"Vorhang auf - Film ab"

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Filmvorführer, die übers Land ziehen. Wirtsleute, die sich für Filmkunst begeistern. Und ein Kinobetreiber, bei dem die Pistole locker sitzt. Im Landkreis Gießen gibt es zahlreiche spannende Kinogeschichten. Eine neue Wanderausstellung der Kommunalarchive erzählt sie.

Das erste deutsche Kino wurde bereits 1896 in Berlin Unter den Linden eröffnet. In der Provinz begann der Siegeszug des Films erst später. Aber nach dem Ersten Weltkrieg schossen auch in Oberhessen Kinos wie Pilze aus dem Boden. Beileibe nicht nur in der Universitätsstadt Gießen. Auch in Lich und Grünberg, in Hungen, Lollar, Beuern, Obbornhofen und in vielen anderen Orten ließen sich die Menschen von Filmvorführungen in den Bann schlagen. Davon erzählt die Ausstellung: "Vorhang auf! Kinogeschichte(n) im Landkreis Gießen", die im Museum Fridericianuam in Laubach zu sehen ist. In würdigem Rahmen sollte die Ausstellung bereits im März eröffnet werden. Doch Corona machte einen Strich durch die Rechnung. Zusammengestellt wurde die Präsentation von den Verantwortlichen der Kommunalarchive. Die Fäden liefen bei Sabine Raßner vom Kreisarchiv zusammen.

Familiendrama im "Revolverkino"

Archivare sind Einzelkämpfer. Ihr Arbeitsalltag zwischen Akten und alten Dokumenten spielt sich meist im Verborgenen ab. Umso mehr Freude haben sie daran, ihre Schätze mit der Öffentlichkeit zu teilen. Die heimischen Archivare machen das regelmäßig. Seit 2002 haben sie gemeinsam fünf große Wanderausstellungen erarbeitet. Die letzte über den Ersten Weltkrieg tourte seit 2015 durch die Städte und Gemeinden des Landkreises.

2019 war es an der Zeit, sich über ein neues Projekt Gedanken zu machen. Dr. Ludwig Brake, der mittlerweile pensionierte Gießener Stadtarchivar, stellte auf einer Arbeitstagung die entscheidende Frage: "Wir wär’s denn mit Kino?" Die Zustimmung war allgemein groß. "Wir fanden das alle schön, nicht zuletzt, weil es im Landkreis noch die beiden privat geführten Kinos in Lich und Grünberg gibt", erinnert sich Sabine Raßner. Die Archivare begaben sich also auf die Suche und waren schnell ernüchtert, denn ihre Schränke und Regale gaben zum Thema erst einmal nicht viel her. Kino ist nicht unbedingt ein Thema, das sich in Verwaltungsakten niederschlägt. "Die Sache war anfangs ganz schön zäh", berichtet Raßner.

Doch irgendwann platzte der Knoten, denn die Archivbetreuer sind in ihren Kommunen gut vernetzt. Und überall gibt es noch viele Menschen, die Geschichten von "ihren" Landkinos erzählen können, die Fotos oder Eintrittskarten aufbewahrt haben oder in deren Stammbaum sich ein Kinobetreiber oder ein umherziehender Filmvorführer findet. Auch die Archive gaben doch einige Schätze preis. Gerade in Bauakten oder in Nachlässen aus privater Hand finden sich Hinweise auf den Kinoboom zwischen den 1920er und 1950er Jahren.

Ein halbes Jahr haben sich die Archivbetreuer intensiv mit dem Thema beschäftigt. 20 großformatige Plakate mit Kinogeschichte(n) sind dabei entstanden. Einige davon sind hoch dramatisch. Zum Beispiel die vom "Revolverkino", welches es in Grünberg einst gab. Man könnte meinen, hier wären besonders viele Western gezeigt worden. Weit gefehlt. Der Name ist auf ein blutiges Familiendrama im Jahr 1925 zurückzuführen.

Erste Station der Wanderausstellung ist das Museum Fridericianum in Laubach. Das freut Raßner ganz besonders, denn das Museum bietet nicht nur Platz für die Plakatwände. Die Ausstellungsmacher können auch eine Reihe von Exponaten zeigen. Leuchtreklamen zum Beispiel. Oder einige der vielen Kinopreise, die dem "Traumstern" in Lich verliehen wurden. Auch aus den Beständen des Oberhessischen Museums in Gießen gab es noch einige Leihgaben. Besonders in ihr Herz schließen dürften Ausstellungsbesucher vor allem ein Exponat, das ein kleines Stück Gießener Kinogeschichte verkörpert: Am Frontfenster der Kasse des "Roxy" konnten Filmfreunde einst schon beim Schlangestehen erkennen, welche Platzkategorien bereits ausverkauft waren. Durch eine runde Klappe hindurch taten sie ihre Eintrittskartenwünsche kund. Privatleute hatten das gute Stück vor über 40 Jahren erworben und es 2018 dem Stadtarchiv überlassen. "Zweimal Parkett Sessel, bitte" glaubt man es nun im Laubacher Museum aus dem Mund der im Stil der 50er Jahre drapierten Schaufensterpuppe zu hören.

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