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Breiter Stand, Blickkontakt und selbstbewusstes Auftreten: Die beiden Trainerinnen Lisa Jakobi (r.) und Peet Thesing zeigen im Rollenspiel, wie man sich gegen Grenzüberschreitungen wehren kann.

Wenn eine Grenze verletzt wird

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Selbstbehauptung durch gezielten Stimmeneinsatz und Körpersprache - das ist das Grundkonzept von Wendo. Beim Kurs, der jüngst in Grünberg stattfand, lernten Mütter und Töchter, wie sie sich in grenzverletzenden Situationen wehren können.

Irgendwo in der Nähe macht ein Rasenmäher eine Menge Lärm, während Mütter und Töchter in einer Reihe stehen und auf das Signal warten. Einige der Mädchen sind wie bei einem Sprint zum Tiefstart in die Knie gegangen, obwohl es heute gar nicht um Geschwindigkeit geht: Es geht um Lautstärke. »AAAAA« und »OOOOO« brüllen die Teilnehmerinnen beim Versuch, den Rasenmäher zu übertönen, als das Startsignal erklingt und alle über die Wiese rennen. Möglichst tief soll die Stimme dabei sein, lautet der Auftrag, den Trainerin Peet Thesing zuvor erteilt hat. »Wir wollen Schreien und nicht Quietschen.«

Acht Mutter-Tochter-Paare sind an diesem Morgen nach Grünberg gekommen, um an einem Wendo-Kurs des Gießener Vereins »Unvergesslich Weiblich« teilzunehmen, den das Familienzentrum in Kooperation mit der Sozialarbeit an Schulen organisiert hat, wodurch die Teilnahmegebühr überschaubar ausfällt. »Ich möchte meiner Tochter vor der Einschulung noch etwas Gutes auf den Weg geben«, begründet eine der Frauen ihre Teilnahme. Auch bei den anderen kommen ähnliche Beweggründe: Zeit gemeinsam verbringen und dabei etwas Nützliches lernen. Dafür sind sie zum Teil etliche Kilometer gefahren.

Doch was lernt man beim Wendo überhaupt? Lisa Jakobi, die den Kurs gemeinsam mit Thesing leitet, spricht von einem »Gewaltpräventionskonzept mit einem Fokus auf Selbstbehauptung«, das zur Zeit der zweiten Frauenbewegung entstanden sei und sich immer weiter entwickelt habe.

Ein paar Körpertechniken rund um das Abwehren von Schubsern oder das Befreien der Hände beinhaltet Wendo zwar, wer nun aber an ausgefallene Kampfsport-Kniffe denkt, irrt. Im Fokus steht stattdessen Kommunikation - mit Worten, aber auch mit Körpersprache. »Es geht nicht darum, sich nur körperlich zu verteidigen, sondern darum, Situationen richtig fertig zu klären«, sagen die beiden ausgebildeten Wendo-Trainerinnen.

Zentrales Thema der Übungen ist vereinfacht gesprochen das Wehren - und zwar in all seinen Facetten. Doch dazu muss man erst einmal wissen, was man überhaupt will. Dass manche Mädchen zunächst lieber zuschauen möchten, ist daher kein Problem. Im Gegenteil: Die Mütter werden sogar angewiesen, sie zu nichts zu überreden. »Hier haben die Mädchen einen Ort, um zu üben, eigene Entscheidungen zu treffen«, sagt Thesing.

Viel Raum nehmen während des Kurses Rollenspiele ein. Zunächst wird Jakobi von Thesing geärgert, sie sagt ihr, dass sie das nicht möchte. Doch dass das nicht klappt, weil sie den Kopf gesenkt hält, leise spricht und sich klein macht, fällt den Mädchen sofort auf. Sie dürfen Verbesserungsvorschläge machen, die Jakobi dann im zweiten Durchgang umsetzt - mit Erfolg: Thesing, in der Rolle des Piesackers, zieht erschrocken von dannen.

Doch hätte es vielleicht gar nicht einer so heftigen Reaktion bedurft? Im dritten Durchgang demonstriert Jakobi, dass in diesem Fall wohl ein bestimmtes und selbstbewusstes Auftreten gereicht hätte. »Wir wollen den Mädchen einen Werkzeugkoffer an die Hand geben, der ihnen in grenzverletzenden Situationen mehrere Handlungsoptionen bietet«, fassen die Trainerinnen das Vorgehen zusammen.

Zu diesen Optionen gehört natürlich auch das Hilfesuchen. Neben der Abwägung, was gute und was schlechte Geheimnisse sind und welche Situationen man alleine bewältigen kann oder eben nicht, geht es dabei um die Frage, wie man von einem Erwachsenen Hilfe bekommt. Denn das ist für Kinder offenbar häufig gar nicht so einfach. So müssen Mädchen, die Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind, laut Studien teilweise sieben Erwachsene ansprechen, bevor ihnen jemand richtig zuhört und hilft. Eine erschreckende Zahl, die auf Kommunikationsprobleme zurückzuführen ist, denen beim Wendo entgegengewirkt werden soll.

Dabei es geht nicht nur um extreme Fälle wie sexuellen Missbrauch, sondern auch um andere Grenzüberschreitungen, die Mädchen und Frauen erleben. Belästigung am Arbeitsplatz etwa. Oder Angst auf dem Heimweg im Dunkeln und unangenehme Begegnungen in der Disco. Das sind Situationen, mit denen sich in diesem Kurs die Mütter beschäftigen. Jemand zieht mir an den Haaren oder nimmt mir meine Sachen weg. Jemand haut mir auf den Hintern. Solche Situationen spielen die Mädchen durch.

Zum Teil werden Mütter und Töchter dazu in zwei Gruppen aufgeteilt, zum Teil lernen sie jedoch auch gemeinsam - und voneinander. »Kinder haben viel eher ein Gefühl dafür, wenn etwas nicht stimmt«, sagen die Trainerinnen. Frauen seien hingegen oft sehr durch vermeintliche gesellschaftliche Konventionen geprägt und müssten erst lernen, sich von bestimmten Verhaltensweisen freizumachen. »Es geht darum zu lernen, was das eigene Gefühl sagt - und darum, ganz viel zu verlernen«, sagt Thesing. »Und Frauen haben sehr viel mehr zu verlernen.«

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