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Buchen prägen bis heute den Mailbacher Wald.

Vom Wald zurückerobert

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
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Die Mailbacher Straße in Annerod führt längst nicht mehr nach Meilbach. Aber sie weist den Weg zu einer Wüstung im Licher Wald nahe Hattenrod und Burkhardsfelden. Spurensuche nach einem Ort, der vor bald 600 Jahren aufgegeben wurde.

In Albach gibt es mitten im Dorf eine Mailbacher Straße. Ortskundige und heimatgeschichtlich Interessierte werden womöglich wissen, woher der Name rührt. Doch von der einstigen im Mittelalter mutmaßlich gut frequentierten Wegeverbindung von Albach über den Weiler Meilbach und weiter ins Tal der Wetter wissen wohl nur wenige. Schaut man auf die Karte, dann lag Meilbach wahrscheinlich unweit einer Wegekreuzung: Die Straße zwischen Hattenrod und Lich führte dicht an dem Ort vorbei. Burkhardsfelden - Lich wäre eine weitere Achse. Und Albach - Oberbessingen oder Münster.

Doch der Ort Meilbach ist Geschichte. Nur einige Steine im Wald erinnern noch an das einstige Bauerngut, an die Kirche, an ein paar Häuser. Experten mögen es noch erkennen. Der Laie stapft durchs Laub nichtsahnend daran vorbei. Findet noch nicht mal einen namensgebenden Bach. Der existiert schlicht nicht. Auch woher sich der Name Meilbach oder Milbach ableitet, ist nicht mit letzter Sicherheit geklärt.

Einer der wenigen, der tiefer in die Geschichte dieses untergegangenen Dorfes im Licher Wald eingestiegen ist, das ist der Heimatforscher Gustav Ernst Köhler († 2012). Der Gründer und langjährige Vorsitzende des Reiskirchener Heimat- und Geschichtsvereins hat 1997 in der »Hessischen Heimat« eine der bislang wohl umfangreichsten Abhandlungen zu diesem Ort geschrieben. Sprachwissenschaftler erinnern laut Köhler an den Wortstamm Milse, wie er etwa im Ortsnamen Melsungen in Nordhessen enthalten ist. Das könnte auf Wasser, Nebel oder Sumpf hindeuten.

Das Dorf, das vor rund 1000 Jahren oder noch früher mutmaßlich auf einer Rodung im Wald entstanden ist, das hat sich der Wald im Laufe der Jahrhunderte längst zurückgeholt. Die in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wohl noch erheblichen Mauerreste wurden Gustav Ernst Köhler zufolge abgebrochen und zum Wegebau verwendet, sodass man sich heute kein Bild mehr von der Siedlung machen kann.

Einst im Besitz von Kloster Schiffenberg

LAGIS, das landesgeschichtliche Informationssystem in Hessen, verzeichnet Meilbach als Wüstung in der Gemarkung Hattenrod in der Gemeinde Reiskirchen, rund fünf Kilometer nordöstlich von Lich, und benennt einen noch erkennbarem Kirchengrundriss. Doch auch nach dem muss man suchen. Ein Dorf des Mittelalters eben und ein späterer Klosterhof, dessen Anfänge im Dunkeln liegen. Eine erste urkundliche Erwähnung datiert auf das Jahr 1141.

Die Gleiberger Gräfin Clementia von Luxemburg vermachte dem von ihr gegründeten Augustiner-Chorherrenstift Schiffenberg ihre dortigen Güter und die Kapelle zur Gründung eines Klosterhofes.

Heimatforscher Köhler zufolge hat Meilbach als Siedlung, später als prosperierender Klosterhof, zum wertvollsten Besitz des Klosters auf dem Schiffenberg gezählt.

Nur rund 200 Jahre später verlieren sich die Spuren in den schriftlichen Quellen. 1467 wird »Milbach« schon als »vacant« bezeichnet.

Und doch ist der Name bis heute präsent: Lebendig gehalten durch eben die Bezeichnung dieses Stückes im Licher Wald und wegen der Missionsfeste, die die evangelischen Kirchengemeinden dort alljährlich zu Himmelfahrt feiern.

Menschen aus Burkhardsfelden, Hattenrod, Albach, Ettingshausen, Reiskirchen, Lich und weiteren Gemeinden gehen seit Jahrzehnten zu diesen Gottesdiensten an einem Pflanzgartenhäuschen der Försterei, das zugleich als Jagdhütte diente. Die Feste gehen zurück auf Pfarrer Wilhelm Baur, 1855 bis 1862 Seelsorger in den Kirchengemeinden Ettingshausen und Hattenrod, erinnert der frühere Lehrer und Ortskundige Willi Launspach aus Hattenrod. Eine Tradition, die in den 1950er- und 60er-Jahren wiederauflebte und zuletzt dank des Engagements der Burkhardsfeldener Kirchengemeinde um Pfarrer Dieter Sandori fortgeführt wurde.

Meilbach hatte eine wechselvolle und an Eigentümern reiche Geschichte. Lange gehörte der Wald den Fürsten zu Solms-Hohensolms-Lich, heutiger Eigentümer ist der Prinz zu Stollberg-Wernigerode.

Missionsfeste der Kirchengemeinden

Schlagzeilen machte Meilbach nochmals in den frühen 2000er-Jahren. Seinerzeit bereits von den Solmser Fürsten an einen Privatmann verkauft, ging es um das Ausmaß der Waldnutzung. Wie viel Holz darf eingeschlage n werden? Wo sind da wirtschaftliche Interessen, wo naturrechtliche?

Doch auch dieser Streit ist längst beigelegt und hätte die früheren Meilbacher wohl kaum tangiert. Für sie war der Wald eine schier unerschöpfliche Quelle. Er bot Bauholz, Feuerholz, diente womöglich, wenn es ausreichend Eicheln, Buckeckern oder Kastanien gab, der Mast von Schweinen.

Lohnt sich also heute noch der Weg nach Meilbach? Aber sicher doch. Es ist sowohl von Lich als auch von Hattenrod oder Burkhardsfelden aus ein herrlicher Spaziergang durch den Wald, den herbstlich-bunten allzumal. Selbst wenn man nur noch ahnen kann, wo einst der mittelalterliche Klosterhof stand.

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