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25 aktive Mitglieder gehören der Initiative an. Sie treten für Klimaschutz und gegen Flächenversiegelung ein.

Wahlsieg der Nicht-Politiker

  • vonStefan Schaal
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Bürgerinitiativen haben bei der Kommunalwahl in Hungen, Lich und Rabenau mit großen Stimmengewinnen abgeräumt. Und auch in Langgöns hat eine Initiative aus dem Stand heraus ein beachtliches Ergebnis erzielt: Mit 37,1 Prozent zieht »Zukunft jetzt« in den Ortsbeirat in Niederkleen ein. Wie haben die Mitglieder das geschafft?

Sabine Textor muss nicht lange überlegen. »Weil wir keine Parteipolitik machen«, sagt sie. Dann fügt sie hinzu: »In den Parteien geht es zu oft um die Richtung. Und zu selten um die Sache.«

Textor sitzt mit Margrit Gatzert an einem Tisch in einem Innenhof in Niederkleen. Beide versuchen, den Erfolg ihrer Bürgerliste bei den Kommunalwahlen vor einem Monat zu erklären. 37,1 Prozent der Stimmen hat »Zukunft jetzt« aus dem Stand heraus geholt und ist damit als stärkste Fraktion in den Ortsbeirat Niederkleen gewählt worden. Mehr als jeder Dritte, der in dem Langgönser Ortsteil zur Wahl gegangen ist, hat für die Initiative gestimmt. »Wir haben auf einen Sitz gehofft«, sagt Textor lachend. »Jetzt sind es drei geworden.«

In mehreren Städten und Gemeinden im Kreis haben Bürgerinitiativen bei den Kommunalwahlen deutliche Erfolge erzielt. In Lich und Rabenau stellen BIs nun gar die stärksten Fraktionen in den Gemeindeparlamenten.

Während sich die Zustimmung für Bürgerinitiativen beispielsweise in Lich aus Protest gegen ein geplantes Logistikzentrum und in Hungen ursprünglich aus Protest gegen Straßenbeiträge formiert hat, liegt der Wahlerfolg von »Zukunft jetzt« in Niederkleen allerdings etwas anders begründet.

Zwar gibt es auch in Niederkleen Kritik an einem Bauprojekt, der Konflikt dürfte der Initiative einige Stimmen gebracht haben. Am sogenannten »Mischplatz« in Niederkleen soll ein Gebäude entstehen, für das die Firma Bork den Zuschlag erhalten hat. Der Ortsbeirat musste sich mit dem auch von Mitgliedern der Initiative erhobenen Vorwurf auseinandersetzen, die Empfehlung für den Zuschlag so lange hinausgezögert zu haben, bis die Firma Bork ein überarbeitetes Konzept vorgelegt und damit ein konkurrierendes Unternehmen ausgestochen haben soll. Textor und Gatzert wollen sich zu dem Thema nicht äußern.

Doch für den Wahlerfolg von »Zukunft jetzt« gibt es weitere Gründe. Sie haben mit einer Filmvorführung zu tun. Vor drei Jahren schaute sich Textor mit Nachbarn und Bekannten die Dokumentation »Tomorrow« an, die kreative Ideen für den Klimaschutz und alternative Gemeinschaftsformen aufzeigt.

Mehrfach zeigte Textor den Film weiteren Bekannten, einmal organisierte sie eine Vorführung der Doku im Saal der evangelischen Gemeinde. So entstand allmählich eine Gruppe von Familien, die sich über Klimaschutz und nachhaltige Dorfentwicklung austauschten - und sich vor zwei Jahren zu einem gemeinsamen Ausflug nach Ungersheim im Elsass entschlossen.

In dem 2500-Seelen-Dorf werden die Kinder in einer Pferdekutsche zur Schule gebracht, die Sporthalle wird mit gemeindeeigenem Holz beheizt, der Bürgermeister verfolgt das Ziel einer umweltbewussten und nahezu autarken Gemeinde, mit Wohnprojekten und einem gemeindeeigenen Biohof.

»Der Besuch hat mich zutiefst beeindruckt«, erzählt Textor. »Die Bewohner werden in die politischen Entscheidungen einbezogen«, berichtet Gatzert. »Wenn da ein Windrad gebaut wird, sind erstmal keine Planer involviert, sondern bestimmen die Bürger den Standort.«

Textor und Gatzert erzählen, was sie in Niederkleen nun erreichen wollen. »Keine Flächenversiegelung«, sagen sie. »Mehr Begrünung im Ort und die Förderung von Gemeinschaftsprojekten.«

Es klingt nach bescheidenen Zielen, als plötzlich Gatzerts Telefon klingelt. Mit großen Augen schaut sie zu Textor. Es ist ein Mitglied der CDU-Fraktion, sagt sie, ohne den Anruf entgegenzunehmen. Führt die Bürgerliste etwa Koalitionsverhandlungen? Textor schüttelt den Kopf. »Wir sind für Gespräche offen. Aber wir schließen grundsätzlich eine Festlegung aus, über bestimmte Punkte gemeinsam abzustimmen«, sagt sie. »Auch innerhalb unserer Fraktion werden wir immer nur nach unserem eigenen Wissen und Gewissen abstimmen, ohne eine Vereinbarung.«

Vor allem damit grenzen sich die Mitglieder der Initiative von den herkömmlichen Parteien ab - und geben so auch zum Ausdruck, sich nicht als Kommunalpolitiker im klassischen Sinn zu verstehen, sondern eher als Anti-Politiker. »Wir gehen weiterhin als Besucher ins Gemeindeparlament«, sagt Textor. »Wir gucken, was die denn für uns machen.«

Viele Menschen, sagt Textor, trauen sich nicht, bei Problemen den Bürgermeister oder die Fraktionen anzusprechen. »Vielleicht kommen sie dann eher zu uns, wir wären dann eine Art Bindeglied.«

Textor, Gatzert und Bettina Krill werden künftig im Niederkleener Ortsbeirat für die Initiative sitzen. 25 aktive Frauen und Männer gehören der Bürgerliste an,. Bei der Kommunalwahl standen allerdings nur Frauen auf der Liste. »Die Männer wollten nicht«, sagt Textor lachend.

Bei mehreren Bürgerinitiativen stellt sich derweil die Frage, ob sie sich in den kommenden fünf Jahren ohne Parteistrukturen halten. Bei »Zukunft jetzt« gibt es keinen Vorstand und keine Posten.

»Ob sich die Initiative halten wird? Fragen Sie nochmal in zwei Jahren«, sagt Textor. Gatzert lacht auf, dann sagt sie: »Jetzt hast du wie eine Politikerin gesprochen«.

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