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Zur Chinesischen Arzneimitteltherapie zählen Methoden wie die Akupunktur, Bewegungsübungen wie Qigong und Massagetechniken. In der Praxis in Linden zählt auch das Schröpfen dazu. FOTO: PANTHERMEDIA/ANDREYPOPOV

Schröpfen, Akupunktur, Qi Gong

Wie wirksam ist Traditionelle Chinesische Medizin?

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Exotische Kräuter, Qi Gong, Akupunktur: Immer mehr Patienten vertrauen der Traditionellen Chinesischen Medizin - ob bei einfachen Erkältungen oder schweren Erkrankungen. Auch in Linden gibt es eine Praxis. Doch ist das Vertrauen aus dem wissenschaftlichen Blickwinkel der westlichen Medizin gerechtfertigt?

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) boomt. Mit umgerechnet fast 120 Milliarden Euro im Jahr macht sie in China ein Drittel des Umsatzes im Gesundheitssektor aus. Auch im Kreis Gießen gibt es zunehmend Praxen, die auf fernöstliche Behandlungsmethoden setzen. Ein Besuch bei Limin Li und Dr. Antje Holzhauer in Großen-Linden.

Traditionelle Chinesische Medizin: Kräuter und Nahrungsergänzungsmittel

Auf zwei Dinge legt Li gleich zu Beginn des Gesprächs großen Wert. "Unsere Patienten bekommen bei uns keine Medikamente", sagt er. "Sie erhalten Kräuter und Nahrungsergänzungsmittel." Diese importiere man über die Niederlande, der Händler lege Zertifikate vor. Seepferdchenpulver oder Nasenhornextrakte, wie sie Gerüchten zufolge in vereinzelten TCM-Praxen ausgegeben werden, gebe es in Linden auf keinen Fall. Und noch etwas ist ihm wichtig. "Nennen Sie mich Herr Li. Nicht Doktor Li."

Li, ein 46 Jahre alter Chinese, sitzt neben seiner Partnerin Dr. Antje Holzhauer hinter einem großen weißen Schreibtisch in einer Heilpraxis mitten im Gewerbegebiet in Großen-Linden. In einer Ecke steht ein Glücksbuddha aus Holz. Li ist Mediziner, er hat Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in seiner Heimat studiert. Hier in der Praxis in Linden ist er in beratender Funktion tätig.

Traditionelle Chinesische Medizin: Weniger Lobby als die Schulmedizin

Auf Visitenkarten trägt Holzhauer, Inhaberin der Praxis, einen Doktortitel. Sie ist allerdings wohlgemerkt Geisteswissenschaftlerin und hat einst über "Rache und Fehde in der mittelhochdeutschen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts" promoviert.

Li und Holzhauer äußern sich im Gespräch mit dieser Zeitung vorsichtig. So vorsichtig, dass sie nach so mancher kritischen Frage am Ende bitten, keinen Artikel zu veröffentlichen. Im Bereich der Heilpraktiker werde schnell geredet, die Konkurrenz sei groß. "Wir halten lieber die Bälle flach." Dies hat auch damit zu tun, dass die TCM weit weniger Lobby genießt als die Schulmedizin. 

Um die Nervosität zu verstehen, reicht ein Satz aus. "Traditionelle Chinesische Medizin beruht nicht auf Wissenschaft, sondern auf Mystizismus, Magie und Anekdoten." Dieser Satz war vor einigen Jahren im Magazin "Science" zu lesen. Ausgesprochen hat ihn nicht etwa ein westlicher Schulmediziner, sondern ein renommierter chinesischer Wissenschaftler, Fang Zhouzi Shi-min.

Traditionelle Chinesische Medizin: Angenehme Ruhe

Weil eine Wirksamkeit der Behandlungsmethoden der Traditionellen Chinesischen Medizin - außer bei Akupunktur für die Behandlung von Rücken und Knie - bisher nicht erwiesen ist, müssen sich viele Praxen mit Gegnern auseinandersetzen. Auch Li und Holzhauer haben sich von Schulmedizinern im Kreisgebiet skeptische Äußerungen schon öfter anhören müssen.

Eine angenehme Ruhe herrscht in Lis Behandlungszimmer, als er kleine Gläser auf den Rücken einer Patientin setzt. Die Luft im Inneren der Gläser ist erhitzt, dadurch entsteht Unterdruck - die Gläser sind daher fest auf der Haut gesaugt.

Traditionelle Chinesische Medizin: Schröpfen und Massage

Li schröpft seine Patienten, er massiert sie auch. Der 46-Jährige hat östlich von Peking nahe der nordkoreanischen Grenze acht Jahre lang studiert. Sein Abschluss in Traditioneller Chinesischer Medizin wird auch vom Landesprüfungsamt Frankfurt anerkannt.

Eine Patientin schreibt über die Praxis in Linden auf Facebook: "Wer weiß, wo ich jetzt mit der Schulmedizin wäre. So kann ich wieder essen und lachen." Weltweit wächst die Zahl der Institute und Pharmafirmen, die in den Mitteln der Traditionellen Chinesischen Medizin nach Wirkmechanismen suchen.

Traditionelle Chinesische Medizin: "Das wird seit 1000 Jahren praktiziert. Und es ist noch keiner daran gestorben"

Die Methoden seien allerdings aus westlicher Sicht schwer zu vergleichen und zu bewerten, betont Dr. Angela Smith, Ärztin vom Medizinischen Kompetenzzentrum der AOK. "Die Traditionelle Chinesische Medizin zielt nicht auf Krankheitssymptome, sondern auf Ungleichgewichte im Körper."

Dies betonen auf Nachfrage auch Dr. Michael Knipper, Mediziner an der Gießener Uni, und Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen. Die Traditionelle Chinesische Medizin folge einer anderen Herangehensweise. "Bei uns funktioniert es auf jeden Fall", sagt Holzhauer. "Das wird seit 1000 Jahren praktiziert. Und es ist noch keiner daran gestorben."

Traditionelle Chinesische Medizin: Puls, Zunge und Augen

Li erklärt, zuerst überprüfe man Puls, Zunge und Augen. Man lasse sich dabei nicht nur von einem Krankheitssymptom leiten. "Ich behandle den inneren Zustand. Manchmal sind Körper zu heiß, andere sind zu kalt." Es gehe darum, ein Gleichgewicht herzustellen. Er versuche, die Selbstheilungskräfte der Patienten zu aktivieren. Vor allem bei chronischen Krankheiten wie Rheuma, Heuschnupfen und Bluthochdruck sei die TCM wirksam. "Ich will helfen, nicht heilen." Auf die Frage, wie er zur Schulmedizin stehe, sagt Li: "Beide Seiten müssen zusammenarbeiten und sich ergänzen."

Traditionelle Chinesische Medizin: Experten raten zu Offenheit

Fragt man Experten, wie die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) zu bewerten ist, raten sie durchaus zu Offenheit der TCM gegenüber. Ein Zeichen für Seriosität sei, wenn die Praxis die Schulmedizin nicht kategorisch als schädlich ablehnt. Man solle zudem nach Zertifikaten fragen und woher die Praxis Pillen und Kräuter bezieht, erklären Dr. Michael Knipper vom Institut für Geschichte der Medizin an der Justus-Liebig-Universität, Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen und Dr. Angela Smith vom Medizinischen Kompetenzzentrum der AOK.

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