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Mit den Händen sprechen: Beim Kochkurs für Gehörlose geht es ohne Gebärdendolmetscherin (r.) nicht. FOTO: TI

Wenn das Gehör fehlt

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Inklusives und barrierefreies Lernen ist für Menschen mit Beeinträchtigungen nicht überall selbstverständlich. Die VHS des Landkreises bemüht sich dennoch darum, unter anderem mit dem Projekt "Inklusive Volkshochschule". Ein Kochkurs für Gehörlose gehörte in diesem Jahr dazu. Das Motto: Bestens versorgt und ruck zuck fertig.

Mittwochnachmittag, kurz vor fünf an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich. Der Unterricht ist lange vorbei, doch in einigen Räumen brennt noch Licht. Auch in der Küche, wo sich der Duft von frisch zubereitetem Yogi-Tee ausbreitet. Im Speiseraum nebenan ist eine kleine Tafel weihnachtlich dekoriert, gesunde Häppchen stehen zwischen Tassen und Tellern. Ernährungsberaterin Elke Männle trifft die letzten Vorbereitungen, bevor ihre "Gäste" kommen. Um 17 Uhr nämlich beginnt ein Kochkurs der Kreisvolkshochschule, für welche die Fernwalderin seit 2011 tätig ist. Doch dieses Angebot ist besonders. "Bestens versorgt und ruckzuck fertig" wird diesmal nämlich als Inklusionsprojekt veranstaltet und richtet sich insbesondere an Gehörlose und gebärdensprachkompetente Menschen.

17.15 Uhr: Die acht Kursteilnehmer haben Platz genommen. Elke Männle stellt sich vor, erklärt den Ablauf des Abends. Sie spricht langsam und deutlich. "Damit die Teilnehmer die Möglichkeit haben, von meinen Lippen zu lesen", erklärt die Ernährungsexpertin, die zur Vorbereitung auf diesen Kurs eine spezielle Fortbildung absolviert hat. Einfache Wörter benutzen, viel zeigen, das Programm reduzieren, weil alles länger dauert. Solche Dinge hat sie dort gelernt. Weil das allein nicht ausreicht, sitzt an ihrer Seite Sandra Friedrich-Austermühle. Die staatlich geprüfte Dolmetscherin für deutsche Gebärdensprache übersetzt alles, was Männle sagt.

Das Programm ist dennoch sportlich, 14 Rezepte sollen nach der Einführung gekocht werden - von der Salatsoße für den Vorrat über einen schnellen Nudelsalat und Ofengemüse bis hin zum Apfel-Crumble mit Joghurt-Vanillesauce. Gegen 18 Uhr geht es in die Küche, hier wird jedes Rezept von Männle erklärt. Anschließend heißt es: Ran an die Töpfe.

Schränke und Schubladen werden geöffnet, die notwendigen Utensilien herausgeholt und auf den Arbeitsplatten platziert. In der vorletzten Koje winkt eine Teilnehmerin. "Wo finde ich einen Sparschäler", will sie wissen. Männle antwortet und zeigt, die Dolmetscherin übersetzt. Überall wird fleißig gewerkelt, Gemüse gewaschen und geschnitten, Käse gerieben, Nudeln gekocht. Wieder ist etwas unklar, diesmal ganz vorne in der Küche. Friedrich-Austermühle klatscht in die Hände: "Hallo, ich habe eine Frage", übersetzt sie. "Wie muss die Süßkartoffel geschnitten werden", will eine andere Teilnehmerin wissen. "Egal, sie wird ohnehin püriert", sagt Männle und neben ihr wirbeln die Hände Friedrich-Austermühles durch die Luft.

Dass fünf der acht Köche an diesem Abend eingeschränkt bis gar nicht hören, tut dem Spaß am Herd keinen Abbruch. Im Gegenteil. Und es führt diese Menschen mit den Hörenden zusammen. "Kochen eignet sich hervorragend für Inklusionsangebote", sagt Männle.

Der Kurs ist Teil des vom Hessischen Kultusministeriums finanzierten Projektes "Inklusive Volkshochschule", das es an der KVHS seit März 2018 gibt. "Ziel ist es, Menschen mit Beeinträchtigungen einen möglichst uneingeschränkten Zugang zu unserem Regelangebot zu ermöglichen", sagt Eric Mootz, pädagogischer Mitarbeiter für Inklusion und Bewegungsfreiheit an der Kreisvolkshochschule, die mit dem Projekt die Inklusion und Barrierefreiheit als Querschnittsaufgabe innerhalb ihrer Programmbereiche Gesellschaft, Kultur, Sprachen, Gesundheit sowie Arbeit und Beruf stärkt. "Hierdurch wollen wir das Regelangebot Schritt für Schritt öffnen", so Mootz.

19.20 Uhr: In der Küche beginnt es zu duften. Nach überbackenen Äpfeln und Gemüse, nach Nudeln und Soße. Die letzten Gerichte werden in Angriff genommen. Eine gute halbe Stunde später ist alles fertig. Das Buffet wird angerichtet. Anderthalb Stunden ist jetzt noch Zeit zum Schlemmen und zum Gedankenaustausch. Das Fazit der Teilnehmer: lecker. Sie möchten sich wieder zum gemeinsamen Kochen treffen, vielleicht um ein jahreszeitliches Mehrgang-Menü zuzubereiten.

"Die Begeisterung war auf beiden Seiten", zieht auch Elke Männle eine positive Bilanz. "Ich mache das auf jeden Fall wieder." Für das nächste Mal hat sie auch schon ein paar Ausdrücke in Gebärdensprache gelernt: Danke und Frohe Weihnachten.

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