Zwar werden Parteien auch diesmal auf Plakaten werben (hier ein Foto von 2016 aus Laubach). Doch wegen der Corona-Einschränkungen ist es nur schwer möglich, im öffentlichen Raum Wahlkampf zu betreiben und Wähler anzusprechen.	ARCHIVFOTO: TB
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Zwar werden Parteien auch diesmal auf Plakaten werben (hier ein Foto von 2016 aus Laubach). Doch wegen der Corona-Einschränkungen ist es nur schwer möglich, im öffentlichen Raum Wahlkampf zu betreiben und Wähler anzusprechen. ARCHIVFOTO: TB

Digitaler Wahlkampf

Wahlkampf in Corona-Zeiten: Parteien im Kreis Gießen setzen auf Online-Formate

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Das Werben um Stimmen für die Kommunalwahl im März fordert die Parteien heraus, weil direkter Kontakt zu Menschen wegen Corona schwer möglich ist. Welche Wege beschreiten die Bewerber, um potenzielle Wähler online zu erreichen?

An Haustüren Gesicht zeigen, in der Fußgängerzone an Ständen für Inhalte werben, bei Versammlungen im Bürgerhaus mit Wählern diskutieren - all das wird im anstehenden Kommunal- und Kreiswahlkampf bis zum 13. März kaum möglich sein. Selbst wenn die Corona-Fallzahlen weiter sinken, wird Kontaktvermeidung vorerst an der Tagesordnung bleiben. Zwar wird auch diesmal plakatiert, doch für die Kreis- und Ortsverbände und -vereine der Parteien und Wählervereinigungen gibt es aktuell kaum Möglichkeiten, im öffentlichen Raum aktiv Menschen anzusprechen. So stehen alle Bewerber vor der Herausforderung, digitale Wege zu suchen.

Ein Beispiel dafür sind die »Dienstagsgespräche« der Kreis-Grünen, bei denen Referenten zu verschiedenen Themen eingeladen werden, Zuschauer online reinschauen können. »Der Auftakt war ein Versuchsballon, aber es lief ganz gut«, resümiert der Grünen-Fraktionsvorsitzende im Kreistag, Christian Zuckermann. Bis zu 40 Menschen gleichzeitig hätten dabei zugesehen. Man habe mit Blick auf die Wahl schon im Oktober ein Social-Media-Team zusammengestellt, frühzeitig Referenten angefragt - das zahle sich nun aus. Den Instagram-Kanal der Kreis-Grünen pflegten im Wahlkampf nun Aktive der Grünen Jugend, so Zuckermann, »die haben freie Hand und sind total motiviert«. Wichtig sei, dass alle Mitstreiter auch über eigene Kontaktnetze die Digitalangebote verbreiten.

Wahlkampf im Kreis Gießen unter Corona-Bedingungen: Kein Patentrezept

Doch ein »Patentrezept« für den Wahlkampf sieht er in solchen Formaten nicht: »Es gibt online schon die Gefahr, dass man in seiner eigenen Blase unterwegs ist«, sagt Zuckermann. Er schätzt, dass etwa die Hälfte jener, die sich beim ersten »Dienstagsgespräch« zugeschaltet haben, ohnehin bei den Grünen aktiv sind. »Manche melden sich mit Pseudonym an«, dann wisse man nicht, wer dahinter steckt. »Die Stimmung mitzunehmen, das geht eigentlich nur, wenn man sich direkt sieht.«

Die Unmittelbarkeit bleibt aus - das macht auch anderen Parteien zu schaffen, erst recht auf kommunaler Ebene. »Der direkte Kontakt fehlt - am Gartenzaun, beim Einkaufen, in der Stadt«, äußert sich der Lindener SPD-Chef Frank Steibli. »Kommunalpolitik ist ja nicht abstrakt, es geht nicht um ›die da oben‹, sondern um ganz Konkretes vor Ort.«

Aktuell versuche man, neue Online-Formate zu finden. Ab Februar plane die SPD Linden offene Zoom-Meetings, verbreite Standpunkte auch über Facebook und auf der eigenen Homepage. »Wir wollen es probieren«, sagt Steibli, »aber wir haben da kaum Erfahrung, wie andere Parteien auch«. Ähnlich äußert sich sein Busecker Genosse Norbert Weigelt. »Natürlich gibt es da Ideen«, sagt der Ortsvereinsvorsitzende, der SPD-Unterbezirk sei da »sehr aktiv«. Doch für den Ortsverein sei es schwierig, in kurzer Zeit ein Konzept für digitalen Wahlkampf zu entwicken. Dabei spiele auch die »Überalterung der Parteien« eine Rolle.

