplex gleichzeitig ästhetisch aufgewertet. Sein Motto: »Wenn man die Augen aufmacht und über den Tellerrand hinausschaut, kann man Potenziale erkennen.«

Der Ausgangspunkt: Umbau der ehemaligen Zigarrenfabrik in der Bahnhofstraße

So war es auch in diesem Fall: Von einem Freund, der das Grundstück gekauft hatte, bekam Schymik den Auftrag, die alte Zigarrenfabrik umzubauen. Die Schaffung von modernem Wohnraum im Bestand - ein Schwerpunkt seiner Arbeit, dem er sich mit Begeisterung widmete. Doch zusätzlich hatte der Architekt vor Ort bald schon ein weiteres Projekt im Visier: die Garagen im Hinterhof hatten seine Aufmerksamkeit erregt.

»Die standen noch nicht einmal an der Grundstücksgrenze, sondern völlig unmotiviert mitten auf dem Grundstück«, erinnert sich Schymik, der fand: »Das kann man so nicht lassen« und seinem Freund kurzerhand einen Deal vorschlug. Und so kam es, dass Schymik die Garagen modernisierte und erschloss und im Gegenzug darauf bauen durfte. »Das war ein Synergieeffekt», sagt der Architekt. »Er hat neue tolle Garagentore, Licht und Wasser und ich habe obendrauf das Gebäude.«

Der Innenausbau: Raumhöhen sind der Nutzung angepasst

Im März legte Schymik los und zum Jahreswechsel soll die Mietwohnung bezugsbereit sein. Dadurch, dass es sich bei dem Gebäude um einen Holzskelettbau handelt, der vorgefertigt auf die Garagen aufgesetzt wurde, sei alles recht schnell gegangen, erzählt der Architekt. »Es hätte schon längst fertig sein können, aber ich mache das in aller Ruhe, weil es auch innen sehr speziell wird.«

Was Schymik damit meint, wird beim Betreten der Wohnung schnell klar: Auf der rechten Seite, von der Bahnhofstraße her kommend, gibt es einen Flur, der sich über die gesamte Länge des Gebäudes erstreckt - fensterlos, damit man nicht auf die Autos blickt. Und links befinden sich die einzelnen Zimmer, deren Höhe variiert. »Die Garagen sind ja abgestuft gewesen, und diesen Höhenversatz habe ich im Gebäude aufgenommen«, erklärt Schymik. Entsprechend habe er die Wohnung modular aufgebaut: auf jeder Garage sitze ein Raum, durch die Abstufung der Garagen steigt die Deckenhöhe von Raum zu Raum um 16 Zentimeter. »Das ist sehr speziell, weil die Raumhöhen der Nutzung angepasst sind.«

So liegt zu Beginn des Flures das Bad mit einer Deckenhöhe von 2,20 Meter. Am Ende mündet der Flur in einen Wohnraum, für den die Fläche mehrerer Garagen zusammengefasst wurde und der 3,40 Meter hoch ist.

»Der eigentliche Wohnraum ist riesig und hat eine ganz tolle Wohnatmosphäre«, schwärmt Schymik.

Der Wohnbereich: viel Glas und eine tolle Aussicht ins Grüne

Eine Besonderheit ist der Ausblick in diesem Bereich: der Blick geht ins Grüne. In Richtung Gießen gibt es eine große Terrasse, die optisch zur Wohnung zu gehören scheint. Denn bei der elektronischen Schiebetür hat Schymik großflächig mit Glas gearbeitet und bewusst besonders schmale Profile eingesetzt, um das Haus »zur Natur hin zu öffnen«, wie er sagt. Eine Blumen-Tapete, die den Außenbereich und den Innenbereich verbindet, soll diesen Eindruck verstärken.

Das Thema Nachhaltigkeit ist Schymik besonders wichtig. »Der Holzbau ist ein Passivhaus, das mit einer Luft-Wärme-Pumpe betrieben wird und hochgradig energieeffizient ist«, sagt er. »Und da es heute sehr teuer ist, wenn man ein Grundstück kauft und neu baut, ist es sogar sehr wirtschaftlich.«

Lob aus der Fachpresse und Teilnahme an hessischem Architekturwettbewerb

Schymik will sein Projekt, das in einschlägigen Fachzeitungen überschwänglich gelobt wurde, auch bei der Architektenkammer einreichen - im Rahmen des Wettbewerbs »Vorbildliche Bauten in Hessen«. Für ihn verstehe es sich von selbst, dass er versuche, besondere architektonische Sachen zu bauen, meint er. »Das, worum es mir gerade bei dem Projekt in Wißmar geht, ist, dass man die Möglichkeiten erkennt.«

Schymiks Mission: Nachhaltigkeit, Nachverdichtung und Bauen im Bestand

Ob leerstehende Gebäude, Baulücken oder Garagen - die Themen Nachverdichtung und »Bauen im Bestand« liegen Schymik am Herzen. Gerade im ländlichen Bereich gebe es sehr viel Leerstand, der nicht genutzt werde, sagt er. Und gleichzeitig würden neue Flächen für Neubaugebiete erschlossen - häufig sogar ohne, dass das wirklich schön sei, wie er findet. Seine Mission ist daher klar: »Ich möchte dazu ermutigen, Projekte zu entwickeln; ohne neue Flächen zu versiegeln. Die Räume sind vorhanden.«

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