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Dürres Nadelholz ist überall zu sehen. Mittlerweile leiden auch die Laubbäume.

Schäden im Forst

Dem Wald geht es schlecht

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Zuerst fielen die Fichten. Jetzt leiden auch Buchen und Eichen unter den zu trockenen Sommern. Wird der Wald in einigen Jahrzehnten ein ganz anderer sein?

Gießen (so). Dürr und braun recken sich die Fichten in den Sommerhimmel. Gleich nebenan sind sie schon abgeräumt - geerntet, solange sie noch was auf dem Holzmarkt gebracht haben. Auf 350 bis 400 Hektar schätzt Förster Jörg Sennstock die neuen Freiflächen im Wald im Landkreis Gießen. Und nach den Fichten erwischt es nun auch die ersten Buchen und Eichen.

Artenverschiebung

Die Trockenheit setzt dem Wald zu. Hinzukommt Schädlingsbefall. Die Stichworte sind Borkenkäfer , Eichenprozessionsspinner, aber eben auch die Rußrindenkrankheit, die Ahornbestände vernichtet. "Hessen war Buchonia"", sagt Sennstock, der Linden, Fernwald und den Staatswald am Schiffenberg beförstert und sich darüber hinaus im Naturschutzbeirat des Kreises engagiert. Er sieht für die Zukunft eine Artenverschiebung kommen. Die Buche werde weniger, man werde wohl mehr Eichen haben. Jedenfalls Hölzer, die mit den geänderten klimatischen Bedingungen besser zurechtkommen.

Aufforderung zum Handeln

Das Thema ist längst in der Politik angekommen. So vernahmen die Mitglieder des Infrastrukturausschusses im Kreis Sennstocks kurzen Lagebericht zum Zustand des Waldes mit höchster Aufmerksamkeit. Die Freien Wähler haben dieser Tage in einer Mitgliederversammlung über den Wald beraten. Die CDU widmete dem Klimawandel und dem Umgang damit am Wochenende einen Parteitag. Am Dienstag wird Klimaschutz auch bei der SPD im Unterbezirk aufgerufen.

Sturm, Käfer, Trockenheit

"Der Bericht hat mich maximal deprimiert" sagte Christian Zuckermann. Wie dem Grünen ging es wohl etlichen Kreistagsabgeordneten im Infrastrukturausschuss, die von Förster Sennstock ein eher düsteres Bild gezeichnet bekamen. Der Forstmann forderte die Politik eindringlich zum Handeln auf. Denn die Probleme haben eine Vorgeschichte: Im Januar 2018 sorgte das Sturmtief Friederike für massive Schäden, denn da fielen viele Fichten. Die konnten zwar fix aufgeräumt werden und waren noch ordentlich zu vermarkten, erinnert Sennstock. Doch es folgte der erste zu trockene Sommer. Mit weiteren Schäden, verursacht durch eine starke Vermehrung von Borkenkäfern, die ebenfalls die Fichten schwächten. Also wurden diese befallenen Bäume flott geerntet.

Auch Buchen und Eichen leiden

Der Winter 2018/2019 hat die Wasservorräte im Boden nicht nachhaltig aufgefüllt, benennt der Forstmann die Fortschreibung des Problems. Jetzt, im September 2019, seien fast alle Fichtenbestände vom Käfer gefressen oder vertrocknet. Und zunehmend erwische es nun Buchen und Eichen.

Der Schadholz-Anfall liegt schon jetzt bei 150 000 Kubikmetern Holz. In Summe hat die Kombination aus Windwurf, Käfern und Trockenheit einen wahnsinnigen Preisverfall verursacht, unter dem die Waldbesitzer leiden. Wobei der Landkreis unterschiedlich stark betroffen ist: Vor allem im Norden und Osten sind die Wälder stärker geschädigt. Dort gab es früher mehr Niederschlag. Daran waren die Bäume gewöhnt. Jetzt leiden sie umso stärker unter der Trockenheit als die "Kollegen" an Standorten, die schon immer weniger Wasser hatten.

Ganz praktische Folgen: Es wird gefährlicher, in den Wald zu gehen, weil das Risiko steigt, dass dürre Äste abbrechen und zu Boden stürzen. Da greift für den Waldbesitzer die Verkehrssicherungspflicht. Auch die Waldkindergärten rücken in den Fokus.

Keine Denkverbote

Was aber ist zu tun? "Was allen Wäldern guttun würde, ist, das Wasser ebendort zurückzuhalten", rät Sennstock. Und darüber hinaus meint er, es dürfe keine Denkverbote geben mit Blick auf die Arten, die man jetzt hierzulande neu anpflanzt, um zu probieren, was gedeiht - um eben den Wald zu erhaltene. Denn es gibt Baumarten, die scheinbar besser mit Trockenheit zurecht kommen: Dazu zählen Eiche, Flatterulme, Kirsche, Esskastanie, Roteiche.

An die Kommunen appelliert Förster Sennstock, weiter Personal zu engagieren: "Wir brauchen Forstwirte und Waldarbeiter." Auch wenn die Waldhaushalte, die Forstwirtschaftspläne der Kommunen finanziell ins Negative rutschen, durch das aufwändige Bestreben, den Wald zu erhalten.

Bund und Land gefordert?

Da wird schon die Forderung nach Hilfe von Land und Bund laut. Da in vielen Kommunen die Finanzmittel begrenzt sind, wurden die Aufforstungen immer wieder verschoben, konstatierten die Freien Wähler in einer Mitgliederversammlung erst vor wenigen Tagen. Sie fordern: "Das Land, aber auch der Bund sollten hier unterstützen." Es dürfe nicht nur Klimaschutz in aller Welt finanziert werden oder nur die privaten Waldbesitzer dafür aufkommen. Auch der kommunale Wald müsse profitieren, "direkt hier vor Ort".

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