dpa_Homeoffice2_180321_4c_1
+
Digitales Arbeiten im Homeoffice ist für viele Arbeitnehmer nun Alltag - das wirkt sich auch auf Angebote zur Weiterbildung aus. SYMBOLFOTO: DPA

Weiterbildung in der Krise

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
    schließen

Inwieweit haben Unternehmen die Corona-Zeit genutzt, um Beschäftigte zu qualifizieren - gerade in Sachen Digitalisierung? Während die Arbeitsagentur und ZAUG viel Luft nach oben sehen, verweisen IHK und Kreishandwerkerschaft auf ein vermehrtes Umdenken.

Homeoffice, Videokonferenzen, mehr Absprachen im digitalen Raum: Die Corona-Pandemie hat den Arbeitsalltag in vielen Unternehmen drastisch verändert. Doch inwieweit haben Firmen ihre Beschäftigten gezielt geschult oder weiterbilden lassen, um mit neuen Anforderungen zurechtzukommen?

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Weiterbildungen von Mitarbeitern seien zurzeit insgesamt günstig, erläutert Johannes Paul, Sprecher der Gießener Arbeitsagentur. Auch im Hinblick auf den Fachkräftemangel könne man nun auch Menschen fördern, die nicht von Arbeitslosigkeit bedroht seien. Die Kosten für Weiterbildungen übernehme die Agentur teils zu 100 Prozent, ferner könne ein Arbeitsentgeltzuschuss gezahlt werden. »Das ist ein Elfmeter, der muss von den Unternehmen nur noch eingenetzt werden«, sagt Paul. Man versuche, solche Möglichkeiten breit zu bewerben, doch sie würden »sehr zäh« angenommen. 2020 gab es laut Paul im Kreis Gießen 72 Förderfälle im Rahmen der Beschäftigten-Qualifizierung. Viele Arbeitgeber, gerade die von Kurzarbeit betroffenen, hätten während der Corona-Zeit einen »erhöhten Arbeitsaufwand« gehabt, um die Betriebe durch die Krise zu bringen. Auch angesichts der für manche Firmen existenzbedrohenden Lage sei die Qualifizierung von Mitarbeitern da nicht der erste Gedanke gewesen, so Paul.

Insgesamt würden diesbezüglich immer wieder Anfragen, aber viel seltener auch Förderanträge gestellt. In Sachen Weiterbildung mit Fokus auf digitalen Tools meint der Arbeitsagentur-Sprecher: »Da hat sich in den letzten Monaten viel verbessert, aber es gibt noch Luft nach oben.«

Bei der gemeinnützigen Gießener Berufsbildungsgesellschaft ZAUG, getragen von Stadt und Kreis Gießen, haben sich die Verantwortlichen seit 2020 verstärkt auf digitale Weiterbildungsangebote spezialisiert. Ein Kernstück ist das Beratungs- und Qualifizierungszentrum Zukunftskompetenzen (BQZ) für die Metall- und Elektrobranche. Doch Angebote wie Workshops zu Video-Tutorials oder IT-Sicherheit würden nur sehr bedingt nachgefragt. »Die Nachfrage ist nicht so, wie wir es erwartet haben«, sagt Projektmitarbeiter Dr. Klaus-Jürgen Rupp. Auch wegen unsicherer Geschäftserwartungen werde das »Weiterbildungsmanagement« der Betriebe teils reduziert. Gerade kleine und mittlere Unternehmen habe man bislang mit digitalen Qualifizierungsangeboten kaum erreicht, mit Blick auf digitalen Wandel werde in vielen angesprochenen Betrieben kaum Bedarf gesehen. Der pandemiebedingte Digitalisierungsschub treffe, wenn überhaupt, vor allem auf Großbetriebe zu. Bei ZAUG sieht man eine »vertane Chance«.

Firmen hätten die Zeit der Pandemie durchaus genutzt, um Digitalisierung voranzutreiben, äußert sich dagegen Doris Hülsbömer, Sprecherin der IHK Gießen-Friedberg. Beratungsangebote der Kammer zum Thema Digitalisierung würden überdurchschnittlich nachgefragt.

Hülsbömer verweist auf eine Digitalisierungsumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) im November 2020, an der auch 47 Unternehmen aus dem Kammerbezirk Gießen-Friedberg teilgenommen hätten. Das Ergebnis: »53 Prozent dieser Unternehmen gaben an, durch die Corona-Pandemie veranlasst worden zu sein, Produktionsprozesse, Abläufe oder Dienstleistungen zu digitalisieren.« 56 Prozent der Firmen hätten »großen Aufholbedarf bei der Schulung von Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien« gesehen. 50 Prozent der Unternehmen hätten angegeben, dass sie »regelmäßige Mitarbeiterschulungen zu daten- und informationstechnischen Fragestellungen« durchführen.

Auch für das Handwerk ist der digitale Wandel eine Herausforderung. »Die Digitalisierung im regionalen Handwerk ist grundsätzlich geprägt von einer gewissen Heterogenität«, äußert sich Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Gießen. Durch Corona sei das Bild noch uneinheitlicher geworden, weil verschiedene Gewerke unterschiedlich stark von der Pandemie getroffen wurden. Losgelöst von Corona werde das Thema von Innungsbetrieben aber immer stärker angegangen. »Die Digitalisierung von organisatorischen, kaufmännischen und technischen Prozessen steht dabei im Vordergrund. Aber auch Marketingstrategien und eine zeitgemäße Kundenansprache nehmen an Bedeutung zu«, sagt Hendrischke.

Eine grundsätzliche Zurückhaltung der Handwerksbetriebe im Bereich Digitalisierung und diesbezüglicher Qualifizierung könne er nicht erkennen. Handwerksorganisationen sowie Handel und Industrie böten aktuell viele digitale Fort- und Weiterbildungen an, die oftmals »stärker auf die gewerkspezifischen Anforderungen unserer Betriebe zugeschnitten« seien. Hendrischke weiter: »Vielleicht ist das ein Grund, warum die Angebote der Gießener Arbeitsagentur sowie von ZAUG nicht wie gewünscht angenommen werden.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare