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Vom Leben an A 5, B 49 und B 457

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Von: Burkhard Bräuning

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Reiskirchen, Kerngemeinde. Wieder ein Ortstermin, diesmal mit Kollegin Christina Jung. Nach Reiskirchen werden wir noch Fernwald besuchen. »Ich bin ja noch relativ neu hier«, sagt sie. »Ich bin nicht so drin in den ganz alten Themen.« Mag sein, aber es geht ja, wie bei ihren Kollegen, um das, was sie selbst erlebt hat. Und das ist eine ganze Menge, stellen wir am Ende des Vormittags fest.

Viel Schönes, aber auch Schwieriges.

Wir sind an der Kirche verabredet. Das Gebäude trägt den Ehrentitel »Hessisches Kulturdenkmal«. Direkt gegenüber steht das alte Hirtenhaus, das seit Jahren ein Heimatmuseum beherbergt. Auf der Website der Gemeinde kann man lesen: »Kirche, Pfarrhof und Hirtenhaus bilden zusammen mit der Oberdorfstraße das Herz von Reiskirchen und sind auch gleichzeitig das Schmuckkästchen. Bei den alljährlichen Märkten liegt hier das Zentrum des Geschehens.« Wir machen ein Foto, dann gehen wir rüber zur B49. Nicht, weil wir gerne leiden. Wenn man seit fast 40 Jahren an rund 300 Tagen im Jahr morgens und abends auf der B49 durch das Verwaltungszentrum der Großgemeinde fährt, möchte man das mal aus der Perspektive des Fußgängers erleben. Und das ist wirklich kein Spaß. Acht Uhr, es ist Hauptverkehrszeit. Wir sind gerade nach rechts in Richtung Bahnübergang abgebogen, als Christina sagt: »Das ist so laut, hier kann man morgens hinter dem Küchenfenster ja nicht mal in Ruhe eine Tasse Kaffee trinken.« Ja, und im Schrank klappert das Geschirr. Weil das wirklich so ist, haben sich manche Bürger im hinteren Teil ihres Grundstücks etwas Nettes gebaut. Ein Haus, das vor allem eins zu bieten hat: mehr Lebensqualität in Form von mehr Ruhe.

Reiskirchen ist geplagt von Tausenden Fahrzeugen, die sich täglich über die B49 schieben. Und dann ist da ja auch noch die A5 in Hörweite - eine Dauerbeschallung für die Bürger im Norden der Gemeinde. Andererseits: Die Nähe zur A5 bringt Einnahmen. Das Gewerbegebiet am westlichen Ortsrand schmiegt sich an die A5-Auffahrt in Richtung Norden. Ein großer Gewerbesteuerzahler ist Weiss Technik (gehört zur Schunkgruppe) in Lindenstruth, das übrigens auch unter den Fahrzeugmassen zu leiden hat.

Es ist falsch, Reiskirchen nur den Stempel »da muss man durch« aufzudrücken. Denn die Gemeinde hat ihre schönen Orte, ihre alten Kirchen, das liebliche Naturschutzgebiet »An der Jossoller« bei Hattenrod (da sind wir dann auch wieder bei der Umgehung, die Südtrasse würde dieses Tal entwerten). Bersrod ist bekannt für seinen wunderschönen Lindenplatz. Er gilt als einer der schönsten Dorfplätze in Hessen. Christina erzählt: »Ruhe findet man in Saasen und im angrenzenden Bollnbach. Der Weiler kann zudem mit Römers Biergarten punkten. Burkharsfelden hat einen sehr enagierten Fastnachtsverein, Hattenrod, sein Bänkchen.« Und das ist mehr als nur eine einfache Sitzbank, das Bänkchen verbindet. Der Kadochaclub ist wohl einmalig, und das sind zumindest in Hessen wohl auch die Guggenmusik Sääser Gronze-Bregg Plärrer, die für Lebensfreude pur stehen. Ettingshausen hat sogar so etwas wie einen Marktplatz. In Winnerod wird Golf gespielt und Else Seipp war dort 50 Jahre Ortsvorsteherin. Eine Legende. Überhaupt hat Reiskirchen eine wunderbare, äußerst vielfältige Vereinswelt. Alles da - vom Sport bis zum Gesang.

