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Warum ein Zweig der reichsten Familie Deutschlands in ein Lindener Startup investiert

  • vonStefan Schaal
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Das Lindener Unternehmen FinTecSystems analysiert Konten in Sekunden - und Banken urteilen: Ist der Kunde kreditwürdig? An das Startup glaubt auch ein Zweig der reichsten Familie Deutschlands.

Für Tausende Schüler und Studenten war Dirk Rudolf einst die letzte Rettung. Auf seiner Internetseite referate.de fanden sie unzählige Hausarbeiten und Vorträge, die dort jeder – auch gegen Geld – anbieten und vor allem herunterladen konnte. Als 17-Jähriger hatte Rudolf die Seite mit einem Freund ins Leben gerufen und programmiert.

Wir bleiben in Linden. Ein Vorzug ist: Mitarbeiter sind sehr loyal, es gibt hier keine Jobhopper

Dirk Rudolf

20 Jahre später sind nicht mehr Kinder und Jugendliche Rudolfs Kunden. Es ist die große Welt der Banken. FinTecSystems, in Großen-Linden ansässig, ist eines der verheißungsvollsten Startup-Unternehmen in der Region. Darauf weist vor allem eine Investition hin: Ein Zweig der Familie Reimann, einer der wohlhabendsten Unternehmerfamilien Deutschlands, hat kürzlich über Reimann Investors eine hohe Summe in die Lindener Firma gesteckt. Das manager magazin führte die gesamte Familie im vergangenen Jahr in einer Liste auf Platz 1 der reichsten Deutschen. Durch mehrere Investoren hat FinTecSystems unterdessen insgesamt 4,5 Millionen Euro sammeln können.

Wir besuchen das Unternehmen in der Robert-Bosch-Straße. Die Räume sind hell, in den Büros sitzen junge Programmierer an Computern. Türen sucht man hier vergebens, an den Wänden hängen Sprüche wie "Done is better than perfect". Rudolf grüßt mit freundlicher, ruhiger Stimme. 35 Menschen sind für FinTecSystems tätig, die Hälfte in Linden, die meisten von ihnen sind Informatiker.

Um Beschäftigte bundesweit anzuheuern und sie nicht zum Umziehen zu zwingen, habe man Büros auch in Berlin, Köln und Hamburg angemietet, sagt Rudolf. Sein Geschäftspartner Stefan Krautkrämer lebt und arbeitet in München. "In unserem ersten Jahr war München extrem wichtig", sagt Rudolf. "Wenn ich bei einem Investor den Ort Linden als Sitz nenne, ernte ich nur Stirnrunzeln und fragende Gesichter."

Intelligenz in an sich dummen Daten

Bei einem Kaffee erklärt Rudolf sein Geschäft. "Unser Ziel ist, die Kreditvergabe zu vereinfachen." Seine Software analysiert die Daten von Bankkonten in Sekundenschnelle, kategorisiert präzise die Einnahmen und Ausgaben der vergangenen 365 Tage und schlüsselt sie auf – je nachdem, ob Geld zum Beispiel für Pizza, ein Auto oder die Schuldentilgung verwendet wurde. "Wir bringen Intelligenz in an sich dumme Daten", sagt Rudolf. Die Bewertung, ob der Kontoinhaber kreditwürdig oder nicht ist, nehme dann die Bank vor. "Vielleicht bieten wir irgendwann auch ein Punktesystem, einen Leitscore, an. Aber daran glaube ich nicht." Kunden der Lindener Firma sind unter anderem die Deutsche Kreditbank (DKB), Santander, die Solarisbank und die Deutsche Handelsbank.

Rudolf gibt ein Beispiel, das bereits täglich zur Anwendung kommt: "Ich will auf der Seite Autoscout24 einen Gebrauchtwagen kaufen, die 12 900 Euro habe ich aber nicht flüssig." Anstatt zur Bank zu gehen und einen Kredit zu beantragen, könne man die Bonität durch FinTecSystems in der Autoscout-App überprüfen lassen. "Die Identifizierung läuft per Video-Ident-Verfahren."

Bonität wird anonym überprüft

Das Geschäft mit Krediten steht derweil nicht im allerbesten Ruf. Oft sind es gerade Menschen, die sich Kredite besser nicht leisten sollten, die Schulden aufnehmen. Der Geschäftsführer entgegnet: "Wir ersparen nicht nur den Banken Bearbeitungszeit und Kosten. Wir vereinfachen auch die Leben von Menschen." Der Unternehmer erzählt, er habe kürzlich ein Sofa gekauft und – zum Ausprobieren – die Null-Prozent-Finanzierung gewählt. "Die Verkäuferin hat gleich komisch geschaut: Der kann sich’s also nicht leisten. Ich wurde dann in ein Hinterkämmerlein geführt, es wurde eine Schufa-Prüfung vorgenommen." Er habe es als unangenehm empfunden. "Aus meiner Sicht aber gehen die Daten die Verkäuferin nichts an." Die Lösung seines Unternehmens indes sei anonym. "Ich gerate dann nicht in diese Bettlerhaltung."

Rudolf räumt ein: Für einen großen Kredit, um ein Haus zu kaufen, sei die Bonitätsprüfung in Sekundenschnelle selbstverständlich nicht gedacht.

Frage nach der Sicherheit

Beim Umgang mit sensiblen Daten stellt sich unterdessen die Frage nach der Sicherheit. "Die Daten liegen ja nicht hier in Linden im Keller", sagt Rudolf, "sondern in einem sicheren Rechenzentrum, verschlüsselt und geschützt." Zugriff auf die Konten erhalte man nur durch die explizite Zustimmung des Nutzers.

Durch die große Investition von Reimann Investors gewinne man ein bedeutsames Stück Zukunftssicherheit, hält der 37-Jährige weiter fest. "Seriosität und Zuverlässigkeit ist in unserer Branche ausschlaggebend. Banken, unsere Kunden, fänden es natürlich nicht so toll, wenn wir wieder schnell weg vom Fenster wären." Gleichzeitig empfinde er nun größere Verantwortung, mit dem Geld auch vernünftig umzugehen. "Bisher haben ich und mein Geschäftspartner viel eigenes Geld reingesteckt. Das ist jetzt, als wenn man nach dem Single-Leben in eine Ehe übergeht." Rudolf und Krautkrämer waren gemeinsam im Gründerteam des Online-Bezahlsystems "Sofortüberweisung", haben sich dort kennengelernt, Reimann Investors war bereits in diesem Unternehmen der Hauptgesellschafter.

Bekenntnis zu Linden

Über Geschäftszahlen gibt Rudolf keine Auskunft. "Wir wachsen", sagt er. Gewinne erwirtschaftet FinTecSystems indes noch nicht. Eine Existenzgründung im ländlichen Raum sei schwierig, sagt Rudolf. "Bringt es genug Aufmerksamkeit? Ich weiß es nicht." In Linden werde man dennoch definitiv bleiben. "Ich bin hier zuhause", sagt der Langgönser. Linden biete mehrere Vorteile: günstige Mieten, die zentrale Lage. "Und der große Vorzug ist: Mitarbeiter bleiben sehr lange, sind loyal. Es gibt keine Jobhopper wie in München und Berlin."

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