Noch sind Susi (vorne) und Stromer in der Ausbildung. Künftig sollen sie nachts auf dem Feld die Tiere von Hungens Stadtschäfer Ralf Meisezahl schützen. Wachsamkeit liegt den beiden mazedonischen Herdenschutzhunden im Blut. FOTO: US
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Noch sind Susi (vorne) und Stromer in der Ausbildung. Künftig sollen sie nachts auf dem Feld die Tiere von Hungens Stadtschäfer Ralf Meisezahl schützen. Wachsamkeit liegt den beiden mazedonischen Herdenschutzhunden im Blut. FOTO: US

Wächter auf vier Pfoten

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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"Der Wolf ist da", ist sich Ralf Meisezahl gewiss. Zwei mazedonische Herdenschutzhunde sollen künftig dafür sorgen, dass der Hungener Stadtschäfer ruhig schlafen kann, wenn seine Schafe nachts draußen auf dem Feld sind.

Stromer kaut versunken an einem alten Rinderknochen. Seine Schwester Susi zerrt erst an einem Strick, dann beißt sie ihren Bruder herzhaft ins Ohr, und schon toben die beiden Hunde-Teenager vergnügt durchs Stroh. Da geht jemand an der geöffneten Stalltür vorbei. Sofort ist Schluss mit lustig. Die beiden Vierbeiner bauen sich warnend im Türrahmen zu beachtlicher Größe auf und spähen nach draußen. Wachsamkeit liegt ihnen im Blut.

Susi und Stromer gehören zur Rasse der Šarplaninac. Ihre Ahnen haben die Hirten in den Bergen zwischen Kosovo und Nordmazedonien seit Jahrhunderten begleitet und über deren Herden gewacht. Wenn sie ausgewachsen und fertig ausgebildet sind, sollen Susi und Stromer dieser Aufgabe auch in den sanften Hügeln zwischen Vogelsberg und Wetterau nachkommen. Ihr Herr, der Hungener Stadtschäfer Ralf Meisezahl, will sich zum Schutz seiner Schafe nicht mehr nur auf seinen 1,06 Meter hohen Elektrozaun verlassen, wenn er die Herde nachts alleine im Pferch lässt. Er fürchtet einen Gegner, der in Deutschland ausgerottet war und nun wieder auf dem Vormarsch ist: den Wolf.

"Der Wolf ist da", ist Meisezahl überzeugt. "Ich will nicht, dass er meine Tiere frisst." Deshalb hat er sich zu dem Experiment mit den Herdenschutzhunden entschlossen. Die Wahl fiel auf den Šarplaninac mit seinem massigem Kopf, der schwarzen Maske und dem dichten Fell. "Weil er mir gefällt." Außerdem stehen die Mazedonier, anders als andere Herdenschutzhunde, hierzulande nicht auf der Liste der potenziell gefährlichen Rassen. Das vereinfacht die Angelegenheit. Einem Wesenstest werden sich Susi und Stromer nicht unterziehen müssen. Doch auch ohne diese zusätzliche Hürde ist Meisezahls Experiment schon kompliziert genug, nicht nur wegen des hohen Arbeitsaufwands.

"Wir haben jahrhundertelange Erfahrung mit Hütehunden", erläutert der Schäfer. "Aber es gibt keinen deutschen Herdenschutzhund." Die Tiere wachen in ihren Ursprungsländern oftmals tagelang ganz allein über die Herden. "Sie ticken anders", weiß Meisezahl. Will heißen: Sie haben ihren eigenen Kopf und stellen sich allem, was nicht zur Herde gehört, kompromisslos entgegen. In den einsamen Bergen Mazedoniens ist das kein Problem, da kommen ihnen kaum Fremde in die Quere. Rund um Hungen ist das anders.

Meisezahl hat Susi und Stromer von einem Kollegen aus Sachsen bekommen. Die Geschwister haben vom Tag ihrer Geburt an mit Schafen zusammen gelebt. Der Hungener Stadtschäfer, der sich in Erziehungsfragen mit erfahrenen Kollegen austauscht, konnte die beiden vierbeinigen Lehrlinge im Sommer also gleich mit aufs Feld nehmen. Für die Hunde sei das kein Problem gewesen, erzählt er. "Die wollten zu den Schafen. Aber die Schafe wollten das nicht. Da war ziemlich viel Unruhe."

Momentan leben die beiden Šarplaninac mit über hundert Lämmchen und deren Müttern im Schafstall am Rande von Hungen. Noch ist die Lammzeit nicht zu Ende, in den kommenden Wochen wird auch der Rest der Herde mit den Neugeborenen dazu stoßen. Über den Winter werden die Tiere also Zeit haben, sich aneinander zu gewöhnen. Sobald im Frühjahr die Weidesaison beginnt, sollen Susi und Stromer mit raus.

"Im März oder im April geht das Tor auf und dann schauen wir mal, ob es funktioniert", sagt Meisezahl. Wenn alles gut geht, werden Susi und Stromer nachts allein bei den Schafen im Pferch bleiben und dafür sorgen, dass sich alles Fremde fern hält und ihr Herr daheim ruhig schlafen kann. "Bis jetzt sind sie zauntreu", lobt der die beiden wuscheligen Azubis.

Mehr Kopfzerbrechen bereitet dem Schäfer die Situation am Tag. Am Solarpark in Trais-Horloff, wo er seine Tiere regelmäßig auf einem eingezäunten Areal weiden lässt, hat er bereits Schilder aufgehängt, um Passanten auf die Herdenschutzhunde aufmerksam zu machen. Er hofft, dass die Leute so vernünftig sind, sich fernzuhalten. Seine dringende Bitte an Spaziergänger: "Wenn Sie eine Schafherde sehen, dann machen Sie besser gleich einen großen Bogen."

Meisezahl wünscht sich sehr, dass sein Versuch mit den Herdenschutzhunden erfolgreich ist. "Ich tue alles dafür", versichert er. Aber was, wenn es nicht klappt? Der gebürtige Thüringer zuckt mit den Achseln. "Dann haben wir hier zwei liebe Hofhunde."

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