Wenn die Rente nicht reicht

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Gießen (pm). Immer mehr Menschen im Landkreis Gießen sind neben ihren Altersbezügen auf staatliche Stütze angewiesen. Die Zahl der Empfänger von "Alters-Hartz-IV" stieg innerhalb von zehn Jahren um 85 Prozent. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit. Sie beruft sich auf Angaben des Statistischen Landesamtes. Danach erhielten in ganz Hessen zuletzt rund 93 000 Rentner Grundsicherung - 74 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Gab es im Landkreis Gießen 2008 noch 2072 Bezieher von Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung, so waren es im vergangenen Jahr bereits 3834.

Andreas Kampmann, Geschäftsführer der NGG-Region Nord-Mittelhessen, sieht den Trend mit Sorge - und fordert eine "rentenpolitische Kurskorrektur". Insbesondere die von der Bundesregierung angekündigte Grundrente müsse rasch angepackt werden, um ein Ausufern der Altersarmut im Landkreis zu verhindern.

"Die amtlichen Zahlen zeigen nur die Spitze des Eisbergs. Denn sehr viele Menschen, die wegen Mini-Renten eigentlich einen Anspruch auf die Grundsicherung haben, schrecken aus Scham vor einem Antrag zurück", sagt Kampmann. So sind nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bundesweit aktuell bereits 16,8 Prozent der Rentner von Armut bedroht. Ohne die Einführung einer Grundrente könnte das Armutsrisiko laut DIW bis zum Jahr 2039 auf 21,6 Prozent steigen.

Eine entscheidende Ursache für dürftige Renten seien niedrige Einkommen. Auch wer Jahrzehnte in einer Bäckerei oder einem Restaurant gearbeitet hat, lande im Alter oft unter der Armutsschwelle. Hinzu komme der Trend zu Teilzeit und Minijobs, erklärt der Gewerkschafter.

Hier setze die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil geplante Grundrente an: Danach sollen die Bezüge von Menschen, die mindestens 35 Jahre lang gearbeitet haben und bei der gesetzlichen Rente trotzdem unter die Grenze von 896 Euro kommen, um bis zu mehrere Hundert Euro im Monat aufgebessert werden. "Das Modell wäre ein wichtiger Beitrag für mehr Gerechtigkeit im Rentensystem. Es würdigt die Leistung von denen, die ein Leben lang in die Rentenkasse eingezahlt haben", sagt Kampmann.

Die Gewerkschaft lehnt eine Bedürftigkeitsprüfung ab. "Wer eine solche Prüfung fordert, trifft die Falschen, weil es in den allermeisten Fällen um Haushalte mit kleinen Einkommen geht", so Kampmann.

Die NGG fordert die Große Koalition auf, bei dem Thema jetzt "ernst zu machen". Wer Jahrzehnte gearbeitet habe, habe mehr verdient als die bloße Grundsicherung. Am Ende stehe ein Stück des gesellschaftlichen Zusammenhalts auf dem Spiel.

Das Bundesarbeitsministerium geht bei der Grundrente von jährlichen Kosten von etwa fünf Milliarden Euro aus. Das mag sich erst einmal sehr viel anhören. "Doch allein die Bankenrettung im Jahr 2008 hat den Steuerzahler rund 60 Milliarden Euro gekostet", sagt Kampmann.

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