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Wann im »Traumstern« und anderen Kinos die Lichter wieder angehen, ist offen. ARCHIVFOTO: NAB

Von Happy End noch keine Spur

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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»Komm, wir geh’n ins Kino!« - an den Werbeslogan aus den 80ern erinnert sich kaum noch einer. Und dabei dürfte es auch bleiben: An eine Wiedereröffnung am 22. März gemäß Stufenplan der Bund-Länder-Konferenz mögen die Kinobetreiber in Lich und Grünberg nicht glauben. Doch nicht nur steigende Inzidenzen treiben sie um.

Das Hessische Filmbüro e.V., in dem vor allem Programmkinos vertreten sind, hatte im Februar an die Politik appelliert: Bei Lockerungen nach dem Shutdown dürfe die Branche nicht zurückbleiben. Die Politik müsse ein coronabedingtes Kinosterben verhindern, dem Kultursektor insgesamt Perspektiven für den Neustart bieten, »idealerweise zu Ostern«.

Die Bund-Länder-Konferenz beschloss am 4. März bekanntlich den »Stufenplan«. Lichtspielhäuser könnten danach ab 22. März öffnen - sofern die Inzidenz stabil unter 100 liegen sollte.

Ob es dazu kommt? Edgar Langer, im Vorstand des Filmbüros und mit Hans Gsänger Betreiber des Kinos »Traum-stern«, hat da seine Zweifel. Berechtigt.

Lockerung der Kontaktbeschränkungen und die Virus-mutante B.1.1.7. lassen eher eine dritte Welle erwarten. Dass sein Verband die Forderung nach Öffnung an Ostern bislang dennoch aufrechterhalte, räumt Langer ein. Mit Blick auf neueste Zahlen aber fügt er an: »Es wird nicht dazu kommen.«

Wann auch immer es so weit sein wird, die Branche dringt auf einen bundeseinheitlichen Termin. Andernfalls, so der Sprecher der Programmkinos, hätten vor allem »kommerzielle Häuser« ein Problem. Etwa wenn der Mitbewerber kurz hinter der Landesgrenze vier Wochen früher den neuen »Bond« zeigt.

Den hat das »Traumstern« noch nie gespielt. Dass man »genug tolle Filme« bieten könnte, unterstreicht Langer. Zudem gebe es einiges nachzuholen, etwa die bei der Leipziger Filmkunstmesse im Herbst ausgewählten, wegen des Lockdown-Light aber nicht gespielten Produktionen. Auch die Verleihe, mit denen man kooperiert, stünden in den Startlöchern.

So wie das traditionsreiche Lichtspielhaus auch. Nach dem ersten Shutdown vor Jahresfrist wurde ein umfassendes Hygienekonzept umgesetzt; erwähnt sei hier nur der Ausbau von Stuhlreihen, um einen Mittelgang zu schaffen, so Kontakte zu minimieren. Warum aber hat die Kinobranche dennoch keine Gleichbehandlung erfahren? »Wir haben halt nicht die Lobby wie Baumärkte. Die Kultur hinkt hinterher«, sagt Langer.

Doch stößt er nicht ins gleiche Horn wie so manche Kritiker. Will sich nicht »vordrängeln«, weiß um die Dynamik der Pandemie. »Es ist echt schwierig. Wir hatten vorher null Ahnung und jetzt nicht viel.« Für dieses Jahr erwartet er daher noch keine Rückkehr in den Normalbetrieb.

Langer würdigt die Unterstützung von Land und Bund für die Kinos, die daher - anders als andere Kulturschaffende - recht gut durch die Krise gekommen seien. Ohne die Hilfen würden auch die Licher nicht über die Runden kommen. Von Mai bis November 2020 konnten sie gerade mal 50 Sitzplätze vergeben. Und hatten trotzdem monatlich über 1000 Besucher.

Für Langer ein erster Beweis für die besondere Treue des »Traumstern«-Publikums, der Kauf Hunderter Zehnerkarten ein zweiter. »Das war unglaublich.« Auch die Kinopreise hätten natürlich dazu beigetragen, die Krise zu überstehen.

Inzwischen dauert der Shutdown bereits vier Monate, so mancher hat Netflix und Co. entdeckt. US-Studios haben angekündigt, Produktionen zeitgleich in Kinos wie im Netz zu verwerten oder zumindest die Schutzfristen zu verkürzen. Hat die Pandemie die Branche auch langfristig Kunden gekostet?

»Kann schon sein«, meint Langer, der sich dennoch sicher zeigt: »Wer viele Filme guckt, der geht auch ins Kino.« Zumal das Internet keineswegs nur Qualität biete, wie die miserable Neuauflage von »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« zeige. Überdies biete nur Kino ein gemeinsames Erlebnis. Inklusive Austausch, wenn man - wie beim Streifen »Systemsprenger« - gezwungen worden sei, »solche Sachen zu durchleben«. Zu Hause würde da so mancher zum Kühlschrank laufen.

Da das Kino schon häufiger totgesagt wurde, zeigt sich Edith Weber, Betreiberin der Grünberger Lichtspiele, verhalten optimistisch. Die ganz Jungen habe man eh ans Internet verloren. Bei den anderen hofft sie, dass sie nach dem Shutdown »endlich wieder rauskommen wollen«. Weber kennt die Existenzsorgen vieler Kollegen nicht. Miete fällt bei ihr nicht an und, so scherzt sie: »Mein Mann bekommt ja Rente.« Die Einbußen allein im Vorjahr schätzt die 77-Jährige auf 70 Prozent, doch auch bei ihr hat die Staatshilfe funktioniert.

»Keiner weiß, woran er ist. Die Verleiher halten selbst mittelprächtige Komödien zurück«, blickt sie noch mit Skepsis nach vorn. Doch sie will weitermachen. Mindestens bis 2022, wenn ihr Lichtspieltheater 70 wird - und ein Anlass ist, sich an den Werbeslogan »Komm wir geh’n ins Kino« zu erinnern.

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