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Manfred Lotz hofft, dass quer durch Allendorf bald wieder Züge fahren.

Warten auf die Bahn

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Manfred Lotz aus Allendorf/Lumda ist kürzlich 70 geworden. Er war auf vielen Feldern aktiv, zurzeit vor allem als Kämpfer für die Lumdatalbahn. Lotz sieht Zeichen in Richtung Reaktivierung - allzu lange dürfe es aber nicht mehr dauern. Ein streitbares Original im Porträt.

Zwar schneiden Aktive des Lumdatalbahn-Vereins die Strecke abschnittsweise von Zeit zu Zeit frei. Trotzdem scheint auf den ersten Blick schwer vorstellbar, dass in ein paar Jahren wieder Züge die Bahnhofstraße in Allendorf/Lumda queren könnten. Manfred Lotz steht auf einer morschen Holzschwelle zwischen den rostigen Schienen, trägt, fast schon selbstverständlich, das türkisfarbene T-Shirt des Vereins, der sich die Reaktivierung auf die Fahnen geschrieben hat. »Ich bin ein Seiteneinsteiger, habe eigentlich keine Ahnung von Eisenbahnen«, sagt der Vorsitzende, das unterscheide ihn von einigen Aktiven. »Ich verkörpere keine Nostalgie, sondern will den ÖPNV voranbringen!« Und er ist nach wie vor guter Dinge, dass das in den nächsten Jahren klappen könnte.

Kürzlich ist Lotz 70 geworden. Es war, einmal mehr, ein Geburtstag ohne Zug auf der Schiene. Wie viele Senioren weiß Lotz noch aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, per Bahn durchs Lumdatal zu fahren. »Ich war in meiner Lehrzeit Bahnfahrer«, sagt er. Lotz hat als Modellschlosser bei den Buderus’schen Eisenwerken in Lollar gelernt. »Im ersten Lehrjahr habe ich 93 Mark bekommen, die Fahrkarte hat 60 Mark gekostet.« Sollte die Reaktivierung kommen, dann müssten heutige Lehrlinge wohl keinen so großen Anteil ihres Lohns mehr für das Bahn-Pendeln abdrücken.

Lotz stammt, wie er selbst betont, aus einfachen Verhältnissen. »Ich komme nicht von oben, sondern von unten, bin in zwei Zimmern groß geworden.« Das Abitur sei damals für ihn nicht drin gewesen. »Ich habe nur den Hauptschulabschluss - da lege ich Wert drauf.« Mit Ehrgeiz hat er sich in vielen Bereichen profiliert: Bei der Bundeswehr hat er sich einst zum Panzergrenadier ausbilden lassen und war Zeitsoldat, später Hausmeister an der Allendorfer Grundschule. Mit dem Fußball hat Lotz als Junge angefangen, war Jugendleiter, hat Kreis-Auswahlmannschaften trainiert. Auch in der Kommunalpolitik hat Lotz Spuren hinterlassen - als SPD-Stadtverordneter und bis vor zwei Jahren als Stadtrat. 24 Jahre lang hat er sich außerdem als Schöffe für die Allgemeinheit engagiert, beim Amts-, Land- und Jugendschöffengericht. Nach dem Vorruhestand wurde der 70-Jährige vielen GAZ-Lesern dann unter dem Kürzel »lom« bekannt, vor allem in Allendorf. Aktuell ist er auch für die RMV-Servicegesellschaft tätig, dazu gehören auch Fahrgastbefragungen. Lotz: »Ich kann mich mit jedem unterhalten.«

Nicht zuletzt fungiert er als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf/Lumda. Im Alltag beschäftigt ihn aber vor allem das zähe Ringen um die Reaktivierung. »Die Lumdatalbahn ist jeden Tag Thema bei uns, das Strategische wird daheim besprochen«, sagt er. Auch seine Frau Kerstin engagiert sich mit viel Herzblut im Verein. Zustande gekommen sei das eher zufällig, berichtet ihr Mann: »2010 wurde der Verein gegründet. Meine Frau war dann mal in Gießen und hatte gelesen, dass sich da Leute treffen. Sie kam dann heim und sagte: Ich bin jetzt Schriftführerin beim Lumdatalbahn-Verein.« Bis heute bekleidet sie dieses Amt. Manfred Lotz ist seit vier Jahren Vorsitzender.

Dass die Diskussion um die Bahn in dieser Zeit merklich an Fahrt aufgenommen hat, ist wohl kein Zufall: Das Ehepaar Lotz und seine Mitstreiter haben vermehrt auf die öffentliche Wahrnehmung gesetzt. »Mein Sohn sagt: Ihr seid ein Lobby-Verein«, berichtet Lotz.

Mit »Erlebnisfahrten« in historischen Waggons will der Verein zeigen, »dass es im Zug angenehm ist«, so der Vorsitzende, »die Nostalgie-Schiene zieht, das ist toll«. Auch die Mitgliedschaft im Deutschen Bahnkundenverband und bei »Pro Bahn« habe sich gelohnt. Mittlerweile hat der Verein sein großes Ziel auch überregional bekannt gemacht, das zeigen regelmäßige Medienanfragen.

»Es ist nicht einfach, alle Wünsche und Vorstellungen zu kanalisieren«, sagt Lotz. Anfangs habe es dem Verein an einer klaren Strategie gefehlt, wie man ans Ziel kommt. Das sei nun anders. Und gerade auch für junge Pendler, etwa für Studierende, sei die Bahn attraktiv. Die Lumdatal-Dörfer, sagt Lotz, würden durch mehr Mobilität aufgewertet. »Da, wo die Bahn fährt, ist Leben.« Dass ihn mancher wegen seines Engagements für die Bahn abstemple, störe ihn nicht, sagt er und betont: »Ich bin kein Fantast, sondern setze mich ein, wenn es aussichtsreich ist.« Man dürfe sich auch nicht von jeder schlechten Nachricht aus der Bahn werfen lassen. »Ich bin Optimist, das muss ich sein.« In der Kommunalpolitik habe er gelernt, mit Gegenwind umzugehen.

Dieser ist zuletzt zwar gefühlt schwächer geworden - doch ein unumstößliches Signal für die Reaktivierung gibt es noch immer nicht. Droht den Unterstützern irgendwann der lange Atem auszugehen? »Vor einem Jahr hätte ich gesagt: Ja«, antwortet Lotz. Doch mittlerweile sehe er »viele Zeichen, die auf eine Entscheidung deuten«. Allzu lange dürfe es aber nicht mehr dauern, »sonst sind die jungen Leute aus dem Lumdatal weg«. Die Politik, findet er, müsse bei dem Thema stärker vorangehen, gerade in den Lumdatal-Kommunen.

Der Vereinsvorsitzende hofft, »dass die Bahn 2023/2024 fahren könnte«. Ob das realistisch ist? Schwer zu sagen. Lotz ist jedenfalls sehr optimistisch, dass der Tag X irgendwann kommen wird. »Ich habe in Treis eine Wette am Laufen, zeitlich unbefristet: 50 Liter, wenn sie fährt.«

Zwar sind die Gleise im Lumdatal noch immer verwaist, rosten die Schienen auch in Allendorf/Lumda weiter vor sich hin. Doch Manfred Lotz und seine Mitstreiter haben die Debatte ins Rollen gebracht. Und darauf ist er stolz - wie auch auf das, was er auf anderen Feldern erreicht hat. »Das Vertrauen musst du dir erarbeiten - ich denke, das habe ich mit meinen 70 Jahren ganz gut hingekriegt.«

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