+

"Den Walross-Atem will man nicht riechen"

  • vonred Redaktion
    schließen

Riesige Eisflächen, ein weißes Meer, das sich vor dem Auge bis zum Horizont ausbreitet und ungewöhnlich neugierige Walrosse - Bilder, die Silke Schranz und Christian Wüstenberg in ihrem Film "Spitzbergen - auf Expedition in der Arktis" festgehalten haben. Am kommenden Sonntag stellen die beiden 50-Jährigen ihr Werk im Kino in Grünberg vor.

Frau Schranz, Sie waren drei Wochen unterwegs, haben 2000 Kilometer zurückgelegt. Welcher Moment ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Unser Guide, der im Film auch unser Hauptprotagonist ist, ist mit uns auf eine von Walrossen bewohnte Insel gefahren. Dort haben wir uns ganz still an den Kiesstrand gesetzt. Unser Guide wusste: Die Walrosse sind so neugierig, die kommen schon. Und tatsächlich, eine Gang von männlichen Walrossen hat sich an uns herangepirscht. Es war ein Gefühl von Glück.

Und was passierte dann?

Was wir nicht ahnten war, dass Walrosse so neugierig sind, dass sie tatsächlich an uns herankommen. Ich habe Christian dann dabei aufgenommen, wie er quasi Auge in Auge - also auf zwei Metern Entfernung - vor einem riesigen Walrossbullen saß. Das war ein grandioses Erlebnis. Doch Christian meinte später, den Atem eines Walrosses wolle man nicht unbedingt riechen.

Warum, wie riecht denn der Atem?

Christian sagte, es roch doch sehr stark nach Fisch.

Wie sah die Vorbereitung auf die Expedition aus?

Außer dicke Kleidung einpacken, kann man sich kaum vorbereiten. Man kann nichts planen oder vorhersehen, denn die Natur ist unberechenbar. Ursprünglich wollten wir Spitzbergen umrunden, doch ein Sturm machte uns einen Strich durch die Rechnung. Genau das ist das Wesen einer Expedition: Man muss flexibel sein, wetterbedingt eben manchmal auch die Route ändern. Aber dadurch bleibt es spannend.

Waren Sie denn vorher schon mal in der Arktis?

Nein, uns hatte es davor immer in wärmere Länder wie Australien und Südafrika gezogen. Wir haben uns immer gedacht, die Arktis ist uns zu kalt. Allerdings schwanken die Temperaturen im Sommer von minus 10 bis plus 10 Grad, sodass es einigermaßen erträglich war.

Wie sieht der Alltag auf einer solchen Expedition aus?

Der Alltag war genauso unvorhersehbar wie die Route selbst. An manchen Tagen sind wir mit dem Schlauchboot an Land gegangen und haben dort Wanderungen in bizarren Eislandschaften gemacht. An anderen sind wir jedoch ganz auf dem Schiff geblieben, da es durch kalbende Gletscher zu gefährlich war, sich mit dem Schlauchboot ins Wasser zu begeben. Das haben wir dann vom Schiff aus gefilmt. Das einzige, was an jedem Tag gleich blieb war: dicke Sachen anziehen, sich auf ein neues Abenteuer einlassen und am Ende des Tages beglückt in die Koje sinken.

Was ging in Ihnen vor, als Sie zum ersten Mal einen Gletscher kalben gesehen haben?

Das Kalben der Gletscher ist in den Sommermonaten in der Arktis normal. Was nicht normal ist, ist die Frequenz, in der es momentan passiert und wie groß die Stücke sind, die der Gletscher freigibt. Das erste Mal Kalben ist ein ganz besonderer Moment. Zuerst kündigt es sich mit einem wahnsinnig lauten Eiskrachen an, danach passiert erstmal gar nichts und man guckt die kilometerlange Gletscherwand rauf und runter und fragt sich: Wo kommt dieses schreckliche Geräusch her?

Und dann?

Plötzlich verabschiedet sich ein hochhausgroßes Stück Eis vor unseren Augen im Meer. Mit einem irren Getöse bricht es ins Wasser ein, dann weht starker Wind und schließlich löst es eine riesige Flutwelle aus. Das ist atemberaubend, aber auch atemberaubend schlimm, weil man sieht, was der Klimawandel mit dieser Landschaft macht. Die Arktis ist ein Frühwarnsystem für Veränderungen im Erdklima. Veränderte Meeresströmungen, die freigelegte dunklere Landoberfläche, die das Sonnenlicht nicht so gut reflektiert und ständig steigende Temperaturen beschleunigen das Tempo der Eisschmelze. Dies mit eigenen Augen zu sehen, hat mich sprachlos gemacht. Dazukommen noch die Schmelzwasserflüsse, und plötzlich ist mir bewusst geworden, dass bei diesen Wassermassen hier oben überflutete Städte gar nicht so unvorstellbar sind.

Möchten Sie mit diesem Film für den Klimawandel sensibilisieren?

Nein, wir möchten die Menschen für die Arktis sensibilisieren. Wir haben ganz bewusst darauf geachtet, dass wir nicht 90 Minuten lang den Klimawandel thematisieren. Wir wollten lieber die Schönheit der Arktis zeigen, damit sich die Menschen bewusst werden, wie schützenswert diese Region ist. Der Beschützerinstinkt der Menschen soll dazu führen, dass sie sich mit dem Klimawandel stärker auseinandersetzen.

Herabstürzendes Eis, das hört sich gefährlich an. Gab es auf der Expedition auch lebensbedrohliche Situationen?

Dadurch, dass wir den Guide dabei hatten, wurde es nicht lebensbedrohlich. Er ist am Strand immer zuerst Eisbären-Patrouille gelaufen, bevor wir an Land durften. Einmal jedoch, auf der nördlichsten Insel Europas, hat uns ein Eisbär überrascht, da hat uns unser Guide schnell wieder mit dem Schlauchboot ins Wasser geschoben. Von dort konnten wir den Eisbären dann ganz in Ruhe beobachten, ein unglaublich tolles Erlebnis.

Wie lange hat es gedauert, dass aus all den Aufnahmen der Film wurde?

Wir haben ein Jahr lang ganz intensiv an dem Film gearbeitet und freuen uns jetzt sehr auf den Kinostart und die Reaktionen der Zuschauer.

Am Sonntag, 23. Februar, kommen Silke Schranz und Christian Wüstenberg ins Kino nach Grünberg. Die Filmvorführung beginnt um 15 Uhr, anschließend findet ein Gespräch mit den beiden Filmemachern statt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare