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Die Zahl der Verkehrsunfälle im Kreis Gießen, hier am 6. Februar in Großen-Buseck, ist während der Pandemie laut Polizei zurückgegangen. Eine Endauswertung für 2021 steht allerdings noch aus. ARCHIVFOTO: CON

Weniger Unfälle, mehr Hass im Netz

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Wie haben sich die Unfallzahlen 2021 im Kreis Gießen entwickelt, wie sieht es bei verschiedenen Delikten aus? Endgültige Zahlen stehen noch aus, doch einige Trends sind laut Polizeisprecher Jörg Reinemer schon jetzt erkennbar. Auch die Häufigkeit von Kontrollen spielt dabei eine Rolle.

Kontrollen von Corona-Auflagen, Begleitungen von Impfgegner-Demos, Ermittlungen wegen Impfpass-Fälschungen: Die Pandemie hat der Polizei im Kreis Gießen neue Aufgaben beschert. Gleichzeitig gilt es, das »Alltagsgeschäft« weiter zu bewältigen, etwa beim Straßenverkehr.

Wie fällt die Unfallbilanz für das vergangene Jahr aus - gerade auf Strecken, wo es häufiger kracht? Abschließend ausgewertet ist das noch nicht, doch laut Jörg Reinemer, dem Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, gibt es eine klare Tendenz: »2021 haben wir bislang eine ähnliche Anzahl von Unfällen und Verkehrstoten im Kreis wie 2020. Da war die Zahl aber schon geringer als in den Vorjahren, was natürlich auch etwas mit der Pandemie zu tun hat.« Anzunehmen ist, dass ein teils geringeres Verkehrsaufkommen durch Homeoffice und Co. mit dazu beigetragen hat.

Unfallschwerpunkte waren in den Vorjahren die B 457 zwischen der Gießener Automeile und Hungen sowie die B 276 - »unsere Motorradstrecke bei Laubach«. Beide Bundesstraßen habe man weiter im Blick. Zumindest auf der B 457 gebe es aber einen »merklichen Rückgang der Verkehrsunfälle«. Dies führt Reinemer auch auf in Absprache mit anderen Behörden getroffene Maßnahmen zurück. Schon vor einiger Zeit waren dort Einmündungen mit Tempolimits versehen worden, im März 2019 wurde zudem eine Ampel installiert.

Auch auf der gerade im Sommer bei Bikern beliebten B 276 hat sich die Situation offenbar entschärft: »Dort hatten wir im letzten Jahr keine Verkehrstoten, das lässt uns hoffen.« 2021 habe man dort viel kontrolliert. »Da geht es um eine bestimmte Klientel, den geringen Prozentsatz der unvernünftigen Fahrer, die den Abschnitt von Laubach nach Schotten als Rennstrecke nutzen. Es ist uns größtenteils gelungen, diese rücksichtslosen Fahrer dort wegzuhalten.« Mit einem Großteil der Motorradfahrer habe man »keine Probleme, es geht um wenige Krawallmacher«.

Sorge bereite indes das Rodheimer Kreuz bei Hungen: 2021 zählte die Polizei dort drei Verkehrsunfälle mit Schwerverletzten. »Wir werden das, wie auf anderen Strecken auch, beobachten, um dann bei Bedarf die notwendigen Maßnahmen in Zusammenarbeit mit den anderen Behörden zu veranlassen«, versichert der Sprecher.

Während sich die Zahl schwerer Unfälle genau erfassen lässt, ist es mit Aussagen über die Zu- oder Abnahme bestimmter Delikte schon schwieriger: Wo vermehrt kontrolliert wird, wird auch mehr zutage gefördert - etwa Fahrten unter Drogeneinfluss. Kommt es zu keinem Unfall, spricht die Polizei von »folgenlosen« Fahrten. Reinemer: »Wir haben 2021 festgestellt, dass bei vielen Kontrollen Fahrer Drogen oder Alkohol konsumiert hatten. Das hat natürlich auch etwas mit einer Kontrolltätigkeit zu tun.« Konkret habe man verstärkt Teams zur Drogenerkennung im Straßenverkehr ausgebildet, die andere Beamten schulen. »Das macht sich natürlich bemerkbar«, es komme so zu mehr Feststellungen. Worauf achten die Polizisten? Wichtige Hinweise seien »vergrößerte oder verkleinerte Pupillen, gerade bei Drogenkonsum, aber auch Schweißbildung und auffälliges Verhalten«.

Neben den verstärkten Kontrollen nennt Reinemer aber noch einen weiteren naheliegenden Grund dafür, dass mehr Fahrten unter Einfluss von Alkohol oder illegalen Drogen festgestellt wurden: »Ich fürchte, es hat auch etwas mit der Pandemie zu tun, dass mehr Leute zum Alkohol greifen.« Das müsse man natürlich »seriös und über einen längeren Zeitraum« betrachten, »aber es ist schon auffällig, dass in den Corona-Jahren mehr Delikte in dieser Richtung festgestellt wurden«. Bei Drogendelikten gehe es eher um jüngeres Klientel, bei Alkohol um »das gesamte Altersspektrum«, erläutert der Polizeisprecher.

Eine besonders deutliche Steigerung der Fallzahlen verzeichnet das Präsidium unter anderem beim Thema Rauschgiftkriminalität insgesamt, »angefangen von Marihuana bis hin zu Kokain«. Der Anstieg liege - vorbehaltlich der abschließenden Auswertung - bei über 20 Prozent, so Reinemer. Auch dies habe aber »etwas mit vermehrten Kontrollen gegenüber dem Vorjahr zu tun«.

Als Problem sehe man auch weiterhin die sogenannte Hate-Speech im Netz, »wo Menschen teils unter einem Fake-Namen übelste Beschimpfungen loslassen. Wir merken, dass Hass im Netz zunimmt« - ein Phänomen, das nicht nur in Mittelhessen Sorge bereitet.

Dies gilt auch für Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch, bei diesen Straftaten verzeichne man für 2021 ebenfalls einen Anstieg in Mittelhessen. Dagegen sei in Hessen eine »besondere Aufbauorganisation« gegründet worden, im Gießener Präsidium ein Regionalabschnitt. Nach »umfangreichen Auswertungen und Recherchen« habe man Verfahren eingeleitet, so der Polizeisprecher. »Im Zuge dessen kam immer mehr ans Tageslicht.«

Reinemer unterstreicht: »Wichtig ist, dass wir die Täter aus der Anonymität herausholen und sexuelle Gewalt gegen Kinder, wenn möglich, verhindern und konsequent verfolgen.« Nicht nur diese Aufgabe dürfte Reinemer und seine Kollegen auch 2022 intensiv beschäftigen.

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