Während im Einzelhandel seit Montag erste Lockerungen greifen, liegt die Reisebranche auf Monate hinaus am Boden. FOTO: DPA
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Während im Einzelhandel seit Montag erste Lockerungen greifen, liegt die Reisebranche auf Monate hinaus am Boden. FOTO: DPA

Hilferuf

"Was sollen wir denn verkaufen?": So trifft die Coronakrise Reisebüros im Kreis Gießen

  • vonStefan Schaal
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Während kleine Läden seit gestern allmählich wieder öffnen, stehen zahlreiche Reisebüros im Gießener Land vor dem Aus. "Selbst wenn uns Kunden besuchen, können wir ihnen auf Monate hinaus keine Urlaubsreisen anbieten", sagt Rolf Neu in Lollar. "Wir kämpfen ums Überleben."

Monika Neu blickt nach draußen, durch die Schaufensterscheibe ihres Reisebüros in Lollar. Auf der anderen Straßenseite wehen Sommerkleider im Wind, die Boutique gegenüber hat seit dem gestrigen Montag wieder geöffnet. "Cafés, Läden und kleine Geschäfte können jetzt langsam wieder Geld verdienen", sagt die 47-Jährige. Verzweiflung und Wut liegen in ihrer Stimme. "Was sollen wir denn verkaufen? Wir werden die Letzten sein, die wieder aufstehen können."

Noch auf Monate hinaus wird die Reisebranche am Boden liegen. "Die Regierung in Spanien hat gerade bekanntgegeben, dass der Tourismus dort nicht vor Jahresende in Gang kommen wird", sagt Neu. "Spanien ist unser wichtigstes Reiseziel."

Sechs Wochen ist es her, als ihr Reisebüro das vorerst letzte Mal Geld eingebracht hat. "Eine Städtereise nach Hamburg", sagt Neu. "Bis heute unsere letzte Buchung." Gleichzeitig gelte es, Fixkosten von monatlich 2000 Euro zu begleichen. Der Hausbesitzer habe ihnen die Miete um 120 Euro gesenkt. "Darüber freuen wir uns. Aber wir leben derzeit von unseren Ersparnissen." Sie haben Kurzarbeit und Soforthilfe beantragt.

Monika und ihr Mann Rolf Neu haben das Lollarer Reisebüro seit 13. März zum Schutz vor der Coronapandemie geschlossen, doch jeden Tag sitzen sie weiterhin am Schreibtisch, schieben Überstunden, das Telefon klingelt ohne Unterbrechung. Kunden stornieren ihre Reise oder stellen Fragen, die das Ehepaar Neu allerdings nicht immer beantworten kann. "Viele Reiseveranstalter sind momentan telefonisch nicht erreichbar. Es vergehen Tage, bis sie Mails beantworten", sagt Rolf Neu. Eine Kundin in Lollar wolle beispielsweise wissen, was mit ihrer im Mai geplanten Irlandreise geschieht. "Der Veranstalter sagt uns: keine Ahnung." Monika Neu befürchtet, dass ihr Reisebüro Provisionen für stornierte Buchungen nun in hoher Zahl zurückzahlen muss "Das würde uns das Genick brechen."

Monika Neu arbeitet seit den 90er Jahren im Reisegeschäft. Sie und ihr Mann haben bereits so einige Krisen überstanden. Auch nach Terroranschlägen wie 2001 in New York oder nach Naturkatastrophen wie dem Tusunami 2004 in Südostasien hatte die Reisebranche schwere Einbrüche zu verzeichnen, erholte sich danach aber wieder recht schnell. Diesmal seien die Aussichten weitaus schlechter, glaubt Neu. "Die Coronakrise betrifft ja die ganze Welt." Rolf Neu presst die Lippen zusammen, hebt die Schultern, dann sagt er: "Ich kann ja keine Fußreise an der Lumda verkaufen."

Wortgewaltig verschafft seine Frau ihrer Verzweiflung Luft. "Ich habe keine Lust mehr auf Gelaber", sagt sie. "Keine Lust mehr auf Dankesworte." Als Mitte März alles stillstand, habe sie die Situation noch als unwirklich empfunden. "Die zweite Woche habe ich nur geweint. In der dritten Woche wollte ich mich umbringen. Jetzt bin ich im Kampfmodus." Sie habe das Gefühl, dass die Politik die Lage ihrer Branche ignoriere. "Für Reisebüros müsste ein Hilfspaket geschaffen werden", sagt sie.

Die Schwierigkeit, sich momentan Gehör zu verschaffen, äußert auch Sonja Schmitt, die mit ihrem Mann Reisebüros in Pohlheim und Langgöns betreibt. In den vergangenen Wochen hätten sie anfangs nicht gewusst, ob sie überhaupt öffnen durften. "Wir waren nirgends erwähnt", sagt sie. "Ich hoffe, die Politik vergisst uns nicht." Viele Reisebüros im Kreis kämpfen um ihres Existenz, Schmitt äußert sich etwas optimistischer. "Wenn in diesem Jahr kein Kunde mehr eine Reise bucht, würden wir das noch überstehen", sagt sie. Erst danach würde es schwierig.

Im Gespräch mit den Kunden organisiere man derzeit neben Stornierungen auch Umbuchungen von Urlaubsreisen in den Herbst, erzählt sie. Die Kunden reagierten trotz der Ungewissheit verständnisvoll. Früher war ein Reise-Storno nach fünf Tagen erledigt, angesichts der Millionen an abgesagten Reisen wird es sicherlich Monate dauern.

Schmitt und ihr Mann haben in den vergangenen Wochen mehreren Kunden bei der Rückkehr aus dem Ausland geholfen. "Das ist nicht so einfach, wenn Hotels schließen und Flughäfen dicht machen." Für einen Urlauber aus dem Kreisgebiet hätten sie zehn Tage nach einem Flug gesucht, bis er aus den Philippinen zurückkehren konnte.

Doch wie geht es weiter? Schmitt hofft, dass im Juni innerhalb Deutschlands Urlaubsreisen möglich werden, beispielsweise an der Mecklenburgischen Seenplatte, und dass Hotels und Restaurants unter Einschränkungen Gäste begrüßen können. Sie könne allerdings auch verstehen, wenn die Menschen in diesem Jahr erstmal keine große Lust auf Reisen ins Ausland verspüren, zumal das Geld in Zeiten von Kurzarbeit knapper ist.

Am 15. März wollten die Schmitts selbst in den Urlaub fahren, Skifahren im Zillertal. Die Reise fiel der Corona-Krise zum Opfer. "Vergangenes Jahr im September haben wir unseren Urlaub schon gestrichen, weil wir unseren Kunden nach der Insolvenz des Reiseveranstalters Thomas Cook geholfen haben." Doch sie bleibe positiv gestimmt. "Irgendwann holen wir das alles nach", sagt Sonja Schmitt. "Für irgendwas wird die Krise gut sein."

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