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Wenig erinnert an Londorfs Juden

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Von: Thomas Brückner

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Der Friedhof der jüdischen Gemeinde Londorf. 1940, aber auch noch 1947 und 1965 wurde er von Unbekannten geschändet. © Thomas Brueckner

300 Jahre wohnten, arbeiteten, feierten Londorfs Juden in meist guter Nachbarschaft mit den Christen. Zum Pessachfest teilten Kinder die ungesäuerten Fladen (Matzen) mit ihren Freunden. Mit der »Machtergreifung« der Nazis aber war’s damit vorbei: Entrechtung, Boykott, Verwüstung der Synagoge, Deportation, Mord. Wenig erinnert an dieses Kapitel. Darunter Reste der Mikwe.

Erst seit einem Novembertag 2019 erinnert eine schlichte Tafel an die jüdische Gemeinde Londorf. Eine Initiative aus dem Verein für Heimat- und Kulturgeschichte.

Erinnert sei an die Worte Pfarrer Leislers bei der Enthüllung der Plakette am alten Backhaus: Dass die Massenvernichtung möglich gewesen sei, so der evangelische Geistliche, liege sehr wohl auch an den Menschen, die ganz einfach nichts getan hätten. »Die Stillschweigen bewahrt, die billigend in Kauf genommen hatten, was mit ihren Nachbarn geschah.« Nicht im fernen Berlin, sondern eben auch in Londorf. Dass es so lange gedauert habe, die Tafel mit ihrem recht neutralen Text aufzuhängen - für den Pfarrer »eine peinliche Nummer«.

Das aber soll sich ändern: Eine Gruppe um Jens Hausner möchte, dass die Geschichte der Londorfer Juden vor dem Vergessen bewahrt wird.

Mag sein, die wenig sagende Tafel wird durch eine ersetzt, die auch die Namen jener Familien nennt, die unter den Nazis leiden mussten, von ihnen vertrieben, gefoltert, ermordet wurden.

Darunter die Familie von Leopold Wertheim. 1891 in Rüddingshausen geboren, hatte er später in Londorf einen Viehhandel betrieben. Mit Ehefrau Emma und den Töchtern Ingeborg und Ruth lebte er in der heutigen Kirchgasse 12. Im Ersten Weltkrieg hatte er einen Arm verloren, was ihm den Dorfnamen »Earm« bescherte. Wie der Vater war auch Leopold in der Sängervereinigung »Frohsinn« aktiv. Unter den Nazis aber war es bald vorbei mit der Harmonie.

Wie dem Beitrag von Artur Rothmann für das Festbuch »1250 Jahre Londorf«, erschienen 2008, weiter zu entnehmen, »erkalteten die zuvor gut nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Christen durch die zunehmende Hetz- und Drohpropaganda.«

Und so musste auch Leopolds Tochter Ruth, 1934 eingeschult, nicht nur unter Hänseleien leiden. 1935 schickten sie ihre Eltern daher auf eine jüdische Schule in Offenbach. Allerdings, so weiter Zeitzeugen, habe es auch jene gegeben, die den verarmten Juden heimlich Brot oder einen Sack Mehl zusteckten.

Die gesamte Familie von Leopold Wertheim, einschließlich Mutter Johanna, wurde 1942 deportiert und ermordet. Einzig Ruth überlebte. 1945 kehrte sie nach Londorf zurück - die jüdische Gemeinde existierte nicht mehr, ihre Angehörigen waren ermordet worden. 1946 emigrierte sie in die USA, wo sie im Alter von 67 Jahren starb.

An das Schicksal der Wertheims wie aller Londorfer Juden erinnert heute wenig. Besagte Gedenktafel etwa. Oder der Judenfriedhof. Dessen Grabsteine hatte vor einigen Jahren ein örtlicher Steinmetz restauriert, wie Gerd Schönhals, ehemals Vorsitzender des Vereins für Heimat- und Kulturgeschichte, dieser Zeitung berichtete.

Verschwunden ist dagegen die Synagoge. Das dreistöckige Fachwerkgebäude (heute Gießener Straße 76) beherbergte einen großen Betraum, Schulsaal und Lehrerwohnung. Beim Novemberpogrom 1938 zerstörten Nazis die Inneneinrichtung, verbrannten einige der Thorarollen. Nach dem Krieg wurde das Haus abgerissen, im Neubau befand sich einige Jahre ein Lebensladen. An die Synagoge, zur Lumda hin, schloss die Mikwe an. Ein kleines Badehaus, dessen Wasser der Erlangung ritueller Reinheit dienen soll. Was kaum einer weiß: Die Außenmauern sind bis heute erhalten - ein vergessener Ort.

Die Geschichte auch dieser Gemeinschaft mosaischen Glaubens dokumentiert hat die »Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum« (Alemannia Judaica). Danach reichen ihre Ursprünge bis ins 17. Jahrhundert zurück.

Londorf war damals Teil des Besitzes der Herren Nordeck zur Rabenau. Diese hatten seit 1650 das Recht zur Aufnahme von Juden in ihren Herrschaftsbereich; deren um 1720 angelegter Friedhof verweist darauf. An die Patrimonialherren war Schutzgeld zu entrichten - anfangs dazu von jedem geschlachteten Stück Vieh die Zunge.

Laut Alemannia Judaica lebten 1828 in Londorfs Mauern 103 Juden, bei 770 Einwohnern insgesamt. Die Familienvorsteher waren Viehhändler, Metzger oder Kleinkaufleute, lebten durchweg in einfachen Verhältnissen.

Für religiöse Aufgaben hatte die Gemeinde Londorf, zu der auch Geilshausen, Kesselbach und Rüddingshausen gehörte, einen Lehrer angestellt. Der war zugleich als Vorbeter und Schochet (Schächter) tätig. Die Londorfer gehörten zum Liberalen Provinzialrabbinat Gießen

Was nun Londorf als größte »Teilgemeinde« angeht, so ermittelten die Historiker fürs Jahr 1933 gerade noch 40 jüdische Personen. Rabenaus heutige Kerngemeinde zählte damals 1041 Einwohner. Die Vorsteher der elf Familien waren Manufakturwarenhändler, Viehhändler und Metzger.

Aufgrund des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und Repressalien zog ein Teil in den folgenden Jahren weg oder wanderte aus.

Oft hieß es nur »In Polen verschollen«

1941 wurden noch 15 jüdische Einwohner gezählt, die letzten elf wurden 1942 deportiert. Gemeindevorsteher Isaak Simon, der nach Holland emigriert war, kam über Theresienstadt ins Vernichtungslager Auschwitz, wo er ermordet wurde.

Wie dem »Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945« des Studienkreises deutscher Widerstand zu entnehmen sind für die jüdische Gemeinschaft Londorf - neben der Familie von Leopold Wertheim - diese Opfer zu beklagen: Julius und Rosa Jonas; Frieda Kahres; Betty und Markus Kares; Isaak, Johanna und Nanni Simon; David Stern, Rosa und Ferdinand Stern; Margaretha und Walter Schönfeld; Johanna und Josef Stern, Alfred Wertheim.

Die letzten Orte ihres Leidens hießen Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück, Theresienstadt, für einige findet sich in Dokumenten nur der Eintrag »Verschollen in Polen.«

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tb_lon2_120222_4c_1 © Thomas Brueckner
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2019 enthüllte Gedenktafel in der Londorfer Kirchgasse. © Thomas Brueckner

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