Bewohner in Pflegeheimen haben diese Woche erstmals wieder Angehörige empfangen. Am Sonntag müssen diese aber in der Regel draußen bleiben. FOTO: DPA
+
Bewohner in Pflegeheimen haben diese Woche erstmals wieder Angehörige empfangen. Am Sonntag müssen diese aber in der Regel draußen bleiben. FOTO: DPA

"Wollen Lockerungen nicht aufs Spiel setzen"

Warum Seniorenheime im Kreis Gießen am Muttertag für Besucher geschlossen bleiben

  • vonStefan Schaal
    schließen

Wiedersehen unter Tränen: In vielen Seniorenheimen im Kreis haben Bewohner nach Aufhebung des Besuchsverbots zum ersten Mal wieder ihre Liebsten begrüßt. Am Muttertag allerdings bleiben die meisten Pflegezentren für Besucher geschlossen. "Wir wollen die Lockerungen nicht aufs Spiel setzen", sagt ein Heimleiter.

Herzzerreißende Szenen spielen sich in diesen Tagen in Seniorenzentren im Kreisgebiet ab. "Das berührt auch uns und die Pflegekräfte, wenn sich Mutter und Tochter unter Tränen nach den langen Wochen wieder sehen", berichtet Christa Hofmann-Bremer, die das Seniorenzentrum in Linden leitet. Nach den Lockerungen und der Aufhebung des Besuchsverbots in Pflegeheimen bleiben die meisten Einrichtungen im Gießener Land am Muttertag aber für Besucher geschlossen.

In Linden werden am Sonntag Angehörige am Zaun vor dem Seniorenzentrum stehen, nach oben schauen und ihren Müttern und Großmüttern drinnen hinter einer Fensterscheibe zuwinken. "Das Risiko für Besuche am Wochenende ist zu groß", erklärt Hofmann-Bremer und bittet um Verständnis. Die Pflegeleitung sei am Sonntag nicht komplett vor Ort, für all die Vorkehrungen zum Schutz vor dem Coronavirus sei dann außerdem nicht ausreichend Personal im Seniorenheim.

Am vergangenen Donnerstag haben die ersten 28 Bewohner in dem Pflegeheim wieder Besuch empfangen können. "Da schwingen auch bei uns die Gefühle mit", sagt Hofmann-Bremer. "Aber wir müssen eben auch streng darauf achten, dass die Regeln eingehalten werden."

Den hohen Aufwand, unter dem die Pflegekräfte in Seniorenzentren derzeit Besuche von Angehörigen ermöglichen, beschreibt Harold von Donzel, Leiter, des Menetatis-Hauses in Lich. So wird jeder Angehörige einzeln von einem Mitarbeiter empfangen, muss die Hände unter Aufsicht desinfizieren und erhält dann eine Operations-Maske, um Mund und Nase abzudecken. Das Personal misst am Eingang außerdem die Körpertemperatur jedes Besuchers. Nach einer Einweisung in die Regeln zur Einhaltung des Abstands werden Angehörige schließlich in die Cafeteria geführt, wo hinter einer großen Plexiglasscheibe der Heimbewohner wartet. Die Situation des Treffens erinnert an einen Besuch im Gefängnis. "Fast, ja", räumt van Donzel ein. "Das Telefon auf beiden Seiten fehlt noch", fügt er im Scherz hinzu und ergänzt: "Das ist nicht schön." Doch immerhin seien nun Besuche möglich, wenn auch unter diesen Vorkehrungen. "Es ist ein erster Schritt vorwärts."

Mehrere Seniorenzentren im Kreisgebiet empfangen seit Donnerstag und Freitag die ersten Angehörigen von Bewohnern, Vorkehrungen wie in Lich sind in sämtlichen Einrichtungen im Kreis nun eingeführt worden, mit leichten Abweichungen und zum Teil noch strengeren Maßnahmen. In der Alloheim-Seniorenresidenz "Neue Mitte" in Pohlheim ist bei jedem Besuch eine Pflegekraft mit im Raum.

In einigen Heimen wie in Pohlheim wird der Besuch erst kommende Woche möglich sein. Jede Einrichtung musste dem Gesundheitsamt zunächst ein Konzept zur Sicherheit und zum Schutz vor der Pandemie vorlegen. "Eine Öffnung zum Muttertag ist leider noch nicht möglich", bedauert die Leiterin des Pohlheimer Seniorenzentrums, Katrin Schargitz.

Dass die Einrichtungen am Muttertag Besucher nicht zulassen, ist allerdings nicht nur eine Frage des Personals, wie Daniel Viale, Leiter des Lollarer AWO-Pflegeheims betont. Bisher sei man im Gießener Land von Corona verschont geblieben, erklärt er. "Wir wollen die beschlossenen Lockerungen nicht aufs Spiel setzen." Tatsächlich gab es bisher glücklicherweise keinen einzigen Corona-Fall in Seniorenzentren im Kreis Gießen, wie Dirk Wingender, Pressesprecher des Landkreises auf Nachfrage dieser Zeitung bestätigt.

Auch wenn Senioren in Pflegeheimen ihrer Familie am Sonntag nicht persönlich gegenüber stehen, soll der Muttertag dennoch gefeiert werden, versichern die Leiter der Einrichtungen. Es werde Geschenke wie Pralinen und Rosen für die Bewohnerinnen und die Mitarbeiterinnen geben, kündigt beispielsweise Andreas Lutz von der Seniorenresidenz in Annerod an. Im Johanniter-Stift Buseck will ein Bewohner des betreuten Wohnens ein kleines Klavierkonzert im Innenhof geben, ein Kuchen in Herzform wird gebacken.

Die vergangenen Wochen ohne Umarmungen und den Zuspruch von Angehörigen waren für ältere und pflegebedürftige Menschen in Seniorenzentren besonders hart. Corona macht bisweilen einsam. Sie habe "Verzweiflung in den Augen" einiger Bewohner beobachtet, sagt Hofmann-Bremer, Leiterin der Lindener Einrichtung. Ein "schönes Ereignis nach Wochen der Entbehrung verspricht Lutz in Annerod. "Der Muttertag wird nicht untergehen." FOTO: DPA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare