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Angekommen in der Stadt ihrer Träume: Olga Schindler lebt in Lissabon.

Was im Leben wirklich zählt

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Sie hat ihr altes Leben hinter sich gelassen und ist in die Stadt ihrer Träume gezogen, nach Lissabon. Jetzt hat sich Olga Schindler aus Nonnenroth von ihren Erfahrungen zu einem Roman inspirieren lassen. »Universisch für Anfänger« ist ein unterhaltsames Debüt mit Tiefgang.

Midlife-Crisis war gestern. Jetzt schlägt der Katzenjammer schon früher zu, bei den Dreißigjährigen, die vor lauter Entscheidungsfreiheit nicht wissen, wie es mit ihrem Leben weiter gehen soll. Auch Emma wird von einer solchen Quarterlife-Crisis gepackt. Ein Städtetrip nach Lissabon führt sie ganz unerwartet auf eine viel spannendere Reise: zu ihrem wahren Selbst.

Emma gibt es nicht wirklich. Sie ist die Hauptperson aus »Universisch für Anfänger«, dem unterhaltsamen Romandebüt von Olga Schindler. »Natürlich ist die Geschichte fiktiv«, sagt die 41-Jährige, die ihre Jugendjahre in Nonnenroth verbracht hat. Dass die Zweifel und inneren Kämpfe ihrer Protagonistin und die ganz besondere Atmosphäre Lissabons so authentisch rüberkommen, hat einen guten Grund: Auch Olga Schindler hat vor sechs Jahren ihr altes Leben hinter sich gelassen und lebt jetzt in Lissabon. »Die Stadt hat mich gepackt«, sagt sie.

Schindler hat deutsch-russische Wurzeln. 1979 im südlichen Ural geboren, kam sie im Alter von 13 Jahren mit Eltern und Großeltern nach Deutschland und zog bald darauf nach Nonnenroth. Es folgten das Abitur an der Gesamtschule Hungen, ein Fremdsprachen- und Wirtschaftsstudium in Gießen, ein guter Job im Marketing in Frankfurt: »Alles lief gut«, sagt sie rückblickend. Und dennoch sei da stets das nagende Gefühl gewesen, dass irgendetwas in ihrem Leben fehle.

Eine private Trennung und ein verständnisvoller Chef, der ein sechsmonatiges Sabbatical genehmigte, markierten die Wende: Olga Schindler packte ihre Koffer und flog nach Lissabon, eine Stadt, die sie bis dato nur von einem kurzen Aufenthalt kannte. »Ich geh’ da jetzt mal hin und schaue, was passiert«, so lautete damals ihr Vorsatz. Fern von Deutschland hat sie dann alles hinterfragt.

Der Roman, den sie nun geschrieben hat, fußt auf ihren damaligen Erfahrungen. »Das Buch ist leicht zu lesen und unterhaltsam«, sagt die Autorin, die ihrer Protagonistin ein paar Männergeschichten angedichtet hat. Doch im Kern geht es in »Universisch für Anfänger« um die Frage, wie ein gutes Leben aussehen kann. Soll man die Erwartungen der anderen erfüllen? Oder aufs eigene Herz hören? Wie Emma sich in »Universisch für Anfänger« entscheidet, soll hier nicht verraten werden. Ihre Geschichte endet mit dem Sabbatical, jedenfalls vorerst.

Aber Olga Schindlers eigene Geschichte ist weiter gegangen. Nach sechs Monaten Lissabon war ihr klar, dass sie nicht in ihr altes Leben zurück kehren wollte. Sie machte tabula rasa, kündigte Job und Wohnung und zog nach Portugal, um endlich das zu tun, wonach es sie drängt. Tanzen zum Beispiel, ihre große Leidenschaft seit Jugendjahren. In Nonnenroth hat sie gemeinsam mit ihrer Schwester Irina die Showtanzformation »Take Five« trainiert, in Lissabon unterrichtet sie Salsa und Merengue. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit Online-Marketing, aber der Job lässt ihr genügend Zeit, um den Dingen nachzugehen, die ihr Freude machen. »Ich habe wirklich viel ausprobiert.« Kuchen backen, zum Beispiel. Einen Blog ins Leben rufen. In der Bar ihres Freundes arbeiten. Und, als jüngstes Projekt, Bücher schreiben.

»Universisch für Anfänger« ist aus einem spontanen Impuls heraus entstanden und auf Anregung von Freunden, die immer wieder sagten: Du solltest ein Buch schreiben.« Etwa zwei Jahre habe sie daran gearbeitet, die Inspiration sei wie von allein gekommen. »Es war, wie Tagebuch schreiben. Nur ein paar Jahre später.« Den Plan, den Text auch zu veröffentlichen, fasste sie erst im Nachhinein, um anderen Menschen Mut zu machen. »Es ist nie zu spät, noch einmal von vorne anzufangen«, das ist ihre Erfahrung. »Dazu muss man auch nicht nach Lissabon fahren.«

Ihr Erstlingswerk hat sie auf eigene Faust herausgebracht. Für die Suche nach einem Verlag fehlt ihr nach eigenen Aussagen die Geduld. »Der schnellste und einfachste Weg war über Amazon.« Publik macht sie ihren Roman unter anderem über Facebook und Instagram. »Leute, die mich kennen, tragen das weiter.« Außerdem hat sie einige Buchblogs auf ihr Buch aufmerksam gemacht. Klassische Vertriebswege sind ihr momentan wegen der Corona-Beschränkungen versperrt. »Ansonsten hätte ich in Deutschland ein paar Lesungen organisieren können. Vielleicht hole ich das noch nach.«

Momentan jedenfalls ist an einen Besuch in der alten Heimat und bei der Familie nicht zu denken. Die Corona-Krise hält Portugal aktuell in eisernem Griff. Wie leer die Hauptstadt ist, kann Olga Schindler täglich sehen. »Ich lebe mitten im Zentrum.« Aus den Nachrichten weiß sie, dass die Krankenhäuser überlastet sind. Für sie selbst hat der aktuelle Lockdown nicht so sehr viel geändert. »Ich arbeite online von zu Hause aus und die Bar meines Freundes ist bereits seit fast einem Jahr geschlossen.« Sie versucht, so wenig wie möglich rauszugehen und übt sich ansonsten in Zuversicht: »Die Situation wird auch wieder besser werden.«

So bleibt genügend Zeit, um an neuen Buchprojekten zu tüfteln, denn: »Ich habe Blut geleckt.« Aktuell schreibt die 41-Jährige an einer Fortsetzung von »Universisch für Anfänger«, mal schauen, welche Überraschungen das Universum für Hauptperson Emma noch bereit hält. Doch es gibt noch einen zweiten, deutlich ernsteren Stoff, der ihr am Herzen liegt: das Schicksal der Russlanddeutschen im Zweiten Weltkrieg. Es ist die Geschichte auch ihrer Großeltern. Mit den Recherchen für dieses Familienepos hat sie bereits begonnen. Ob es gelingt? Wer weiß. Wie immer gilt auch hier Olga Schindlers Wahlspruch: »Man soll die Reise genießen, so wie sie ist, und nicht auf das Ziel starren.«

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