Gleichwohl wird Social Media längst nicht nur von Jugendlichen genutzt. »Es ist ein Vorurteil, dass man Ältere damit ausschließt«, sagt der Spitzenkandidat der Kreis-CDU, Christopher Lipp. Gerade bei Facebook seien mittlerweile vor allem »Mittelalte« unterwegs. Über Instagram erreiche man dagegen vor allem Jungwähler. In jedem Fall müsse man sich klar machen: »Online-Wahlkampf kostet viel mehr Zeit. Mit dem Posten allein ist es nicht getan, man muss auch interagieren« - also auf Reaktionen wiederum antworten, präsent und im Dialog bleiben.

Wahlkampf im Kreis Gießen unter Corona-Bedingungen: »Es muss schnell gehen«

Das hat auch die Heuchelheimer CDU gemerkt: Laut dem Fraktionsvorsitzenden Mirko Nowotny kümmert sich ein sechsköpfiges Team schwerpunktmäßig um den Online-Wahlkampf. Gegenüber 2016 habe sich der Wahlkampf erheblich gewandelt. »Beim Erstellen der Inhalte muss es schnell gehen«, sagt er. Regelmäßig verschaffe man sich einen Überblick, wer auf den verschiedenen Kanälen folgt. Das habe sich bewährt, der Kreis der Adressaten wachse stetig: »Bei Instagram sind wir der am stärksten wachsende Partei-Account im Kreis Gießen.«

Auf Erfahrung in Sachen Corona-Wahlkampf kann die Kommunalpolitik unter anderem in Laubach zurückgreifen, dort haben 2020 Bürgermeisterwahlen stattgefunden. Die Freien Wähler haben keinen Kandidaten gestellt oder direkt unterstützt, aber am Wahlabend ein Online-Angebot gemacht: Aus dem »FW-Wahlstudio« wurden Informationen und Interviews in den Äther geschickt. »Jüngere wie Ältere waren begeistert, damit hätte ich so nicht gerechnet«, sagt der Laubacher FW-Vorsitzende Lutz Nagorr.

Auf Youtube sei das »Wahlstudio« bei über 2000 Clicks gelandet, auf Facebook gar bei gut 8000 Aufrufen. Darauf sei man auch auf Kreisebene aufmerksam geworden: Laut Nagorr haben die FW Laubach auf Anfrage der Kreis-Kollegen nun Kandidatenvideos für den Kreis-Wahlkampf produziert. Man habe auch in Technik investiert, so Nagorr. Das Know-How wolle man nun auch im Kommunalwahlkampf nutzen: Geplant sei, ab Ende Januar wöchentliche Themen-Videos zu posten und danach Zoom-Konferenzen anzubieten, in denen Interessierte mit diskutieren können.

Wahlkampf im Kreis Gießen unter Corona-Bedingungen: Geringere Wahlbeteiligung?

Es sei aber durchaus zu befürchten, dass die Wahlbeteiligung diesmal geringer ausfallen könnte, weil viele wegen Corona den Weg an die Urne scheuen, so Nagorr. Andere Kommunalpolitiker sind dagegen optimistisch, dass viele Wähler auf Briefwahl zurückgreifen - und sich dann vielleicht sogar noch reiflicher zu Hause in Ruhe überlegen, bei wem sie ihre Kreuze machen. »Ich glaube, dass die Wahlbeteiligung sehr hoch sein wird«, sagt Grünen-Vertreter Zuckermann. Er werde zurzeit oft auf Inhalte angesprochen, gefühlt sei das Interesse an den kommenden Wahlen groß.

Und abgesehen von persönlichen Begegnungen gebe es ja durchaus Möglichkeiten, öffentlich zu werben, so Zuckermann. »Wir haben diesmal relativ viele Großflächen für Plakate gebucht.« Auch setze man weiter auf Flyer, Wahlkampfprospekte, Mitteilungen in Printmedien. Nicht zuletzt könne man Menschen per Mail erreichen, »oder über das gute alte Telefon«. Nur online Wahlkampf zu machen, ist eben auch kein Allheilmittel.

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