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Welle der Solidarität

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Mit 16 kam Mojtaba Akbari nach Grünberg. Die Familie Sharifi nahm ihn auf, er ging zur Schule, fand rasch Freunde, steht nun vor dem Ende seiner Lehre. Ein Beispiel gelungener Integration? Ja, wäre da nicht die Angst vor der Abschiebung: Der Asylantrag des Afghanen wurde abgelehnt, die Duldung läuft aus. Tatsächlich, so sein Anwalt, bestehe keine Gefahr.

Seine Pflegefamilie aber verweist auf die komplizierte Rechtslage, hat eine Petition gestartet. Die Welle der Solidarität beeindruckt: Über 6000 haben bereits unterschrieben.

VON THOMAS BRÜCKNER

Am 25. Juni werden es sechs Jahre sein, dass Mojtaba Akbari aus dem fernen Afghanistan in dem kleinen Weiler Seenbrücke unweit von Grünberg jene Geborgenheit fand, die ihm das Leben bisher verwehrt hatte. Die Familie von Behrooz Sharifi nahm den »unbegleiteten minderjährigen Ausländer« bei sich auf. Der 16-Jährige machte seinen Schulabschluss, schoss für den Fußballverein viele Tore, fand mit seiner zugewandten Art rasch Anschluss. »Moji«, wie Freunde ihn der Einfachheit halber rufen, steht nun kurz vorm Ende einer Lehre beim Grünberger Unternehmen Bender.

Alles gut also? Nein. Sein Asylantrag wurde jüngst in zweiter Instanz abgelehnt, die Duldung läuft mit dem Ende seiner Lehre im Juni aus. Aus Angst vor einer Ausweisung hat seine Pflegefamilie eine Petition gestartet. Überschrift: »Eine Chance für Mojtaba - Heimat statt Abschiebung!«

Binnen weniger Tage haben mehr als 6000 Menschen unterzeichnet. Gerichtet ist die Petition an Bundesinnenminister Seehofer, an die Landesregierung, an Gießens Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Verantwortlich für den Aufruf zeichnet Hanna Kertesz, Schwiegertochter von Behrooz Sharifi. Der Weickartshainer iranischer Abstammung arbeitet als Flüchtlingsbegleiter und Dolmetscher, hatte Mojtaba in einem Schottener Wohnheim kennengelernt. »Ich weiß noch, wie ich ihn gefragt habe: ›Warum willst Du nach Deutschland?‹«. Worauf ihm der 16-Jährige zur Antwort gab: »Ich will einfach wie ein Mensch leben.« Das ermöglichten ihm nun die Sharifis, nahmen sie ihn doch als Pflegekind in ihre Familie auf.

Unterstützten ihn, als es etwa darum ging, bei der Ausländerbehörde eine Ausbildungs-Duldung zu erwirken, oder die Lehrstelle zum Elektroniker für Betriebstechnik bei der Firma Bender zu bekommen. Die sei voll des Lobes, wolle ihn direkt übernehmen, sagt Sharifi voller Stolz.

Mojtaba habe es geschafft, sich ein stabiles soziales Umfeld aufzubauen und sei in der Lage, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, unterstreicht der Pflegevater. Nicht anders Hanna Kertesz: »Wir haben ihn als Familienmitglied in unser Herz geschlossen und begleitet. Er lernte schnell die Sprache, hat die Werte der westlichen Gesellschaft schätzen und lieben gelernt.« Afghanistan kenne er kaum, habe dort weder Familie noch soziale Kontakte, fügt sie an. Und auch, dass Mojtaba zum Christentum konvertiert ist.

Den Weg dorthin geebnet hat ihm nicht zuletzt Pfarrerin Cordula Michaelsen. Wie sie sagt, hatte der Teenager lange Gespräche mit Konfirmierten geführt und sich schließlich taufen lassen.

