Weniger Azubis - nur eine Folge der Pandemie, auch fürs Handwerk im Gießener Land. SYMBOLFOTO: DPA
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Weniger Azubis - nur eine Folge der Pandemie, auch fürs Handwerk im Gießener Land. SYMBOLFOTO: DPA

"Wenig Raum für Euphorie"

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Das Virus hat die Wirtschaft ins Mark getroffen. Ist das Handwerk, anders als etwa Gastronomie und stationärer Handel, bislang gut durch die Krise gekommen oder täuscht der Eindruck? Verschärft die Pandemie den Fachkräftemangel, und welche Erwartungen hegen die Betriebe für 2021? Antworten von der Kreishandwerkerschaft.

Wer sich umhört, dem wird bestätigt, was Konjunkturberichte ausweisen: Ob Dachdecker, Fliesenleger oder Heizungsbauer, sie alle haben gut zu tun. Anders sieht es beim "personenbezogenen Dienstleistungsgewerbe", etwa bei Friseuren oder Kosmetikern, aus, die jetzt aufs Neue schließen müssen. Wie ist die Lage im Landkreis? Antworten von Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.

Umfragen besagen: Das Handwerk habe sich auch in dieser Krise als stabile Wirtschaftskraft erwiesen. Stimmt das?

Zu Beginn der Krise hatten zunächst die vom Lockdown betroffenen Gewerke Umsatzrückgänge. Zudem hielten sich Kunden mit Aufträgen zurück. Die Durststrecke aber konnten viele durch den Vorlauf in den Auftragsbüchern kompensieren. Bis in den Herbst hat sich die Lage stabilisiert. Der neue Lockdown hat diesen Lauf spürbar ausgebremst.

Ist das Handwerk also bisher mit einem blauen Auge davongekommen?

Eher mit einem dunkelblauen, ähnlich wie in der Finanzkrise 2008/2009. Übers gesamte Jahr gesehen rechnen wir gewerkübergreifend mit einem moderaten Umsatzminus. Allerdings wird das Auftragspolster spürbar dünner, blicken viele Betriebe mit Sorge ins neue Jahr.

Welche Betriebe haben unter der Pandemie besonders gelitten?

Die Friseure. Bundesweit rechnet man mit 30 Prozent weniger Umsatz. Viele Salons haben nach dem ersten Lockdown gerade wieder Tritt gefasst - und nun aufs Neue die Schließung, mitten im so wichtigen Weihnachtsgeschäft. Ein herber Rückschlag, der umso mehr schmerzt, wenn man bedenkt, welche Anstrengungen zum Schutz ihrer Kunden unternommen wurden.

Es leiden doch nicht nur die Friseure besonders?

Einige Mitglieder unserer Fleischer-Innung sind Caterer. Ihnen sind die Einnahmen teils komplett weggebrochen. Deutliche Auswirkungen hatte der Lockdown auch auf den stationären Kfz-Handel. Doch ist zuletzt bei den Pkw-Zulassungen ein klarer Aufwärtstrend erkennbar.

Viele Menschen sind nun öfter zu Hause. Baugewerbe oder Landschaftsgärtner dürften profitiert haben. Richtig?

Profitiert haben v. a. die Baumärkte, die im ersten Lockdown offen bleiben durften. So mancher in Kurzarbeit oder im Homeoffice hat das genutzt und renoviert. Sicher haben auch Bau- und Ausbaugewerke davon profitiert, dass Urlaub im Garten statt Mallorca angesagt war. Aufgeschobene Investitionen wurden realisiert. Einen positiven Effekt hatte auch das Klimapaket der Regierung. Viele haben, gerade im Heizungsbereich, die BAFA-Förderung oder Abschreibungsmöglichkeiten genutzt.

Gestiegene Nachfrage im Baugewerbe, heißt das auch gestiegene Preise?

Deutliche Steigerungen während der Pandemie konnten wir nicht feststellen. Jedoch waren die Preise bereits zuvor auf einem hohen Niveau, und das wird vorerst so bleiben.

... und langes Warten auf den Handwerker?

Beschwerden gab es ab dem Sommer. Die Kunden haben wieder stärker investiert, das hat in einzelnen Bereichen zu einem Nachholeffekt geführt. Aber auch die teils angespannte Personalsituation ist oft Grund für lange Wartezeiten. Anders als im Büro kann ein Mitarbeiter im Außendienst bei einem Verdachts- oder Quarantänefall nicht im Homeoffice arbeiten. Also schickt man ihn nach Hause.

Hat auch das Handwerk die Verunsicherung der potenziellen Azubis zu spüren bekommen?

Absolut! Im Vorjahresvergleich beträgt der kreisweite Rückgang bei eingetragenen Ausbildungsverhältnissen 8,7 Prozent. Mehr als alarmierend. Keiner möchte beruflich einen falschen Weg einschlagen, viele warten ab.

...wie wollen die Innungen gegensteuern?

Berufsorientierung an Schulen ist ein probates Mittel, doch haben die Hygienebeschränkungen u nsere Pläne durchkreuzt. Nächstes Jahr werden wir dies im Rahmen eines Projektes wieder stärker in den Fokus nehmen. Um so möglichst schnell wieder das alte Niveau zu erreichen.

Wird sich der Fachkräftemangel infolge der Pandemie verschärfen?

Handwerk hat goldenen Boden, das wird auch künftig so sein. Gerade in Krisen haben wir uns stets als stabile Wirtschaftskraft erwiesen. Dennoch bleibt der Fachkräftemangel unser Sorgenkind.

Wie wollen Sie neue Kräfte gewinnen?

Wir müssen weiter an unserem Ima ge arbeiten, mit Vorurteilen aufräumen. Besonders jetzt bietet das Handwerk einen sicheren Hafen, in dem sich jeder verwirklichen kann und dabei noch gutes Geld verdient. Daher bin ich zuversichtlich, dass wir wieder mehr Azubis begeistern können und der eine oder andere , der in die Industrie abgewandert ist, zurückkehrt.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie ins neue Jahr?

Die Infektionszahlen und der erneute Lockdown lassen wenig Raum für Euphorie, lassen uns mit Sorge ins neue Jahr blicken. Wir erwarten keine breite Welle, doch wird es auch bei uns Insolvenzen geben; Betriebe, denen es schon vor der Pandemie nicht gut ging. Besonders die öffentliche Hand muss sich ihrer Verantwortung bewusst sein, weiter Aufträge vergeben. Dann können wir mit Zuversicht ins neue Jahr starten. Die Kollegen haben bewiesen, dass sie sich auf veränderte Marktsituationen einstellen können. Das ist Grundvoraussetzung, um eine Krise erfolgreich zu meistern. Und genügend erfolgreiche Meister haben wir!

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