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Der Trend geht zu Urlaub in Ferienhäusern wie etwa in Dänemark.

Weg vom Massentourismus

Die Reisebranche ächzt unter den Folgen der Pandemie. Die Umsatzrückgänge des vergangenen Jahres und vor allem die andauernde Ungewissheit machen auch den hiesigen Reisebüros zu schaffen. Einen Trend für 2021 haben sie aber bereits ausgemacht.

Manche mögen es als Zweckoptimismus abtun, aber was bleibt Sonja Schmitt auch anderes übrig als zu versuchen, der Gemengelage etwas Positives abzugewinnen. »Es kann 2021 nur besser werden«, sagt sie. Zusammen mit ihrem Mann führt Schmitt »DieSonne«-Reisebüros in Langgöns und Garbenteich. Und immerhin, eines hat sie bei ihren Kunden ausgemacht: »Die Leute haben auf jeden Fall Fernweh.« Andererseits muss sie konstatieren, dass das Buchungsverhalten auch in den ersten Monaten 2021 »total verhalten« ist.

Schmitts Branche gehört zu den großen Corona-Verlierern. Normalerweise machen Reisebüros zu Beginn des Jahres den meisten Umsatz. Aber wer bucht jetzt schon seinen Sommerurlaub, wenn von einer dritten Corona-Welle die Rede ist, die Inzidenzen weltweit im kritischen Bereich liegen und sowieso niemand weiß, welche Regeln in ein paar Wochen gelten. Ob man etwa zum Reisen womöglich gar einen Impfpass braucht.

Die Kunden, das sagt auch Carsten Heinz, Inhaber des »Holiday Land«-Reisebüros in Pohlheim, sind »verunsichert und ängstlich«. Als Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten jüngst ihre Öffnungsszenarien für alle möglichen Bereiche vortrugen, war der Aufschrei in der Touristikbranche groß. Im Vorfeld hatten die Vertreter ein Konzept für den Neustart gefordert. Letztlich wurden sie schmallippig auf das nächste Treffen am 22. März vertröstet, garniert mit dem Appell an die Bürger, nicht notwendige Reisen im In- und ins Ausland zu unterlassen.

»Wir, meine ganze Branche und ich, waren sehr enttäuscht, dass wir in den Beschlüssen noch nicht mal erwähnt wurden«, sagt Jasmin Schreier von »Mein Urlaubsglück« in Hüttenberg. Ihr Pohlheimer Kollege Heinz spricht gar von einer »Katastrophe«. Er sagt, er versuche sich in die Köpfe der Kunden hineinzuversetzen: »Wenn ich nicht weiß, ob oder wann ich fahren kann - warum sollte ich dann eine Reise buchen?«

Kontaktverringerung ist in der Pandemie noch immer das Gebot der Stunde. Aus epidemiologischer Sicht ergeben Beschränkungen durchaus Sinn. Andererseits verweisen Touristiker auf ausgeklügelte Hygienekonzepte der Hotels und auf eine Studie aus dem vergangenen Jahr. Reiserückkehrer wurden damals pauschal als Treiber der Pandemie gebrandmarkt. Dabei spielten klassische Urlaubsreisen beim Anstieg der Infektionszahlen laut Robert-Koch-Institut wohl eine geringere Rolle als zunächst vermutet. Nur ein relativ kleiner Prozentsatz der positiv getesteten Reiserückkehrer kam aus gängigen Urlaubsländern wie Griechenland, Italien, Frankreich oder Spanien. Deutlich höher war hingegen der Anteil derer, die aus dem Balkan oder der Türkei zurückkehrten - also vermutlich häufig von Familienbesuchen. Nach einer Auswertung der Testfirma Centogene infizierten sich etwa 5,09 Prozent der Menschen, die in den Kosovo fuhren, jedoch nur 0,23 bis 0,49 derer, die nach Portugal,Spanien, Italien, Griechenland oder Ägypten reisten.

Für Schmitt, Heinz, Schreier und ihre Kollegen hat die derzeitige Situation vor allem wirtschaftliche Folgen. Die Umsatzeinbußen im vergangenen Jahr waren bei allen drei gewaltig. »Das ging wirklich ans Ersparte. Das vergangene Jahr war extrem«, sagt Schreier. Dennoch hofft sie, dass es in diesem Jahr schon wieder einen Schritt in Richtung Normalität geben wird: »Wir können nicht von Erholung sprechen, aber es wird ein bisschen besser werden.« Eine andere Frage aber ist noch nicht beantwortet: Überleben überhaupt alle Hotels und Fluggesellschaften die Krise?

Der Deutsche Reiseverband hat jüngst die Buchungen, die bereits für diesen Sommer getätigt wurden, ausgewertet. Das Ergebnis: Die Deutschen zieht es in Richtung Mittelmeer. Mallorca, die griechischen Inseln, aber auch die Türkei sind derzeit beliebt.

Zudem zeichnet sich noch ein weiterer Trend ab: »Ferienhäuser und Ferienwohnungen werden verstärkt nachgefragt«, sagt Schreier. Nicht nur Domizile in Deutschland, auch in Österreich oder Dänemark - eben in all jenen Ländern, die man bequem mit dem Auto erreichen kann.

»Der Trend geht momentan zu Eigenanreise und Ferienhaus, etwas weg vom Massentourismus«, bestätigt Schmitt. Sie rechnet damit, dass nach der Pandemie ein Nachholeffekt eintreten wird: »Die Leute gehen hart arbeiten für ihr Geld. Sie möchten sich einfach etwas Schönes und Entspannung gönnen. Für viele ist und bleibt das der Urlaub.«

Bei Schreier haben sich jetzt schon Kunden für 2022 informiert, nach der urlaubsfreien Zeit wollen sie etwas »ganz Besonderes« erleben. Ziele wie die Malediven oder Galapagosinseln seien angefragt worden, eben etwas, »was man nur ein mal im Leben macht«.

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