Von Geflüchteten, so wieder Sharifi, fordere die Politik Integration, Sprachkenntnis und berufliche Perspektive. Obwohl Mojtaba dies alles erfülle, drohe die Abschiebung. Daher der Appell an die Adressaten der Petition: »Bitte geben sie Mojtaba eine Chance. Zeigen Sie, dass bedingungslose und aktive Integrationsbereitschaft belohnt und nicht bestraft wird.«

Darauf hoffen auch die (bis dato) über 6100 Unterzeichner. Darunter viele Fußballspieler der FSG Grünberg-Lehnheim-Stangenrod, wo »Moji« aktiv ist, er sich viele Sympathien erworben hat. Als Grünberger Verein, betont FSG-Sprecher Stephan Hahn, unterstütze man natürlich den Protest. Er habe selten jemanden kennen gelernt, der entschlossener war, sich hier zu integrieren. Wörtlich: »Das ist so, als würde man einen Deutschen aus Deutschland ausweisen.«

Dass es damit ernst werden könnte, musste Akbari im April erfahren. In zweiter Instanz lehnte das Verwaltungsgericht Gießen seine Klage gegen die Ablehnung des Asylantrags durch das BAMF ab. Geradezu »geschockt« war er über das Urteil: »Da hieß es, ich könne ja als Tagelöhner in Afghanistan überleben.«

Auf die dritte Instanz vorm Verwaltungsgerichtshof (VGH) will er verzichten, sich stattdessen bei der afghanischen Botschaft um einen Pass bemühen und hofft, damit eine neue Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Doch die Angst, zwischenzeitlich - und wie allzu oft geschehen - über Nacht abgeschoben zu werden, besteht fort. Denn seine Duldung läuft mit dem Ende der Ausbildung im Juni aus.

Dass das Verwaltungsgericht Gießen »komplett falsch gelegen hat«, schickt Akbaris Anwalt Ralph Lammers voraus. Insbesondere was die immense Gefahr betrifft, der ein zum Christentum konvertierter Mensch in Afghanistan ausgesetzt ist. Doch habe das Gericht die Ernsthaftigkeit des Glaubens seines Mandanten nicht anerkannt. Ein Grund: Mojtaba fiel die Antwort auf die Frage nach dem höchsten christlichen Feiertag (Ostern) zu spät ein.

Wie können Juristen über die lebensbestimmende Rolle einer Konfession befinden? Eine Frage, die sich nicht nur Lammers aufdrängt.

Mit Hinweis auf die sehr geringen Chancen vorm VGH, so der Anwalt weiter, habe man auf eine Berufung verzichtet. Also ist das Asylverfahren am Ende, ist Akbari per se zur Ausreise verpflichtet - könnte gar abgeschoben werden.

Tatsächlich aber sei dem nicht so, betont Lammers. Sofern nämlich die Ausländerbehörde den Antrag auf Duldung für geplante zweite Ausbildung (»Übernahme durch Betrieb sicher«) genehmige, erwerbe er einen »fixen Anspruch« auf eine Aufenthaltserlaubnis. Und selbst wenn diese nicht rechtzeitig vorm nahenden Ende der Lehre eingehe, sei doch zu erwarten, dass ihm aufgrund seiner Arbeit und qualifizierten Ausbildung ein »Ermessensanspruch« zuerkannt wird.

Lammers mit Hinweis auf das hessische Abschiebeverbot für (nicht straffällige) Afghanen und die faire Praxis der Ausländerbehörde Gießen: »Eigentlich ist er absolut safe.«

Und sobald dieser einen afghanischen Pass erhalten habe, könne er auch ins Ausland reisen; in Deutschland sei ihm das, etwa für seine Firma, bereits zuvor möglich. Auf lange Sicht, in rund fünf Jahren, stehe es ihm zudem frei, sich einbürgern zu lassen.

Skeptischer sieht das »Mojis« Pflegeschwester Hanna. »Weder Anwalt noch Behörden konnten uns bestätigen, dass eine Abschiebung ausgeschlossen ist. Ebenso wenig, dass die Duldung - sie läuft am 5. Juli aus - verlängert werde, gebe es doch keinen Rechtsanspruch.« Deshalb die Petition jetzt. Und auch wenn die Abschiebung wohl nicht unmittelbar drohe, »könnte es sehr bald zu spät sein.«

Die Hoffnung von Familie, Freunden und Unterstützern ist nun, dass Mojtaba in dem Land bleiben darf, das zu seiner neuen Heimat geworden ist. Quasi überflüssig, aber dennoch sei daran erinnert: Eine andere hat er nicht.

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Das Foto zeigt Mojtaba Akbari (Mitte) mit seiner Pflegefamilie (v. l.): Behrooz, Nadja, Behzad Sharifi und dessen Frau Hanna.- Zur Petition: http://chng.it/Vg5QL72t

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