Wann Vögel Hilfe brauchen

  • vonLena Karber
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In Pohlheim saß kürzlich ein angefahrener Turmfalke auf der Straße, doch die Passanten waren mit der Situation überfordert. Vogelexperte Achim Zedler erklärt, wie man handeln sollte, wenn man einen verletzten Vogel findet. Und wann man hilflos wirkende Tiere lieber in Ruhe lässt - gerade jetzt in der Brutzeit.

Bärbel Schweiger war entsetzt als sie vor einigen Tagen nach Hause kam. Gegenüber von ihrem Grundstück in Pohlheim saß ein verletzter Turmfalke auf der Straße, der offenbar von einem Auto angefahren worden war. "Mehrere Leute waren schon an dem Tier vorbeigekommen", ärgerte sie sich. "Aber von wegen Tierschutz - es hat ihm niemand geholfen."

Doch das lag nicht nur am Desinteresse der Passanten, auch Unwissenheit spielte wohl eine Rolle. Das merkte auch Schweiger, als sie die Menschen fragte, wieso sie nur schauen statt zu helfen. Und auch sie selbst habe zunächst nicht gewusst, an wen sie sich wenden muss, wenn sie einen verletzten Greifvogel findet, räumt Schweiger ein. Doch trotzdem wurde sie aktiv: Sie holte ihre Handschuhe und fing den Vogel, indem sie ihn von hinten an den Flügeln packte und in eine Waschbärfalle verfrachtete.

Damit machte sie alles richtig. Denn das Greifen von hinten ist bei allen größeren Vögeln, die man verletzt auffindet, der richtige Weg, erklärt der Vogelexperte Dr. Achim Zedler. Das Einfangen von Vögeln sei gar nicht so einfach - nicht einmal, wenn diese die Flügel gebrochen haben. "Selbst wenn sie in einem schlechten Zustand sind, mobilisieren sie oft noch einmal ihre letzten Kräfte", berichtet der Vorsitzende des NABU Gießen aus eigener Erfahrung. Deswegen gelte es, erst die Flügel und dann die Füße zu packen. Etwas anderes bleibt einem nicht übrig, sagt Zedler. In der näheren Umgebung gibt es zwar entsprechende Anlaufstellen - etwa das Institut für Vogelmedizin der Veterinärmedizin der Universität Gießen oder private Pfleger wie Helga Sheppard in Hungen-Nonnenroth - doch die können die Tiere nicht vor Ort abholen. Man muss den Vogel selbst hinbringen.

Wichtig ist es jedoch, genau zu unterscheiden, ob ein Vogel wirklich ernsthaft verletzt ist oder nur hilfsbedürftig wirkt. "Das große Problem, dass wir jetzt im Sommer haben, ist, dass die Leute dauernd Jungvögel finden", berichtet er. Viele würden dann vorschnell handeln, obwohl das nicht nötig, sondern schädlich sei.

"Wenn Singvögel flügge werden, sind sie die ersten ein bis drei Tage ziemlich hilflos und können kaum fliegen, sondern nur flattern", erklärt Zedler. Das errege häufig den Eindruck, dass sie keine Chance hätten, doch das sei falsch. Denn in der Regel seien die Eltern nur auf Nahrungssuche. Zedlers Appell lautet daher: "Wenn Vögel alleine dasitzen und scheinbar nicht versorgt werden, sollte man diese in Ruhe lassen."

Falls junge Amseln, Spatzen, Hausrotschwänze oder andere Jungtiere auf dem Boden sitzen und Katzen oder Hunde in der Nähe sind, kann man die Vögel nehmen und auf eine höhere Stelle, etwa ins Geäst oder auf eine Hecke setzen, um ihre Chancen zu erhöhen, sagt Zedler. "Aber es gibt dabei Verluste, da kann man nichts gegen machen." Jungtiere zu Pflegestationen zu bringen, wie es leider häufig gemacht werde, sei nicht sinnvoll, weil sie draußen eine wesentlich bessere Überlebenschance hätten.

Auch für Jungtiere, die aus dem Nest gefallen sind, ist die Unterbringung in einer Pflegestation nicht die beste Wahl. Wenn möglich, sollten sie stattdessen zurück in ihr Nest gesetzt werden. "Dass die Vögel nicht wieder angenommen werden , ist nicht der Fall", betont Zedler. "Die sind dann in einem so weit fortgeschrittenen Brutzustand, dass die auf jeden Fall wieder versorgt werden." Nur wenn die Möglichkeit des Zurücksetzens ins Nest nicht besteht - zum Beispiel weil sich dieses in sehr großer Höhe befindet - sollte man den Vogel zu einer Pflegestelle bringen.

Eine spezieller Fall sind Vögel, die nach einem Zusammenstoß mit einer Scheibe "benommen" sind. Sie sollte man an einen vor Hunden und Katzen geschützen Ort setzen und schauen, ob sie sich erholen. In der Regel dauert das laut Zedler zwischen 30 Minuten und zwei Stunden. "Wenn sie sich bis dahin nicht berappelt haben, sind sie eigentlich einzuschläfern", sagt er. Da sei die Uniklinik der richtige Anlaufpunkt.

Dort landete auch der Pohl-heimer Turmfalke, nachdem Schweiger einige Telefonate geführt hatte. Denn die Tierfreundin hatte die Situation richtig eingeschätzt: Der Vogel war schwer mitgenommen. "Flügel und Schlüsselbein waren kaputt und auch ein Auge war verletzt", berichtet Schweiger. Vor Ort habe man beschlossen zu beobachten, ob sich der Turmfalke erholt oder ob er eingeschläfert werden muss.

Eine Karte, auf der Auffangstationen für verletzte Tiere eingezeichnet sind, gibt es unter: www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/artenschutz/01946.html.

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