Fahrrad oder Auto? Gerade in der Stadt lässt sich das trefflich diskutieren. FOTO: CHRISTIN KLOSE/DPA
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Fahrrad oder Auto? Gerade in der Stadt lässt sich das trefflich diskutieren. FOTO: CHRISTIN KLOSE/DPA

Wege zur Verkehrswende

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Eine Material- und Ideensammlung zur Verkehrswende im Kreis Gießen hat jetzt die Kreistagsfraktion Gießener Linke vorgelegt.

Zwischen 1865 und 1905 wurden in Deutschland 40 000 Kilometer Eisenbahnschienen verlegt - im Schnitt jedes Jahr rund 1000 Kilometer. 2019 waren es gerade mal sechs Kilometer Schienen-Neubau. Derweil wurden seit 1990 bis heute rund 6500 Kilometer Bahnlinien im Lande abgebaut. Für Reinhard Hamel von den Gießener Linken werfen diese Zahlen ein Schlaglicht auf die autogerechte Republik. Denn der Straßenbau geht munter weiter, getreu dem Motto: Auch E-Autos brauchen Raum.

Stimmt. Gleichwohl denken immer mehr mehr Menschen über eine Verkehrswende nach, setzen auf Bus und Bahn, aufs Rad - und auf manche Wege wieder zu Fuß. Das Ziel: Verkehr wieder klimaneutraler zu gestalten, umweltverträglicher.

Wie das in Mittelhessen funktionieren soll und welche Bausteine dafür in Frage kommen könnten, das zeigt der rund 140 Seiten starke Reader "Verkehrswende", den die Kreistagsfraktion Gießener Linke herausgegeben hat.

Warum? Verkehr ist eines der zentralen Themen in der kommunalpolitischen Debatte sowohl in der Stadt Gießen, wie auch im Kreis und den kreisangehörigen Städten und Gemeinden, weiß Hamel.

Die Idee: Alles, was es an Positionen, Zielen, Vorstellungen etc. gibt, in einem Band zusammenzufassen. Herausgekommen ist eine Sammlung von Materialien und Vorschlägen, Zielen und Visionen, die den politischen Diskurs weiter befruchten können.

Autoren der mehr als 20 Beiträge sind neben Hamel Jörg Bergstedt von der Projektwerkstatt Saasen, Friedhelm Sames als Sprecher des Fahrgastbeirates für Landkreis und Stadt Gießen, aber beispielsweise auch die Grünen-Politikerin Christiane Schmahl, die im Kreis das Verkehrsressort verantwortet, der Lollarer Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschafter Klaus Zecher, Thomas Kraft als Vorsitzender von Pro Bahn Hessen sowie Vertreter von Bürgerinitiativen oder Vereinen wie etwa dem Verein Lumdatalbahn, der AG Horlofftalbahn oder der ADFC. Weder Wahl- noch Parteiwerbung ist in dem Band enthalten, dafür aber die geballte Kompetenz von mehr als 30 Autoren, ist Hamel erfreut über das Werk, das binnen weniger Monate realisiert wurde. Hamel: Das zeigt "die große, kreative Kraft" der Vielfalt unterschiedlicher Akteure, die am Projekt Verkehrswende mitarbeiten - mit ganz unterschiedlichen, teils subjektiven Zugängen. Das macht den Reiz des Buches aus.

Man wolle Antworten auf viele drängende Fragen der Verkehrswende in Mittelhessen geben, sagt Hamel bei der Präsentation des Buches. Wenngleich man kein Konzept auf den Tisch legen könne und wolle. Und Jörg Bergstedt ergänzt: Es gehe vielmehr darum, "eine Drehscheibe der vielen Ideen zu entwickeln".

Dazu gehören ganz unterschiedliche Ansätze, vom Lastenfahrrad bis zur Idee einer Regiotram, die alte Trassen wie die der Kanonenbahn verbindet. Vom Ausbau des Busnetzes bis hin zu den besonderen Belangen von Menschen mit Einschränkungen als Verkehrsteilnehmer.

Dass die Projektarbeit in der Fläche bereits ganz praktisch erste Früchte trägt, das zeigt der Blick nach Buseck und nach Linden: Fürs Wiesecktal ist der erste Verkehrswendeplan bereits vorgelegt. Auch für Linden ist ein solcher jetzt jüngst entstanden. Die erste Fahrradstraße im Kreis gibt es ebenfalls in Buseck. Eine Erfahrung, die man dort gemacht hat: Dort ist die Initiative zur Verkehrswende von allen politischen Gruppierungen vor Ort, von Schwarz bis Grün, begleitet und befördert worden. Eine Arbeit, die Menschen verbunden hat.

Das 140 Seiten starke Verkehrswende-Buch ist in einer Auflage von 1500 Exemplaren erschienen. Es wird über die Autoren und beteiligten Initiativen weiterverteilt und gegen Spenden an Interessierte abgegeben. Finanziert worden ist es aus Fraktionsmitteln der Linken im Gießener Kreistag.

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