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Corona im Kreis Gießen: Lange Wartelisten für Kinder-Impftermine - Sorge vor Zusammenbruch des Systems

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Von: Patrick Dehnhardt

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Auf Wunsch der Eltern können Kinder zwischen fünf und elf Jahren gegen Corona geimpft werden. Derzeit werden vor allen Dingen Kinder mit Vorerkrankungen im Landkreis Gießen geimpft, da Termine und Impfstoff begrenzt sind. © DPA Deutsche Presseagentur

Eltern von Fünf- bis Elfjährigen stellen sich derzeit die Frage, ob sie ihr Kind gegen Corona impfen lassen sollen. Da derzeit fast nur Kinder mit Vorerkrankungen geimpft werden können, haben sie noch ein wenig Bedenkzeit. Experten berichten, dass viele Grundschüler geimpft werden wollen - um sich und andere zu schützen.

Gießen - Das Thema Corona-Schutzimpfung bei Kindern zwischen fünf und elf Jahren ist für Eltern derzeit ein großes. Die einen hätten am liebsten schon einen Impftermin vereinbart, eine weitere große Gruppe ist der Impfung nicht abgeneigt, wartet aber darauf, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) ein Statement abgibt. Diese empfiehlt bislang eine Impfung für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen oder mit nahen Angehörigen, die nicht oder nur unzureichend durch eine Impfung geschützt werden können.

Dass sich der Zusatz der Stiko-Empfehlung, »bei individuellem Wunsch können auch Kinder ohne Vorerkrankung geimpft werden«, derzeit kaum umsetzen lässt, wurde in der Sitzung des Impfbeirats des Landkreises Gießen am Dienstag deutlich.

Christoffer Krug berichtete aus der Praxis, er ist Kinderarzt. Derzeit würden bei ihm täglich in der eigentlichen Mittagspause 20 Impfungen angeboten. Dabei gehe er strikt nach der Stiko-Empfehlung vor. »Heute wurden Kinder mit einem angeborenen Herzfehler geimpft«, sagte er. Sollte einmal einer der 20 Termine kurzfristig frei werden, weil ein Kind aufgrund von akuter Krankheit keine Impfung erhalten darf, gibt es eine Warteliste, über die nachbesetzt wird. Auf dieser Liste stehen rund 300 Namen, berichtete der Kinderarzt. Davon zählt ein Großteil zur Prioritätengruppe 1. »Die Erwartungshaltung, dass wir viele gesunde Kinder noch in diesem Jahr impfen werden, ist nicht umsetzbar.«

Kinder-Impfen im Kreis Gießen: Steht das Kindeswohl hinter gesellschaftlichem Funktionieren?

Johanna de Haas, Leiterin des Covid-19-Teams im Gesundheitsamt, sagte dazu: »So lange wir nicht genügend Impfstoff haben, ist es wichtig, dass die von der Stiko priorisierten Kinder geimpft werden.« Viele Eltern gesunder Kinder hätten dennoch den Wunsch. Sie würden sich über die Ergebnisse der Kinderimpfungen im Ausland informieren. »Wenn sie dort kein großes Risiko sehen, treffen sie die Entscheidung.«

Krug berichtete, dass es auch Eltern gebe, die ihr Kind impfen lassen wollen, da sie befürchten, bei einem Corona-Fall in der Schulklasse selbst in Quarantäne zu müssen und dadurch an der Arbeit zu fehlen. Gerade bei Mitarbeitern des Uniklinikums Gießen-Marburg sei dies der Fall. Diese hätten die Sorge, wenn sie ausfallen, könne aufgrund der dünnen Personaldecke »der Laden zusammenbrechen«.

Den Gedanken, dass das »Kindeswohl hier hinter dem gesellschaftlichen Funktionieren hintenan steht«, relativierte der Kinderarzt: Diese Mitarbeiter würden täglich fokussiert erleben, wie Corona-Patienten um ihr Leben kämpfen und welche Folgen sie davon tragen. »Da entsteht eine verstärkte Angst um die eigenen Kinder«, was den Wunsch nach einer schnellen Impfung erkläre.

Kinder-Impfen im Kreis Gießen: „Auch Grundschulkinder sagen, sie möchten geimpft werden“

Kerstin Maier, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychatrie, schilderte, dass seit Beginn der Pandemie die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen extrem angestiegen sei. »Ich habe in 16 Berufsjahren noch nie so viele Essstörungen, so viele Mädchen ohne Antrieb gesehen.« Andere hätten sich bis zum Exzess in den Sport geflüchtet, um ein Kontrollgefühl zumindest über den eigenen Körper zurückzubekommen. Sie sprach sich dafür aus, auch diese für Impfungen zu priorisieren, um den Leidensdruck zu senken.

Sie gab zudem einen Einblick darin, wie Kinder die Impfung sehen: »Auch Grundschulkinder sagen, sie möchten geimpft werden.« Sie wollten damit sich, ihre Freunde und Angehörige schützen. »Man sollte die Kinder selbst fragen«, riet sie.

Impfangebote für Kinder in Gießen: Zu wenig Impfdosen bestellt?

Udo Liebich, Leitung Impfangebote des Landkreises, berichtete, dass der Bund für 50 Prozent der Kinder Impfdosen bestellt habe - das Land Hessen nur 20 bis 30 Prozent. Dies klingt nach zu wenig. Haas zog einen Vergleich zu den USA: Dort seien schnell 20 Prozent der Kinder geimpft gewesen. »Danach war das Interesse nicht mehr so groß.«

Zur Frage, ob der Landkreis auf eine Empfehlung der Stiko zur Impfung von Grundschülern und der damit steigenden Nachfrage vorbereitet sei, sagte Landrätin Anita Schneider, dass man dazu mit den Kinderärzten sprechen wolle. Sie rechnet jedoch nicht damit, dass diese vor Januar erfolgen wird. (pad)

Bis zu 50 Dosen pro Tag

Im Kinder-Impfhaus in Gießen werden derzeit pro Tag bis zu 50 Erstimpfungen an Kinder zwischen fünf und elf Jahren mit Vorerkrankung verabreicht. Udo Liebich, beim Landkreis für das Impfen zuständig, sagte, dass man diese Zahl beibehalten wolle. In wenigen Wochen würde zudem bereits die Zweitimpfung hinzukommen. Mehr Termine seien in den Öffnungszeiten zudem nicht möglich, da eine Impfung bei Kindern behutsam erfolgen müsse. Dem pflichtete Kinderarzt Christoffer Krug bei: »Es kommt nicht auf das Know-how des Spritzens, sondern das Drumherum an. Wir wollen den Kindern keine schlechte Erfahrung beim Impfen bereiten.«

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