Wenn es (fast) nichts gibt

Es gibt Menschen, die sagen genau zur richtigen Zeit das Passende. Aber was sagt man den Menschen in einem Land, das gerade einen Krieg verloren hat, das zerstört ist, in dem es nichts gibt? Man kann jammern, man kann sich aufgeben. Man kann aber auch den Menschen Mut machen.

Leopold Figl war von 1945 bis 1953 der erste Bundeskanzler Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hat Weihnachten 1945 in einer Radioansprache gesagt: »Ich kann euch zu Weihnachten nichts geben, ich kann euch für den Christbaum, wenn ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen. Wir haben nichts. Ich kann euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich!« Und was passierte? Die Menschen glaubten an ihr Land, sie glaubten aber auch an sich selbst und sie glaubten Männern wie Figl. Und sie leisteten Großes.

In Deutschland war es ähnlich: Es gab nichts oder nur sehr wenig. Viele Menschen hungerten, hatten kein richtiges Dach über dem Kopf. Aber sie fassten neuen Mut, es gab Pioniergeist, man wollte heraus aus dem Elend, etwas Neues aufbauen. Und sie waren hungrig nach allem, nicht nur nach Brot. Sie wollten nach zwölf Jahren Diktatur und sechs Jahren Krieg wieder leben, frei sein, sich eine neue Existenz schaffen. Die Menschen waren auch hungrig nach Nachrichten, Informationen, Wissen über das, was ist im Land, wie es weitergeht. Freie und unabhängige Zeitungen sollten diese Aufgabe übernehmen. Das war der Plan der westlichen Siegermächte. Auch in Hessen, wo die Amerikaner als Besatzungsmacht mit Weitsicht agierten, gab es schon bald erste Zeitungen unter deutscher Leitung.

Lizenz für Gießen

Auch in Gießen bemühten sich Journalisten darum, eine Lizenz für eine Tageszeitung zu bekommen. Am 2. Januar 1946 wurde von den Amerikanern in Frankfurt eine Genehmigung für die Gründung der »Gießener Freien Presse« erteilt, die später in »Gießener Allgemeine Zeitung« umbenannt wurde. Es war die Geburtsstunde dieser Zeitung, die heute mit ihren Schwesterzeitungen »Alsfelder Allgemeine« und »Wetterauer Zeitung« Marktführer in der Region ist.

Die Welt hat sich in 75 Jahren gewandelt, die Zeitungen auch. Wir haben diesen Wandel begleitet, beschrieben und kommentiert. Wir stehen permanent in einem Veränderungsprozess, mit guten Chancen, ihn auf Dauer zu überstehen. Dafür braucht es Mut - und Menschen wie Leopold Figl. Burkhard Bräuning

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