Ach ja, es fehlt noch Christinas Lieblingsplatz. Da gibt es einige, aber besonders gerne stöbert sie in der »Blumen-Villa«. »Da finde ich immer was«.

Rüber nach Fernwald

Wir verlassen Reiskirchen und fahren rüber nach Albach. Das ist der kleinste Ortsteil der Gemeinde Fernwald. Wir halten neben dem Solarpark. Dieser Ort war früher hochbrisant, war er doch Standort einer nuklear bestückten Flugabwehr-Raketenstellung. Nun, diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei. In Fernwald ist man meist eher friedlich gestimmt. Und so kam es auch, dass nach dem Abtransport der Raketen einige Jahre später dort der erwähnte Solarpark entstand. Das nennt man eine gute Wendung. Wir laufen durch den angrenzenden Wald - und Christina erzählt. »Meine Kollegin Ulla und ich haben Fernwald 2011 übernommen. Im Jahr darauf wurde der Bau des Parks beschlossen und mit dem Bau begonnen.« Wir schlendern durch das Grün, Idylle pur. Der Kommunalpolitik hätte etwas mehr von dieser Ruhe in der vergangenen Legislaturperiode gut zu Gesicht gestanden. »Im Parlament gab es häufiger hitzige Diskussionen.« Beispielsweise um die Feuerwehr Albach, die über viele Monate Schlagzeilen machte. Wir wollen das Thema hier nicht noch mal aufwärmen, aber ganz unter den Teppich kehren kann man den Konflikt auch nicht. Wir fahren von Albach rüber nach Steinbach und laufen hoch zum Lutherberg. Kein echter Berg, aber hoch genug, um sich einen Überblick zu verschaffen. Was man sieht, ist genau das, was Reiskirchen und auch Fernwald ausmacht: Fernstraßen, viel Gewerbe, wachsende Baugebiete, aber trotzdem auch viel Grün. »Das ist übrigens mein Lieblingsplatz in Fernwald«, sagt Christina. Was gut nachvollziehbar ist.

Ja, in Fernwald wurde viel gemacht: Bauplätze wurden geschaffen, Gewerbe angesiedelt, die Infrastruktur verbessert. Alle drei Ortsteile sind seit dem Bau der A5 Ende der 1930er Jahre stark gewachsen. »Fluch und Segen der Autobahn« schrieb vor zwei Jahren eine Kollegin in einem Gemeindeporträt über Steinbach. Und das kann man auch auf Albach und Annerod übertragen. Zumal dann, wenn man dazu die Nähe zu den Bundesstraßen 49 und 457 mit einbezieht. Die gute Verkehrsanbindung sorgte für ein Ansteigen der Bevölkerungszahlen, viele Unternehmen siedelten sich an. Aber da sind auch die negativen Seiten - wie der Lärm. Reiskirchen lässt grüßen. Stichwort B457: Die Bundesstraße führte mitten durch Steinbach. Die Verhältnisse waren zum Teil unerträglich für die Bewohner. Wer profitierte, war vor allem das Gasthaus »Einhorn«, das täglich ganze Busladungen von Besuchern mit Essen versorgte. Als die von vielen herbeigesehnte Umgehung fertig war, blieben die fern. Wir fahren noch schnell rüber nach Annerod und laufen durch das Neubaugebiet Jägersplatt. Dort wird gebaut und gebaut. Und vielleicht irgendwann auf der anderen Seite der Kreisstraße. Pläne für ein durchmischtes Quartier existieren bereits..

Das Vereinsregister weist erfreulich viele Einträge auf. Unter anderem Gruppen wie diese: die Doppelaxtwerfer, die Boulefreunde, der Kleintierparkverein und ganz viele Fördervereine. Eine Kirmes gibt es noch in Annerod und Steinbach, früher war das Oktoberfest in Albach ein Renner. Man hofft auf Wiederbelebung.

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