Wegen der Corona-Pandemie wurde die Frist für das Baukindergeld bis zum 31. März 2021 verlängert. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Der Verkauf von Familienhäusern im Landkreis Gießen machte 170 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr. (Symbolbild)

Immobilienmarkt

Wohnmarkt im Kreis Gießen umkämpft: Eigenheime in Wettenberg am teuersten

  • Thomas Brückner
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Im Gießener Land ist die Nachfrage nach Immobilien hoch, aber das Angebot sinkt. Auch die Schere zwischen Hoch- und Niedrigpreisgemeinden geht weiter auseinander.

Landkreis Gießen – Alle zwei Jahre sind »frische Zahlen« zur Entwicklung des heimischen Immobilienmarkts im Angebot. Offizielle, auf Grundlage der notariell beurkundeten Kaufverträge, nicht etwa aus unsicherer Quelle. Dafür sorgt der Gutachterausschuss beim hessischen Amt für Bodenmanagement mit Sitz in Marburg.

Im vergangenen Jahr, so der stellvertretende Ausschussvorsitzende Lothar Dude-Georg gestern vor der Presse, kletterte der Umsatz, was allein den Verkauf von Bauland, Ein- oder Zweifamilienhäusern und Eigentumswohnungen im oben erwähnten Untersuchungsraum angeht, auf sage und schreibe 1,4 Milliarden Euro.

Wohnen im Landkreis Gießen: Mehr als 2100 Familienhäuser verkauft

Mehr als 2100 Ein- und Zweifamilienhäuser wechselten ihre Besitzer, allein dafür wurden rund 470 Millionen Euro umgesetzt - elf Prozent mehr als im Vorjahr und rund ein Drittel aller Umsätze im Immobiliensektor. Eigenheime werden also weiter gesucht, jedoch dünnt sich der Markt zusehends aus.

Eine Folge, so die Gutachter: »Auch bisher weniger begehrte Objekte wurden angeboten und gehandelt.« Ein Indikator sei die Zahl der Zwangsversteigerungen, die mit 74 Fällen das niedrigstes Niveau seit Aufzeichnungsbeginn im Jahr 2005 erreichte.

Immobilien im Landkreis Gießen: Teurer Traum vom Eigenheim

Die anhaltend hohe Nachfrage nach Ein- und Zweifamilienhäusern lässt sich auch im Kreis Gießen beobachten, wo im vergangenen Jahr die Verkäufe um 31 auf 616 Fälle und der Geldumsatz von 146 auf 170 Millionen Euro stieg. Weiter nach oben ging es auch mit den Preisen, wurden doch im Schnitt 267 000 Euro aufgerufen, 24 000 Euro mehr als im Jahr zuvor.

Eine Binse: Der Traum vom Eigenheim kommt teuer zu stehen, allerdings nicht überall gleich teuer. Nach wie vor gibt es ein deutliches Preisgefälle, hinauf zum sogenannten »Speckgürtel« rund um Gießen. Auch in der Universitätsstadt selbst ist das Wohnen kostspielig, wie der jüngste Immobilienbericht zeigt.

Immobilien im Landkreis Gießen: Teuerste Objekte in Wettenberg

Die teuersten verkauften Objekte in der amtlichen Statistik gingen folgerichtig in Wettenberg über den Tresen, die Käufer blätterten im Schnitt 369 000 Euro hin. Die günstigsten Häuser wechselten in der Rabenau den Besitzer, hier lag der Preis bei 130 000 Euro.

Weiter nach oben geht der Trend auch bei den Eigentumswohnungen. Die Umsätze im Gießener Land stiegen auch 2020, trotz eines abnehmenden Angebots, wenn auch nicht mehr so stark. Nicht anders sah es bei den Preisen aus, im Schnitt kostete eine Eigentumswohnung beim Erstbezug 2938 Euro/qm, bei den Wiederverkäufen waren es 1824 Euro/qm.

Wohnungen im Landkreis Gießen: Mangel an Grundstücken

»Ob mit diesem Preisniveau nun die Spitze bei den gebrauchten Eigentumswohnungen erreicht ist, kann noch nicht eindeutig belegt werden«, meinte an dieser Stelle Tobias Rhiel, Fachbereichsleiter Immobilienwertermittlung der Marburger Behörde.

Denn die allgemeine Baupreissteigerung - laut Statistischem Bundesamt seit 2010 satte 35 Prozent - habe hier noch keinen Einfluss auf den Preis, da die Objekte ja vor Längerem fertiggestellt worden seien.

Dass die Inflation im Bausektor nicht nur Neu- und Umbauten verteuert, sondern über den »Umweg« höherer Erschließungskosten auch das Bauland, ist klar. Was den Kreis Gießen angeht, treibt zudem der Mangel an Grundstücken die Preise: Im Vorjahr gingen so nurmehr 167 Parzellen über den Tisch, 50 weniger als 2019. Statt knapp 15 wurden nur 11,7 Hektar verkauft, statt 23,7 »nur« 15,5 Millionen Euro umgesetzt.

Wohnen im Landkreis Gießen: Weniger Angebot als Nachfrage

Dass das Angebot der Nachfrage hinterher hinkt, dafür nannte Dude-Georg das Beispiel Inheiden: »Das Baugebiet umfasste 18 Plätze, der Quadratmeterpreis betrug im Schnitt 175 Euro - in nur einem halben Jahr war alles vermarktet.«

Ein Trend weg vom immer teureren und knapperen Wohnbauland im Gießener »Speckgürtel« ist dem Immobilienmarktbericht noch nicht zu entnehmen - der mittlere Preis steigt weiter. So mussten Häuslebauer in spe 2020 im Landkreis für den Quadratmeter rund 171 Euro hinlegen, nochmals zwölf Euro mehr als im Jahr 2019.

Die Schere zwischen hoch- und niedrigpreisigen Gemeinden geht weiter auseinander: Rund um Gießen kletterte der Quadratmeterpreis im Schnitt um 12,9 Prozent auf 281 Euro, im Ostkreis nur um 7,7 Prozent auf 70 Euro.

Immobilien im Landkreis Gießen: Preise gehen nach oben

Ob als Folge der Pandemie die »Heimarbeit« nachhaltig zunimmt und über eine Verlagerung der Nachfrage zu einer Art Nivellierung des Preisgefüges führt? »Könnte sein, dass es mehr Menschen in die niedrigpreisigeren Randgebieten zieht«, meinte einer der Gutachter. Dass wegen der auf Jahre weiter niedrigen Zinsen, bei einer zugleich hohen Nachfrage potenter Kunden, besagte Schere weiter auseinander gehen werde, dagegen ein anderer.

Unschlüssig waren sich die Experten vom »Katasteramt« auch in der Frage, was das mögliche Ende der Immobilien-Blase betrifft. Die Kennzahlen dafür, wie wirtschaftlich eine Investition ist, gäben zumindest »zarte Hinweise«. Auf Beispiele für einen geringen, teils sogar negativen Liegenschaftszinssatz - gewissermaßen der Beweis einer Überzahlung - können die Experten verweisen.

Doch und wie im jüngsten Marktbericht zu sehen: Derzeit gehe die Entwicklung der Preise noch nachhaltig nach oben. Auch weiterhin gebe es ein Potenzial in der Bevölkerung, das sich diese Investitionen leisten könne. Zupass komme dem, dass die Zinsen wohl noch einige Jahre auf dem niedrigem Niveau verharrten.

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