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Weniger Freizeit im Freibad

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Es waren schon mal mehr Jugendliche", bestätigt Edgar Arnold, als Hauptamtsleiter zuständig für Grünbergs Freibad, den von allen Freibädern im Gießener Land ausgemachten Trend: Ab 14, 15, spätestens ab 16 Jahren nimmt das Interesse am Freibadbesuch ab. Längst vorbei sind die Zeiten, da in den Sommermonaten, schon gar in den großen Ferien, das Freibad quasi das zweite Zuhause der Teenager war.

Den Abwärtstrend beim Besuch der Jungen und Mädchen bestätigten nicht nur die langjähriger Schwimmmeister, die die Gießener Allgemeine Zeitung im Rahmen der Saisonbilanz 2019 (siehe Tabelle) befragt hat. Unstrittiger Beleg sind auch die nackten Zahlen: In den wenigen Gemeinden, die Jahreskarten für Jugendliche anbieten, ist der Verkauf seit Jahren rückläufig. Nur ein Beispiel: Die Gemeinde Wettenberg verbuchte 2018 noch 4194 Saison- und Einzelkarten an Jugendliche, in diesem Jahr waren es 3800.

Egal, welchen Schwimmmeister oder Sachgebietsleiter auf dem "Amt" man auch fragt, als Ursachen für das abnehmende Interesse der Jugend erhält man meist die gleiche Antwort: Die Konkurrenz an internetgestützten Freizeitaktivitäten ist in den vergangenen 20 Jahren stetig gewachsen, mit einem rein sportlichen Angebot lässt sich diese einst so starke Zielgruppe nicht zurückgewinnen. Einige Kreisgemeinden - erwartungsgemäß jene mit größeren Bädern - reagieren darauf, investieren höhere Beträge in neue, altersgerechte Attraktionen. Wozu vor allem kostenloses WLAN gehört. Das gibt es im Krofdorfer Freibad bereits seit 2017, gemeinsam mit den Stadtwerken Gießen wurden drei Hotspots eingerichtet. Für die Gemeinde entstanden dadurch keine nennenswerten Kosten. "Die Resonanz ist sehr gut", sagt Sachgebietsleiterin Carina Eichstätt.

Zur Steigerung der Attraktivität auch für die Jugend haben die Wettenberger neben dem Beachvolleyballplatz einen Sandstrand mit Liegestühlen vor dem Kiosk angelegt. Nächstes Jahr will die Gemeinde für die Zielgruppe jenseits des Kindesalters noch ein Soccer-Feld anlegen.

Wilde Jagd durch 58-Meter-Röhre

Saisonkarten für Jugendliche wie in Wettenberg gibt es in Grünberg nicht. Und also auch keine statistischen Belege des Trends. Dass jedoch der Teenager heutzutage einen kostenfreien Zugang ins World Wide Web schlicht erwartet, weiß Grünbergs "Freibadbeauftragter" Edgar Arnold auch so. Die Gallusstädter hofften hier auf Zuschüsse aus EU- oder Landesförderprogrammen - vergebens. Jetzt soll der Service auf eigene Kosten geschaffen werden - fürs Freibad wie für den Campingplatz nebenan. Kosten: 20 000 Euro. Das Zehnfache kostet die neue Rutsche, die aber zu 90 Prozent aus der "Hessenkasse" gefördert wird: 2020 darf sich auch die Jugend auf die wilde Jagd durch eine 58 Meter lange Röhre freuen.

Beachvolleyball und "Pool-Party" führen die Grünberger als weitere - im Gießener Land fast überall angebotene - "Lockmittel" für Teenager an. Aber, das unterstreicht Arnold: "Wir legen Wert auf ein ausgewogenes Verhältnis von Jung und Alt." Wovon alle profitieren: 2016/17 wurde das Eingangsgebäude samt "Biergarten" und neuem Sanitärbereich für knapp zwei Millionen Euro modernisiert.

