Susanne Pfeiffer, Jugendamt
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Susanne Pfeiffer, Jugendamt

Wenn Familien isoliert sind

  • Nastasja Akchour-Becker
    vonNastasja Akchour-Becker
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Was macht die durch die Corona-Pandemie bedingte Isolation mit Familien und Kindern? Und wie müssen Kinder generell auf eigene Krisen vorbereitet werden, damit sie zu resilienten Erwachsenen werden? Um Fragen wie diese drehte es sich am Sonntag im Kino Traumstern. Eingeladen hatte der Verein für Psychosoziale Therapie.

Was brauchen Familien in der Isolation?", fragt Sibylle Goller vom Beratungszentrum Laubach und Grünberg des Vereins für Psychosoziale Therapie. Das Publikum kann zunächst bei dem Film "Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück" über Gollers Frage nachdenken. Denn das Thema der Tragikkomödie aus dem Jahr 2016 - gesellschaftliche Isolation und deren Auswirkung auf Familie - lässt sich heute noch einmal unter einem anderen Blickwinkel betrachten.

Es geht um den überzeugten Aussteiger Ben (Viggo Mortensen), der mit seinen sechs Kindern zurückgezogen in den Wäldern der Nordwestküste der USA lebt. Er unterrichtet sie und zieht sie zu hochintelligenten jungen Erwachsenen heran. Als die psychisch kranke Mutter in einer Klinik stirbt, begibt sich die Familie zurück in die Zivilisation, um mit einem Schulbus zur Beerdigung zu fahren und den letzten Wunsch der Mutter zu erfüllen. Gegensätze stoßen aufeinander. Eingeladen zur Matinee ins Licher Kino Traum-stern hatte der Verein für Psychosoziale Therapie anlässlich seines 40-jährigen Bestehens.

Doch wie haben Familien hierzulande die Isolation in den vergangenen Wochen weggesteckt? "Die Riesenkatastrophe ist nicht eingetreten", sagt Susanne Pfeiffer, Teamleiterin der Außenstelle des Kreisjugendamtes in Grünberg. Die Zahl der Inobhutnahmen habe sich an das Vorjahresniveau angepasst. "Wie es den Familien geht, kann man nicht pauschal beantworten", sagt Pfeiffer. "Mancher Familie hat die Entschleunigung gut getan, andere Familien hatten sicherlich auch mehr Probleme."

Generell habe die Isolation die Arbeit der Jugendämter anders gemacht, erläutert Pfeiffer. "Zwischengespräche haben wir draußen im Park oder auf dem Sportplatz geführt." Besuche zu Hause waren nur in voller Montur mit Mund-Nasen-Bedeckung, Schutzbrille und Handschuhen möglich.

"Der Film zeigt, wie Kinder Familie lieben, und er zeigt, dass das Lernen zu Hause abhängig von dem ist, was zu Hause vorgelebt wird", macht Florian Bäuchl, stellvertretender Schulleiter der Grundschule in Echzell deutlich. "Kinder, die es vorher schwer hatten, haben es jetzt auch weiterhin schwer", weiß Bäuchl mit Blick auf das Homeschooling.

Den Schritt zur vollständigen Öffnung der Grundschule bezeichnet er als heikel. "Eltern denken: Die Schule öffnet, jetzt ist Corona weg." Und Zeit, sich um einen gewissen Wertewandel Gedanken zu machen, neben all dem, was organisatorisch zu leisten sei, bleibe dabei nicht. "Kindern etwas beizubringen, ist viel weiter in den Hintergrund gerückt, als man es sich als Lehrer wünscht. Es ist kein Unterrichten mehr, sondern eher ein Betreuen."

Doch eine Zunahme an durch die Isolation traumatisierten Kindern kann auch der Lehrer nicht bestätigen. Man sehe ein Strahlen unter der Maske, die Kinder freuten sich ihre Freunde wiederzusehen, berichtet Bäuchl. Und, so führt er aus, es gebe auch positive Entwicklungen: "Die Mehrheit der Kinder, die vorher beispielsweise Probleme beim Lesen hatten, haben nun weniger Probleme, weil sich zu Hause gebliebene Eltern besser mit ihnen beschäftigen konnten."

Generell sei es wichtig, auf das Kind zu achten und sich zu fragen, wie das Kind am besten gefördert und gefordert werden kann, machte Bäuchl deutlich. "Viele Eltern wollen, dass das Kind Abitur macht und studiert", sagt auch Pfeiffer. "Aber man muss ihm auch die Möglichkeit geben, sich individuell zu entwickeln. Jedes Kind braucht das, was für das Kind passt und nicht das, was Mama und Papa glücklich macht."

Vor der Corona-Pandemie habe man sich immer gefragt, was können Kinder, was können wir Kindern zumuten?, ruft eine Frau aus dem Publikum in Erinnerung. Jetzt, so sagt sie, hätten ganz viele Kinder den Eltern und Lehrern gezeigt: Sie können mehr als man ihnen zutraut. FOTO: NAB

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