Wenn Schüler in Streit geraten

  • Rüdiger Soßdorf
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An einer Grundschule hat es vor den Sommerferien in der Nachmittagsbetreuung Stress gegeben. Ein Kind soll verletzt worden sein, Eltern erheben Vorwürfe. Es stellt sich die Frage: Ist das ein Einzelfall oder hat der Pakt für den Nachmittag ein strukturelles Problem? Nachgefragt bei Verantwortlichen und Experten.

Die Vorfälle sind nicht so leicht abzutun: Eltern berichten, dass Kinder während der Nachmittagsbetreuung an der Grundschule verbal und körperlich aneinandergeraten seien. Und nicht nur einmal. Ein Grundschüler soll dabei sogar Verletzungen davongetragen haben. Harter Vorwurf der Eltern eines Schülers: Ein Teil des Betreuungspersonals komme seiner Aufsichtspflicht nicht nach. Die Schulleitung nahm sich der Sache an, ebenso der Elternbeirat. Auch der Landkreis als Träger des »Pakts für den Nachmittag« wurde eingeschaltet. Schuldezernent Christopher Lipp, Anfang September dazu angefragt, hatte die Sache ebenfalls auf dem Schirm.

An welcher Grundschule sich dies zugetragen hat, tut nichts zur Sache. Es wirft aber strukturelle Fragen auf: Was ist zu beachten, wenn Kinder ihre Freizeit nachmittags in der Betreuung in der Schule verbringen? Und was hat sich durch Corona in der Betreuung verändert? Läuft es überall rund? Nicht zuletzt: Wie sind die Vorfälle an jener Grundschule einzuordnen?

»Konflikte unter Schülern treten an jeder Schule auf«, heißt es vom Landkreis. Die dortige Schulverwaltung, die mit der Organisation des »Pakts« betraut ist, hat sich im Sommer eingehend mit dem Thema befasst. Komme es zum Streit, würde dies in der Regel durch die Verantwortlichen in den Schulen aufgearbeitet - zeitnah mit allen Betroffenen: Kindern sowie Eltern. Und zwar unabhängig davon, ob Konflikte am Schulvormittag oder am Nachmittag aufgetreten seien. So sei es auch an jener Schule geschehen.

Ohnehin hat man beim Landkreis, der den »Pakt« an der überwiegenden Mehrheit der 39 Grundschulen organisiert, keine Häufung von Schülerkonflikten ausgemacht. Solche Vorfälle seien nicht an den Kreis herangetragen worden, heißt es auf Anfrage. Auch haben sich keine Eltern mit Beschwerden an die Schulverwaltung gewandt. Ebenso seien von anderen Schulen keine außergewöhnlichen Vorkommnisse bekannt.

Den Vorwurf, dass das pädagogische Ganztagspersonal seiner Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sei, weist der Kreis zurück und stellt sich schützend vor die Mitarbeiter. Eine Aufsichtspflichtverletzung sei »seit Paktbeginn von keiner Grundschule bekannt«, schreibt der Kreis. Ganz im Gegenteil habe man just aus jener Grundschule seit Paktbeginn 2015/16 viele Rückmeldungen von Eltern erhalten, die sich positiv über das vielfältige Ganztagsangebot äußerten.

Bei den Betreuerinnen und Betreuern, die der Kreis für den »Pakt« an mehr als 30 Grundschulen beschäftigt, handelt es sich um pädagogische Fachkräfte, also auch Lehrer und Erzieher, die zusätzlich für die besondere Arbeit in der Ganztagsbetreuung fortgebildet werden. Hinzukommen vor allem Studenten aus pädagogischen Studiengängen oder Mitarbeiter aus dem Gemeinwesen. Auch für dieses Personal würden begleitende Fortbildungen angeboten. Ebenso erfolgt eine enge fachliche Anleitung durch das Stammpersonal, etwa mit regelmäßigen Team-Sitzungen.

Wobei sich auch die Nachmittagsbetreuung in Zeiten der pandemiebedingten Einschränkungen geändert hat: Allerorten sind an den Schulen Angebote umstrukturiert oder zurückgefahren worden, um das Infektionsrisiko zu reduzieren. Manche wurden auch eingestellt. So achten die Schulen in der Betreuung darauf, dass sich Gruppen nicht mischen. Individuelle Einwahlangebote in AGs beispielsweise sind dabei schnell auf der Strecke geblieben.

Da entsteht bei Eltern schnell der Eindruck, es werde nur noch das Spiel beaufsichtigt anstelle der eigentlich erwünschten angeleiteten Aktivitäten und Aktionen.

Kinder konnten in den vergangenen Monaten ihre Freizeit nicht so unbeschwert gestalten, wie sie es aus der Zeit vor Corona kannten. Einschränkungen fanden und finden Kinder wie auch Betreuer und AG-Leiter nicht prickelnd. Das hat die Situation insgesamt sicherlich nicht entspannt, sondern war teils emotional belastend.

Jürgen Vesely kennt sich mit diesem Thema aus. Er ist Leiter der Erich-Kästner-Schule in Lich, eine der größten Grundschulen im Kreis mit fast 400 Schülern, und zugleich stellvertretender Vorsitzender des Interessenverbandes hessischer Schulleiter.

»Regeln, die am Vormittag in der Schule gelten, sind am Nachmittag nicht außer Kraft«, sagt Vesely ganz grundsätzlich. Klar ist für den erfahrenen Pädagogen zudem: Auch wenn Betreuung am Nachmittag in der Schule organisiert wird, so ist es für die Kinder deren Freizeit. »Sie wollen spielen, toben, lassen es krachen… Es ist jedenfalls keine schulische Situation, und schon gar kein Unterricht für sie.«

Wichtig bei Schule wie auch Betreuung: Je länger der Tag fortschreite, desto schneller sinke die Aufnahmefähigkeit der Kinder, desto niedrigschwelliger sollten Angebote sein. Vesely rät, zwar »lange Leine« zu lassen, aber darauf zu achten, dass eine Situation nicht eskaliert.

Die Konfliktsituation an der eingangs erwähnten Grundschule kann und will Vesely nicht bewerten. Jede Schule müsse zudem bei der Betreuung zu ihrer eigenen Struktur finden, keine ist mit einer anderen vergleichbar. »Was bei uns in Lich gut und richtig ist, wird an einer anderen Schule womöglich nicht funktionieren«, sagt Vesely, der über reichlich Erfahrungen mit dem Pakt für den Nachmittag verfügt. Bald 200 Kinder nutzen an der Erich-Kästner-Schule die Betreuung. Tendenz steigend.

Laut Vesely sei es gar nicht nötig, dass alle Betreuungskräfte beim »Pakt« aus dem erzieherischen Geschäft kommen. Wichtig sei es aber, stets ein paar »Profis« dabei zu haben. Der Mix mache es.

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