Das Licher Waldschwimmbad führt keinerlei Besucherstatistik. Dem Wetter entsprechend zieht der Trägerverein "SEK" aber für 2019 eine "tendenziell gute Bilanz", wie Vorsitzender Joachim Siebert sagt. Was die Frequentierung durch die Jugend angeht, so kann er für die vergangenen fünf Jahre keinen signifikanten Rückgang feststellen. "In den letzten 20 Jahren aber schon", fügt er an. Auch Lich spüre eben das geänderte Freizeitverhalten, die "Konkurrenz von Video-Charts bis ›FIFA 2019‹".

Dass der Trägerverein sich jedoch einiges für die Zielgruppe einfallen lasse, betont Siebert. Er verweist etwa auf Veranstaltungen wie das Techno-Event "Familie in Takt", den Kauf neuer Wasserspielgeräte alle zwei Jahre, auf den Triathlon, die Webcam und den Bau von Grillplätzen. Oder die Kooperation mit der Dietrich-Bonhoeffer-Schule Lich, die das Freibad gratis für den Sportunterricht nutzen dürfe. All das sind "Kennenlernangebote", um die Jugend auf das Kleinod Waldschwimmbad aufmerksam zu machen. Und was ist mit WLAN? "Das haben wir schon seit drei Jahren."

Die idyllische Lage am Waldrand ist ein Pfund, mit dem auch Lollar wuchern kann. Und mit einer "riesigen" Liegewiese von 13 000 Quadratmetern. Ausreichend Platz auch, auf dass öfters etwas lautere Gruppen junger Besucher für sich sein können. Einzige Attraktion für Teenager ist eine Sprungzone mit Zwei- und Ein-Meter-Brett sowie ein Beachvolleyballplatz. Die städtische Einrichtung, verpachtet an einen privaten Betreiber, stammt aus dem Jahr 1955 und wurde vor nunmehr 28 Jahren das letzte Mal modernisiert. Ein eher "klassisches", sogar noch wettkampftaugliches Bad mit 50-Meter-Becken - und unbeheizt.

Kein "Spaßbad" ist auch das in Hungen: Immerhin gibt es für die hier in Rede stehende Zielgruppe Beachvolleyball, Basketball, Bolzplatz, Tischfußball und mehr. Im 25 mal 16 Meter großen Becken sind eine kleine Sprunganlage und Wasserspielgeräte die Attraktionen.

Zur sportlichen Freizeitbeschäftigung - neben dem Schwimmen, versteht sich - wartet das Freibad Großen-Linden mit einem Ein- und Drei-Meter-Sprungbrett auf. Basketballkorb, gleich zwei Beachvolleyballplätze und eine Tischtennisplatte kommen hinzu. Als Highlight vor allem für Teenager organisiert die Stadt Linden ein Nachtschwimmen bis 24 Uhr. Und auch in der Gießener "Vorstadtgemeinde" gibt es einmal im Jahr eine abendliche Poolparty mit 700 bis 1000 Besuchern.

Dennoch muss Schwimmmeister Andreas Bahn quittieren, dass in den vergangenen drei, vier Jahren immer weniger Teenager "vorbeischauen", auch hier Familien mit kleineren Kindern das Hauptklientel stellen. Woran auch das in Teilbereichen kostenlose W-LAN nichts ändert: "Im Alter von 13, 14 Jahren nimmt das Interesse merklich ab", sagt Bahn.

Während in Ettingshausen schon wegen der geringen Größe der Anlage kaum "Attraktivierungspotenzial" besteht, gibt es in Laubach mehr als genug. Und mehr als eine Idee, um gerade auch die Zielgruppe der Jugendlichen neu zu begeistern. Bevor es aber zu Entscheidungen zur geplanten millionenschweren Modernisierung kommt, ist das Freibad erst mal zu sanieren. Denn momentan kann nicht mal das Wasser im Becken gehalten werden. (Foto: tb)

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