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Vom weißen Fleck zur bunten Perle

  • Gabriele Krämer
    VonGabriele Krämer
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Kultur? Hochkultur? Das war in den Jahren nach dem Krieg vor allem eine städtische Angelegenheit. Heutzutage ist die Vielfalt an kulturellen Perlen »in der Provinz« eine feste Größe für die Menschen in Stadt und Kreis Gießen.

Kultur auf dem Land? Wie frische Zutaten aus einer gut bestückten Speisekammer zum i-Tüpfelchen eines Festmenüs werden, so lassen sich im Sommer 2021 die Angebote aus dem regionalen Veranstaltungskalender zu einem Freizeitprogramm für fast jeden Geschmack arrangieren: Weltmusik auf Burg Gleib erg, hippe Künstler im Waldschwimmbad Lich, Open-Air-Kino in Laubach und Grünberg, Festivalstimmung auf Burg Staufenberg, Beat-Session im Schlosspark Buseck, Sonderausstellung im Museum in Rodheim-Bieber - Kultur gleich um die Ecke, für relativ kleines Geld oder im Idealfall sogar gratis zu haben.

Kultur? Mit diesem Begriff verband das Gros der »Landbevölkerung« bis weit in die Siebzigerjahre in erster Linie das Gießener Stadttheater. Wer in der Wirtschaftswunderzeit daheim im Dorf glänzen wollte, war etwa in der Spielzeit 1955/1956 mit Eintrittskarten für seine Liebsten zur Strauß-Operette »Die Fledermaus« auf der sicheren Seite. Außerhalb der Universitätsstadt war die Landkarte in Sachen Kultur nach damaligem Verständnis ein weißer Fleck.

Kultur in der »Provinz« war eher der Oberbegriff für Sängerfeste und alles, was unter der Regie von Vereinen stand. Die Pohlheimer Gesangvereine übertrafen sich bei festlichen Konzerten mit Gaststars wie Rudolf Schock (1982) und Anneliese Rothenberger (1983). Junge-Leute-Musik war dagegen anfangs eher eine Sache der Dorfgasthäuser und Discotheken; darunter das »Atlantis« in Trohe, wo Stars wie Peter Maffay oder Marianne Rosenberg auftraten.

Auch Kirmes hatte im besten Sinne mit Kultur zu tun: Die Menschen strömten in die Festzelte, feierten ihre Helden der Blasmusik à la Ernst Mosch. Aber etliche Dorffeste verloren an Anziehungskraft, konnten schließlich auch von Beat-Abenden »für die Jugend« - wie einst jene mit den »Capras« oder den »Misfits« als Protagonisten - nicht gerettet werden. Das Kino war zunächst Stadt-Sache, im Idealfall etwas für Mittelpunkt-Gemeinden wie Lollar oder Grünberg - und hier und da natürlich in Wirtshaussälen.

Bereits 1942, mitten im Krieg, hatten in Laubach die Bilder laufen gelernt, öffnete in der »Traube« ein Lichtspieltheater seine Pforten. Kein Einzelfall: Anfang der Sechzigerjahre quetschten sich etwa die Steinbacher sonntags auf Bänken im »Hessischen Hof«, um sich ins »Weiße Rößl« am Wolfgangsee zu träumen.

»Kultur auf dem Land: Von A wie Arnsburg bis Z wie Zigarrenfabrik« lässt als Arbeitstitel für diese zwangsläufig subjektive Rückschau viel Spielraum. Allein das Schaffen von Größen wie dem Bildhauer und Maler Heinz Mack (ehemals Lollar) und des 2013 verstorbenen Schriftstellers Peter Kurzeck (Staufenberg) verdiente umfassendere Würdigung.

»In den 1980ern füllte sich der Kulturkalender des ländlichen Raums zusehends. Und oft mit viel Köpfchen«, blickt mit Kreisredaktionsleiter a. D. Norbert Schmidt (Wettenberg) ein Kenner der Szene zurück.

Ein Glücksfall, der Cineasten wie Kulturschaffende bis heute beseelt, war 1983 die Geburtsstunde des »Traumstern« in Lich. Für das herausragende Kinoprogramm werden die Betreiber Edgar Langer und Hans Gsänger seit 1985 regelmäßig ausgezeichnet, Krönung bis dato war 2005 die Verleihung des Bundeskinopreises.

Überhaupt, Lich: 1976 steppte der sprichwörtliche Bär, als die »Scorpions« im Stadtteil Langsdorf auftraten. Das hatte die dortige Rockinitiative eingefädelt, ebenso das Déjà-vu 1977 mit dieser Hardrock-Band aus Hannover, die heute zu den Größten des Genres weltweit zählt. Angekündigt wurde das im Anzeigenteil dieser Zeitung so: »Beste deutsche Live Rockband in Langsdorf, in der Volkshalle«. Rezensionen über die zwei Spektakel sucht man vergebens, die waren der Hochkultur vorbehalten.

Mehrere Seiten nahm dagegen die Berichterstattung über ein Ereignis ein, das an einem heißen Sommertag im August 1997 rund 30 000 Menschen an die Fasanerie in Lich zog: Open-Air-Spektakel mit »Pur« und Nena. Auch die Hessentage in Grünberg (1980) und Lich (1993) brannten sich ins kollektive Gedächtnis ein. Längst gehören Großveranstaltungen wie »Golden Oldies« in Wettenberg, »Blues Schmus & Apfelmus« in Laubach oder »Grünberg Folk« zu einem »gewöhnlichen« Sommerhalbjahr.

Mit dem Umzug der Kreisvolkshochschule von Gießen nach Lich erschloss sich ab Herbst 1986 ein zentraler Ort der Kultur und Weiterbildung: Das Projekt »Lichtwege« mit Werken weißrussischer Künstler fand anhaltende Resonanz. Gern orientierten sich Freunde der Klassik »Richtung Provinz«, als mit »Wettenberger Winterkonzerten«, inernationaler Opernwerkstatt Schloss Laubach, Kammerkonzerten auf der Hessenbrückenmühle oder der »Gail’schen Tafelrunde« in Biebertal anspruchsvolle Unterhaltung offeriert wurde. Initiativen wie der Barfüßer-Förderkreis in Grünberg, »Kultur in Mittelhessen« in Pohlheim oder der Freundeskreis Schloss Hungen bereicherten den Kalender mit ambitionierten Programmen. Die Mundart erlebte mit »Fäägmeel« und »Kork« eine Art Wiederauferstehung.

Zurück zum Arbeitstitel: »A wie Arnsburg« geht klar, das steht für Ausstellungen, Klassik und Geschichte. Und »Z«? In den 2000er Jahren erlebte die Zigarrenfabrik in Kinzenbach eine Symbiose: Ellen Faupel machte aus dem Komplex einen Treffpunkt für Kultur- und Weinliebhaber. Dieses Kapitel ist seit 2018 Geschichte.

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