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Hat erst vor sechs Jahren Deutsch gelernt und nun einen Literaturpeis gewonnen: Sarah Emamzahi aus Lich.

Vom Überleben

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Sarah Emamzahi hat erst vor sechs Jahren Deutsch gelernt. Nun zählt die 19-jährige Afghanin, die in Lich lebt, zu den Gewinnerinnen des Jugend-Literaturpreises der OVAG. Ihr Text handelt von existenzieller Not und vom Überleben.

Der Kultursaal von Bad Nauheim ist hell erleuchtet. Zahlreiche Kameras sind auf die Preisträger des OVAG-Jugendliteraturpreises gerichtet, drei Jungen und 21 Mädchen. Viele haben sich schick gemacht für diesen besonderen Moment. Man sieht festliche Kleider, glänzende Tops, rotgeschminkte Lippen. In der ersten Reihe sitzt Sarah Emamzahi. Dunkle Hose, weite Bluse, einen schwarzen Schal locker um den Kopf geschlungen. Die 19-Jährige stammt aus Afghanistan. Sie ist soeben mit dem zweiten Preis ausgezeichnet worden. Deutsch hat sie erst vor knapp sechs Jahren gelernt.

Einige Minuten nach der Preisverleihung ist Sarah zurück bei ihrer Familie im Saal. Sie wirkt überwältigt. »Ich bin voll am Zittern«, sagt sie. »Mit dem zweiten Platz hätte ich nie gerechnet.«

Dass die angehende Gesundheits- und Krankenpflegerin aus Lich, die 2016 nach gefährlicher Flucht mit einem Teil ihrer großen Familie nach Deutschland gelangte, überhaupt an dem Wettbewerb teilgenommen hat, ist Andreas Matlé zu verdanken. Der Leiter der OVAG-Öffentlichkeitsarbeit hat eine Leidenschaft für außergewöhnliche Lebensgeschichten. Als im vergangenen März zum Internationalen Frauentag in dieser Zeitung ein Porträt der jungen Afghanin erschien, suchte er den Kontakt. Irgendwann kam die Rede auch auf den Jugend-Literaturpreis. Matlé schlug der Schülerin, die das Asklepios-Bildungszentrum in Lich besucht, vor, sich zu beteiligen. »Er sagte, meine Geschichte sei interessant«, erinnert sich Sarah.

Aber sie wollte zunächst nicht. Bei etwa 200 Teilnehmenden und rund 20 Preisträgern hielt sie sich für chancenlos. Erst kurz vor Einsendeschluss habe sie doch noch losgelegt.

Ihr Text erzählt auf sechs Seiten vom einfachen Leben in der Provinz Baghlan, von dem Drangsal durch die Taliban, vom Tod des älteren Bruders, der vor den Augen der Familie erschossen wird, und von der lebensgefährlichen Flucht. »Wie viele Tode kann ein Mensch überleben?« - so heißt der erste Satz. Sarah Emamzahi schildere eine existenzielle Situation ohne Pathos in nüchternen Worten, schreibt die Jury, zu der unter anderem die Schriftsteller Ursula Flacke und Feridun Zaimoglu gehören, in ihrer Würdigung. Dass die zweite Preisträgerin erst spät Deutsch gelernt hat und zudem die allererste Berufsschülerin im Wettbewerb ist, wird ebenfalls hervorgehoben. Sarah ist im Bad Nauheimer Kursaal nicht alleine. Ihre Mutter, ihr Bruder und zwei jüngere Schwestern haben sie begleitet. Patricia Rembowski und Karin Hanika-Pieck von der Asklepios-Klinik sind dabei, Lichs Erster Stadtrat Burkhard Neumann gratuliert. Dass auch Adrijana Atanasoska, ihre frühere Lehrerin von der Dietrich-Bonhoeffer-Schule, mit ihrem Mann an der Preisverleihung teilnimmt, freut die junge Autorin ganz besonders. »Sie hat mich sehr unterstützt, wir haben bis heute Kontakt.«

Ihren Erfolg will Sarah nicht individuell verstanden wissen, sondern als Ermutigung für andere junge Afghanen, die in Deutschland leben. »Wenn ich es geschafft habe, können sie es auch schaffen«, ist sie überzeugt. »Wir können unser Land in ein positives Licht rücken.« Das findet sie wichtig in Anbetracht der erschütternden Nachrichten aus ihrer Heimat, die ihr seit Wochen den Schlaf rauben. Ihre Verwandten leben dort. Sie weiß: »Es geht ihnen schlecht.«

In Afghanistan müssen junge Frauen um ihre Zukunftsperspektiven bangen. In Deutschland tun sich für Sarah mit dem Literaturpreis neue Welten auf. Sie wird fürs Radio interviewt. Sie erhält eine Einladung zu einem viertägigen Workshop, um gemeinsam mit anderen Preisträgern und bekannten Schriftstellern an ihren Texten zu arbeiten. Ihre Geschichte wird im Februar in einem Sammelband erscheinen. Sarah will nicht zurück nach Afghanistan. So steht es auch am Schluss ihres Textes. »Um hier leben zu können, bin ich schon genug Tode gestorben.«

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