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Wenn eine Welt zusammenbricht

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Von: Christina Jung

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Die Pandemie hat ihre Welt auf den Kopf gestellt. Die Vorfreude auf Weihnachten und die damit verbundenen Vorbereitungen bedeuten in einer Wohnstätte für Menschen mit Behinderung ein wichtiges Stück Normalität. © Tina Jung

Den Baum schmücken. Weihnachtskarten basteln. Ein Stück Normalität in einer unnormalen Zeit. In einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung sind diese alltäglichen Dinge gerade wichtiger denn je. Denn seit vor 21 Monaten ein kleines Virus in ihr Leben trat, steht ihre Welt Kopf.

Gießen - Ein Tannenbaum im Miniaturformat steht auf einem Tisch. Glöckchen, Zapfen und rote Schleifen schmücken ihn. An der Wand hängt ein selbst gebastelter Adventskalender. Auf einem Stuhl sitzt Metin Gönen und trinkt Kaffee. Ebenso wie zwei andere Männer, die sich im Raum aufhalten. Sie leben in einer Wohngruppe in Garbenteich - eine von dreien in diesem Haus. In einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Trägerschaft der Lebenshilfe Gießen. Corona ist längst auch hier angekommen und hat das Leben der Menschen völlig verändert. Hygienemaßnahmen, eingeschränkte Freiheiten - viele hier verstehen das nicht.

»Ich gehe gleich spazieren«, sagt Metin Gönen immer wieder. Anett Wozniak, die Leiterin der Wohnstätte, berührt sanft seine Hand. »Es bleibt alles wie immer, Metin. Alles ist gut«, versichert sie ihm. Der 49-Jährige ist gerne draußen unterwegs. Doch es gab Zeiten in der Pandemie, da ging das nicht. Während der ersten Welle zum Beispiel. »Das war ganz schwierig«, sagt Wozniak. Nicht nur für Metin Gönen. Auch für andere ihrer Klienten. Vor allem für die Menschen mit Autismusspektrumsstörung mit ihrem besonderen Bewegungsdrang und dem Bedürfnis nach großer Individualdistanz. Bei ihnen führt jede noch so kleine Veränderung zu extremem Stress, Zwangshandlungen, Unruhen. Manchmal auch zum Nervenzusammenbruch.

Doch die Pandemie ist alles andere als eine kleine Veränderung. »Sie bedeutet Veränderung in allen Lebensbereichen. Jede Struktur bricht zusammen«, sagt die Wohnstättenleiterin. Wegen ihrer kognitiven Beeinträchtigungen verstehen viele Bewohner nicht, was da passiert. Ebenso wenig wie die sich daraus ergebende Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen wie das Abstandhalten, Maskentragen, eingeschränkte Besuchskontakte, Arbeitsverbot oder - im Fall einer Infektion - die Zimmerisolation.

20 positive Corona-Fälle unter den Bewohnern hat es in der Einrichtung seit Beginn der Pandemie gegeben, den letzten Ausbruch erst vor wenigen Wochen in einer der drei Gruppen. Bisher hat die Lebenshilfe in ihren neun Wohnstätten in Stadt (2) und Kreis (7) 55 Infektionen zu verzeichnen. Ein Mensch starb im Zusammenhang mit Corona.

Silvia Horst sitzt in einem Sessel und wartet. Sie hat sie erlebt, die Zimmerisolation, und nicht in guter Erinnerung behalten. Unter der Einsamkeit hat die kontaktfreudige 62-Jährige, die seit acht Jahren in der Wohnstätte im Grüninger Weg lebt, am meisten gelitten, sagt sie. Aber auch, dass sie gerade nicht einkaufen oder zum Arbeiten in die Werkstatt gegenüber gehen darf, gefällt ihr an Corona nicht. »Das macht doch so keinen Spaß«, findet sie. Jetzt langweilt sie sich oft.

Immerhin: In diesen Tagen freut sich Silvia Horst auf Weihnachten, hat Karten für die Familie gebastelt, möchte den Baum der Wohngruppe mit Lichtern und Kugeln schmücken, erzählt sie. Zeiten der Normalität, auf die in der Einrichtung schon vor Corona ein besonderes Augenmerk gelegt wurde und die seit Ausbruch der Pandemie noch wichtiger geworden sind.

»Wir begleiten die Menschen hier in allen Lebenslagen und versuchen, ihnen Gelegenheit zur größtmöglichen Selbstbestimmung zu geben«, sagt Wozniak. Doch das ist schwierig, wenn sie nicht mehr zur Arbeit, in die Stadt, zum Tanzen oder Schwimmen gehen dürfen, außerdem Distanz zu Familie und Freunden halten sollen. Und es bleibt nicht folgenlos.

»Für einige hier ist vor 21 Monaten eine Welt zusammen gebrochen«, blickt Wozniak zurück. Die Reaktionen der Bewohner auf die weitreichenden Veränderungen äußern sich unterschiedlich. »Einige sind angespannt, traurig oder ziehen sich in die Isolation zurück, andere zeigen ausagierendes Verhalten«, berichtet die 53-Jährige. Heißt konkret: Sie werden aggressiv, verletzen sich selbst, andere oder beschädigen Gegenstände.

Die Situation ist aber nicht nur für die Bewohner schwierig. Auch für die Mitarbeiter bedeutet sie psychischen Stress. »Unser Arbeitsalltag ist durchweg von Corona bestimmt. Für die Pädagogik, das Begleiten und Unterstützen der Klienten in ihren verschiedenen Lebensbereichen bleibt kaum Zeit«, berichtet die Leiterin der Wohnstätte.

Dazukomme der Mangel an Personal. Besonders gravierend habe sich dieser im Winter vergangenen Jahres gezeigt, als es einen Ausbruch unter den Mitarbeitern gab und die Betreuung der Bewohner nur mithilfe freiwilliger Helfer gewährleistet werden konnte. »Jetzt stehen wir wieder mit dem Rücken an der Wand und das, obwohl wir uns sehr gut auf die vierte Welle vorbereitet haben«, sagt Wozniak. Denn für die vielen offenen Stellen im Bereich der Wohnstätten gebe es praktisch keine Bewerber. Ein Dilemma, auf das Politik in ihren Augen endlich eine Antwort finden muss.

Dennoch sieht Wozniak auch Positives: »Die Zusammenarbeit mit Behörden, Heimaufsicht und Ärzten ist wesentlich einfacher geworden«, berichtet sie. Weil alle mittlerweile Erfahrungen im Umgang mit der Krise gesammelt haben und Netzwerke aufgebaut wurden. Außerdem gebe es viele Optimisten in ihrem 45-köpfigen Team. Menschen mit Schaffenskraft, Humor und Nervenstärke. »Mit ihnen wird es gelingen, auch diese Welle zu überstehen.«

Metin Gönen steht im Gemeinschaftsraum. Er hat mittlerweile seinen Kaffee ausgetrunken und ist startklar. Bereit für seinen täglichen Spaziergang, der für ihn so wichtig und der trotz vielfältiger Einschränkungen möglich ist. Noch. Denn wie viele andere Dinge kann sich das in Pandemiezeiten täglich ändern.

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