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Mit dem Fotoapparat kaum einzufangen: Das Panorama rund um das Plateau »Baumelbank« im Westen von Königsberg.

Von Wettenberg rüber nach Biebertal

  • Burkhard Bräuning
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Über all das könnte Rüdiger stundenlang erzählen, aber die Zeit drängt. Mit dem Auto fahren wir weiter nach Biebertal. Wir nähern uns von Nordosten und steuern direkt auf das Firmengebäude des größten Gewerbesteuerzahlers der Gemeinde zu: Orion! Die großen Reklametafeln sind nicht zu übersehen. »Liebe ist unser Leidenschaft« - der Werbeslogan sagt etwas aus über die Produkte, die Orion vertreibt - unter anderem Sexspielzeug.

Ein Unternehmen, das Spaß ins Leben bringen will. So etwas braucht die Welt.

Wir halten in Rodheim-Bieber, das ist sozusagen die Kerngemeide Biebertals. Ziel: Der Gailsche Park. Die Anlage wirbt im Internet mit einer eigenen Website: »Der Gailsche Park ist ein einzigartiger englischer Park in Mittelhessen.« Das ist er wirklich. Very british. Als Kollege Soßdorf vor rund 25 Jahren den Westen für sich eroberte, da war der Park Dauerthema in der Gemeinde. Die Konflikte, die es damals gab, wurden gelöst, seit 1999 steht die gesamte Anlage unter Denkmalschutz. An den Wochenenden ist der Park für jedermann geöffnet. Der beschauliche Ort ist übrigens Rüdigers Lieblingsplatz in Biebertal. Und das will was heißen, schließlich gibt es noch den Vetzberg und den Dünsberg. Und überhaupt: Die sanften Hügel, die lauschigen Plätze - hier sieht alles so friedvoll und harmonisch aus - als hätte der liebe Gott das Relief selbst geformt.

In den 1990er Jahren gab es in unmittelbarer Nähe des Parks noch ein anderes konfliktträchtiges Thema: Die Erschließung des Schindwasen-Areals. Im Straßendorf Rodheim-Bieber sollte auf einer Grünfläche mit angrenzender Zigarrenfabrik ein zentraler Platz mit Wohn- und Geschäftshäusern entstehen. Das Projekt wurde letztlich auch realisiert, die Zigarrenfabrik niedergelegt.

Wenn man von Wettenberg, Heuchelheim und Biebertal spricht, nennt man das Gebiet oft »Gleiberger Land«. Unter diesem Namen gibt es sogar eine interkommunale Zusammenarbeit. Schon in den 1990er Jahren wurde unter gemeinsamer Regie in jeder Großgemeinde ein Altenheim gebaut. Betrieben werden die Häuser von der AWO. »Ein Zusammenschluss aller drei Großgemeinden liegt aber in weiter Ferne, wenn es überhaupt jemals dazu kommt«, sagt Kollege »so«.

Wir fahren weiter nach Königsberg, stellen das Auto ab und laufen hoch zur Baumelbank. Das ist im Grunde nicht mehr als eine Wiese. Aber das Panorama - traumhaft schön. Im Laufen erzählt Rüdiger von den politischen Verhältnissen in Biebertal. Die Freien Wähler (FW) seien traditionell stark. »Ich habe hier schon alle möglichen Mehrheiten und Koalitionen erlebt.« Nach der Wahl im Frühjahr habe es eine Front gegen die Freien Wähler gegeben. »Das kann aber schon bald wieder ganz anders sein.« Wir sind oben angekommen und Rüdiger erklärt die Lage: Hinter Königsberg ist nicht die Welt zu Ende, aber Biebertal und der Kreis Gießen. »Da hinten (er zeigt Richtung Westen) beginnt der Lahn-Dill-Kreis.«

Wir sind am Ziel, und der Blick ist heute gigantisch: Bizarre Wolken am Himmel, hier und da flutet das Sonnenlicht die Landschaft. In der Ferne der Osten des Kreises und dahinter der Vogelsberg. Eine andere Welt...

Rüdiger erzählt von einer weitgehend intakten Infrastruktur - mit einer guten Nahversorgung, zwei Grundschulen und Kindergärten in allen Ortsteilen - außer Frankenbach. Manche Vereine haben zu kämpfen, im Sport bildet man Spielgemeinschaften. Viele Feste gibt es nicht mehr, geblieben ist der Weihnachtsmarkt unten in Rodheim.

Aktuell ist ein geplanter Neubau ein Zankapfel. Vorgesehen war ein großer Wurf: Über zehn Millionen soll der neue Bauhof und ein Standort für alle Feuerwehren der Großgemeinde am Ortsrand von Rodheim-Bieber kosten. Dagegen regt sich Widerstand. So eine Summe hat Biebertal auch nicht auf dem Konto. Etwas mehr Gewerbe würde dem Haushalt also guttun.

Der Dünsberg habe eine ähnliche Problemlage wie der Wald bei Krofdorf: Ein immenser Freizeitdruck, gepaart mit einem Nutzungskonflikt. Förster, Jäger, Reiter, Mountainbiker, Jogger - jeder hat eigene Interessen. Die Bemühungen um eine Kanalisierung kommen kaum voran. Erwähnenswert sei noch die Biebertaler Blutegelzucht - mit einem »Rentnerbecken« für die Tiere, die schon mal Blut geleckt haben. Das ist nicht unbedingt ein netter Schluss, deshalb noch das: Auch die Gemeinde Biebertal hat den Charme des Gleiberger Lands: Dicht bei Gießen und trotzdem selbstbewusst selbstständig. So soll es auch bleiben.

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