Wenn Lehrlinge wie Studenten wohnen

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Gießen/Fulda(pm). Der "Stift", der nur fegen und Kaffee kochen darf? Solche Klischees von Ausbildung waren gestern. Heute suchen viele Unternehmen händeringend Fachkräfte-Nachwuchs. Ein angespannter Wohnungsmarkt und vielfältige persönliche Gründe sorgen dafür, dass viele junge Menschen den Schritt in eine Ausbildung gar nicht erst tun.

Der Landkreis Gießen lotet nun gemeinsam mit Vertretern aus Handwerk, Handel, Dienstleistung und Arbeitsagentur Möglichkeiten aus, Ausbildung attraktiver zu machen und Unternehmen durch Azubi-Wohnprojekte zu unterstützen. Impulse dafür gab es in Fulda: Dort entsteht der bundesweit erste Azubi-Campus. "PINGS" heißt das Projekt, das der Kreis Fulda gemeinsam mit der Kolping Jugendwohnen gGmbH als Betreiber gestartet hat.

Das Projekt verbindet die Vorzüge klassischen studentischen Wohnens - Begegnung mit Gleichaltrigen in gleicher Lebenssituation, gemeinsames Lernen und Freizeitgestaltung - mit Betreuung und Unterstützung während der beruflichen Ausbildung, die für viele junge Menschen auch den Schritt in die ersten eigenen vier Wände bedeutet.

Unternehmen reservieren Plätze

Landrätin Anita Schneider regte bei der Kreishandwerkerschaft Gießen und weiteren Akteuren eine Fahrt nach Fulda an. "Es geht darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie ein solches Projekt aussehen kann", erklärte sie. "Der Bedarf ist riesig. Wir möchten gemeinsam überlegen, welche Ansätze und Ideen wir zugeschnitten auf unsere Region verfolgen können." Zur Gießener Delegation gehörten unter anderem Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Gießen, Eckart Schäfer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Gießen, Kreishandwerksmeister Kay-Achim Becker, Vertreter der Firmen Walz (Lich) und Gross (Wettenberg), der Sparkasse Gießen sowie der Asklepios-Klinik Lich.

Im Landkreis Fulda gebe es mittlerweile deutlich mehr freie Ausbildungsplätze als Bewerber, erklärte der dortige Erste Kreisbeigeordnete Frederik Schmitt. Dabei sei die Region stark mittelständisch geprägt, vor allem von familiengeführten Handwerksunternehmen. Gemeinsam mit Kolping brachte der Landkreis Fulda das Pilotprojekt auf den Weg.

Im Herzen der Domstadt verkehrsgünstig gelegen, entstand in einem kreiseigenen früheren Seniorenheim der Azubi-Campus. Im August zogen die ersten Bewohner ein. Gut 13 Millionen Euro investierte der Landkreis für die Neugestaltung des Komplexes, der nach Fertigstellung über 120 moderne Wohnplätze, Möglichkeiten für gemeinsames Kochen und Essen, loungeartige Räume, ein Beachvolleyballfeld und vieles mehr verfügen wird. Ganz wie ein Uni-Campus für Studierende steht "PINGS" allen Auszubildenden offen, erklärte Geschäftsführer Steffen Kempa.

Das Kolpingwerk gewährleistet die sozialpädagogische Begleitung und Unterstützung der Bewohner. Unternehmen können Wohnplatz-Kontingente reservieren. In den meisten Fällen sorgt ein Arbeitnehmerzuschuss ebenso wie die Berufsausbildungsbeihilfe - kurz Azubi-BAföG - für eine erheblich reduzierte Miete.

"Das Projekt ist außergewöhnlich", sagte Björn Hendrischke von der Kreishandwerkerschaft. "Es geht nicht darum, es genauso auf unsere Region zu übertragen. Gemeinsam können wir aber schauen, welche Elemente wir aufgreifen können."

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