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Das Ehepaar Faber (l.), Harald Krieger (r.) und Anwohner wollen Müllcontainer gegenüber ihres Hauses verhindern.

Wenn Nachbarn sich wehren

  • VonStefan Schaal
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Als Anwohner in Linden erfahren, dass vor ihren Terrassen und Balkonen eine Müllstation des Seniorenzentrums entstehen soll, reagieren sie mit Briefen und einer Unterschriftenliste. Ihr Protest und die Antwort des Pflegeheims zeigen auf, wie derartige Nachbarschaftsstreitigkeiten im Frieden diskutiert werden können.

Das Stimmengewirr in der Idylle wird lauter. »Dass die da Mülleimer hinstellen, kann doch nicht wahr sein«, beklagt eine Frau. »Wir sind nicht informiert worden«, sagt ein anderer. Es sind Nachbarn, die hier im Grünen auf einer Terrasse in Leihgestern beisammensitzen. Sie diskutieren und brechen in Lachen aus, dann schimpfen sie - und unterhalten sich im nächsten Moment im Plauderton.

Auf einem Tisch liegen Pläne, Briefe und eine Unterschriftenliste. Horst Faber beendet das Stimmengewirr. »Wir können gemeinsam singen«, sagt er. »Aber nicht gemeinsam schwätzen.«

Wenn von Säulen der Demokratie die Rede ist, werden Parlamente, das Grundgesetz, der Rechtsstaat, Wahlen und die Presse genannt. Ein weiterer Grundpfeiler wird dabei zumeist unterschlagen: die Nachbarschaft, die häusliche Gemeinschaft.

Im Kreisgebiet haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder Anwohner organisiert, um beispielsweise gegen Straßenbeiträge zu kämpfen, Bekannte und Nachbarn gründen Bürgerinitiativen. Nicht immer müssen sie im Recht sein, bisweilen verzetteln oder verrennen sie sich auch. In Leihgestern in der Elisabeth-Schwarzhaupt-Straße haben sich in den vergangenen Wochen Nachbarn zusamengeschlossen, nachdem einer von ihnen, Horst Faber, mit einem Bauarbeiter geplaudert hat.

»Er hat vor unserer Terrasse Zäune für eine Baustelle aufgestellt«, erzählt Faber. Das Seniorenzentrum gegenüber wird seit September vergangenen Jahres für rund 20 Millionen Euro umgebaut und erweitert. »Der Arbeiter hat gesagt: Hierhin kommen die Müllcontainer.« Er habe auf die Stelle gegenüber der Terrasse der Fabers gedeutet.

Der Lindener recherchierte, unterhielt sich mit Mitarbeitern der Stadtverwaltung, sprach Nachbarn an und kam zu dem Schluss: Die geplante Aufstellung von Müllcontainern des Seniorenzentrums vor dem eigenen Wohnhaus müsse zu verhindern sein.

Die Nachbarn formulierten Anfang dieses Monats einen Brief an die Geschäftsleitung des Pflegeheims. »Wir können uns mit der Planung der Müllstation in keinster Weise einverstanden erklären«, schreiben die Anwohner. Abfallcontainer vor ihren Terrassen und Balkonen seien »nicht hinnehmbar« - aus Geruchsgründen und aufgrund des Lärms durch Müllfahrzeuge.

Die Nachbarn äußern sich kämpferisch, als sie auf der Terrasse sitzen und ihren Sorgen Luft verschaffen. Die Müllstation könnte doch weiter nördlich aufgestellt werden, sagt Faber. »Wir leben sonst im Angesicht des Mülls«, sagt seine Frau. Sie hoffe zudem auf eine neue Einbahnstraßenregelung durch die Stadt. Die Nachbarn erklären, gegen das Seniorenzentrum selbst hätten sie nichts. Sie befürchten klinische Abfälle vor ihrer Tür. Er fühle sich vom Seniorenzentrum unzureichend informiert, sagt Harald Krieger, ein Wohnungseigentümer.

Faber hat zuvor im Breiten Weg gewohnt und dort vor wenigen Jahren noch gegen Straßenbeiträge gekämpft. »Ich bin schon überall unbeliebt«, sagt er. Krieger widerspricht. »Was du machst«, sagt er, »nennt man Zivilcourage.«

Wenn Bürger sich wütend zusamenschließen, sind die Fronten in vielen Fällen schnell verhärtet, dann wird es unsachlich, Kompromisse rücken in weite Ferne. In Leihgestern ist es anders gelaufen.

Marianne Wander, die Vorsitzende des Trägervereins des Seniorenzentrums, hat die Anwohner zu einem Treffen eingeladen, gemeinsam mit einem Architekten und einem Außenplaner des Bauprojekts.

Am Montag saßen sie sich gegenüber. Und Wander ging auf die Fragen der Nachbarn ein. Eine Geruchs- und Lärmbelästigung werde es nicht geben. In den Containern landen keine klinischen Abfälle. Es handle sich um eine gewöhnliche Abfallentsorgung. »Essensreste werden ab der Küche verschlossen verpackt und separat in einem Abfallkühler gelagert.«

Bei den Anwohnern hingegen landen Essensreste in der grünen Tonne, sagt Wander, eine Geruchsbelästigung werde eher bei ihnen anfallen. Protest gegen die Pläne komme schlicht zu spät, betont sie außerdem. Man stehe kurz vor der Fertigstellung. Die Arbeiten befinden sich seit 2016 in der Planung, seit Mai 2018 ist der Bau genehmigt. Alle Anwohner und Eigentümer hätten für Wünsche ausreichend Zeit gehabt, es habe mehrere Informationsveranstaltungen gegeben. Eine Änderung der Außenanlage und damit auch des Standorts der Müllstation »würde bedeuten, dass wir das Kellergeschoss des Erweiterungsbaus mit Außenbereich neu planen und genehmigen lassen müssen«.

Am Ende gibt es ein Entgegenkommen. Ein Zaun direkt vor der Müllstation werde zwei statt wie geplant 1,20 Meter hoch gebaut, erklärt Wander. Ein Hainbuchenhecke soll durch eine immergrüne Hecke ersetzt werden.

Faber erklärt anschließend, für die Anwohner und Wohnungseigentümer sei das Treffen enttäuschend verlaufen. Das nachbarschaftliche Verhältnis zum Seniorenzentrum sei »stark getrübt«. Man könne sich des Eindrucks nicht erwehren »es wurde eine andere, auch für die Anwohner erträgliche Lösung gar nicht gesucht.« Der Plan mit der Müllstation vor der Haustür sei »wohl bewusst zurückgehalten« worden, »um Einsprüche erst gar nicht aufkommen zu lassen«. Auch von der Stadt sei er enttäuscht.

Mehr allerdings werden die Anwohner zum jetzigen Zeitpunkt schwerlich erreichen können. Wander weist die Vorwürfe zurück. »Wenn Ende des Jahres der Bau für die Tagespflege fertiggestellt ist«, schlägt sie dann vor, »trinken wir einen Kaffee zusammen.«

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