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Vom Kämpfen und Verzeihen

Er ist hoch geflogen. Olympia-Ringer, Catcher, Schauspieler, Veranstalter. Und er ist tief gefallen: Pleitier, Scheidung, Gefängnis. Dazwischen: Immer wieder aufgestanden. Nun, mit 77 Jahren, blickt Roland Bock auf sein Leben zurück. Andreas Matlé, Autor und Pressesprecher der OVAG, erzählt die unglaubliche Geschichte von Roland Bock in seiner Roman-Biografie.

Es ist eine Geschichte von Gewalt, Verzweiflung und Hoffnung. Und vor allem ist sie wahr.

Noch lebe ich«, sagt Roland Bock. »Ein großes Ding habe ich noch geplant.« Dann schlurft er, gestützt auf seinen Rollator, langsam aus dem Bild. Abgang. Ende des Youtube-Videos. Bock sieht aus, wie Männer in dem Alter aussehen. Graues Haar, ein wenig gebeugt. Opa-Typ. Wirtschaftlich, sagt der 77-Jährige, »geht es mir nicht gut«. Das war schon anders.

Roland Bock hat ein bewegtes Leben hinter sich. In der Jugend der brutalen Gewalt seines Vaters und seines Großvaters ausgeliefert. Olympia-Ringer, Catcher, Geschäftsmann, Schauspieler an der Seite von Gérard Depardieu, Organisator von Frauenboxkämpfen. Disco-Betreiber, Beton-Händler, Knacki. Er hat gegen einen Bären gekämpft und gegen einen Stier. Roland Bock hat mit seinen Geschäftsideen jede Menge Geld verdient und alles verloren.

TV-Showkampf läuft aus dem Ruder

Als Andreas Matlé, im Hauptberuf Pressesprecher der OVAG, Roland Bock vor fünf Jahren in Friedberg begegnet, ist er fasziniert von dem Mann und seiner Geschichte. Matlé sagt: »Ich habe sofort gewusst, ich muss ein Buch über ihn schreiben.« Matlé trifft sich 2015 mit dem Ringer-Europameister. Bock gefällt die Buch-Idee. Im selben Jahr reisen der Autor und sein Protagonist in die Türkei. Arbeitstreffen am Meer. Morgens vier Stunden, nachmittags fünf sitzen sie zusammen. Bock erzählt, Matlé fragt und zeichnet die Gespräche auf. Es sind unglaubliche Geschichten. Matlé kommen Zweifel: Kann das stimmen, was der alte Mann berichtet?

Doch alles, was Matlé nachrecherchiert, deckt sich mit den Erinnerungen seines Protagonisten. Der Auftritt des Stuttgarters im »Aktuellen Sportstudio« bei Dieter Kürten, der in einem Fiasko endet. Geplant war ein Catch-Showkampf und anschließend ein Ringkampf mit einem Bären - zu dem es nicht kommen sollte, weil die Catch-Show schon so blutig wird, dass die ZDF-Verantwortlichen den Bärenkampf während der Live-Sendung untersagen. Auch die Attacken gegen Bock als Veranstalter von Frauen-Boxen oben ohne sind dokumentiert. Als »Weltsensation! Damenboxen oben ohne! Zarte Fäuste, harte Schläge, klatschende Brüste« auf Plakaten angekündigt, verläuft die Deutschland-Tournee zunächst erfolgreich. Doch die vereinzelten Proteste entwickeln sich zu einer Kampagne. Die frischgegründete Emma von Alice Schwarzer, aber auch der Stern und zahlreiche Zeitungen greifen das Thema auf und Bocks »Event« an. Der Vorverkauf bricht ein, Bock bläst die Tournee ab. »Richtig viel Geld in den Sand gesetzt.«

Tolle Ideen mit viel Fiasko-Potenzial

Die Roman-Biographie über Bock, auch ein beeindruckendes Stück westdeutscher Nachkriegsgeschichte, ist voll von solchen Anekdoten. Der Leser leidet mit, wenn Bock über seine nächste großartige Idee berichtet, die jede Menge Fiasko-Potenzial besitzt. Aber Bock scheint fast zwanghaft immer wieder neue Projekte angehen zu müssen.

Dabei schafft Bock es oft ins Licht. Aber nie lange und vor allem nie dauerhaft. Irgendwas läuft immer aus dem Ruder. Ihm wird übel mitgespielt. Aber: »Er hat die große Gabe des Verzeihens«, sagt Matlé. Auch gegenüber seiner Mutter, die ihn in der Kindheit mit einer Peitsche oder auch mit Kochlöffeln gnadenlos traktiert hat.

Andreas Matlé hat 14 Monate an dem Buch gearbeitet. Nach Feierabend. Davor hat er einige Monate für Recherchen und für das Abtippen der Aufnahmen aus den Gesprächen in der Türkei aufgewendet. »Aber das war keine Arbeit für mich«, sagt er. »Es ist ein Gegengewicht zu meinem Job.«

Matlé erzählt von seinen Zweifeln am Buchprojekt, von der Unsicherheit, ob das, was er verfasst hat, auch angenommen werden würde.

Irgendwann macht Matlé sich auf die Suche nach einem Verlag. »Das war nicht einfach.« Als No-Name-Autor und mit diesem besonderen Thema. »Tolle Geschichte, aber...«, habe es oft geheißen. Der Markt brauche eine klare Zuordnung, sonst sei es schwierig mit der Vermarktung. Mit Beharrlichkeit und ein wenig Glück hat Matlé einen Verlag gefunden. »Es war mir wichtig, dass ich einen Partner mit Lektorat und Qualitätsprüfung finde.« Das ist beim Heftiger-Verlag (Wien) der Fall. Zudem, sagt Matlé, ist es ein kleiner, junger Verlag. »Da ist man nicht einer von hundert. Und ein kleiner Verlag kann sich Flops nicht leisten.« Nun ist das Buch erschienen. »Bock! Im Kampf gegen Stiere und sich selbst« der Titel.

Ob Bock wirklich noch an den letzten großen Wurf glaubt? Wohl eher doch nicht. Der 77-Jährige sagt: »Ich bin arm geboren und werde arm sterben. Dazwischen: Halligalli.«

Schlagartig brach die Erinnerung mit brutaler Wucht über mich ein: Er war es gewesen, der mich als Kleinkind in den Zuber in der Küche wieder und wieder untergetaucht hatte.

Sie legten das Lied Eye of the Tiger auf. Ich hinauf zur Bühne, was wegen meiner Krücken ein wenig dauerte. Ich war zurück im Scheinwerferlicht! Affentheater und Rock’n Roll.

Ich bummelte noch eine Weile durch den Zoo. Da sah ich ihn von Weitem, meinen künftigen Gegner, gelangweilt im Freigehege: Einen Braunbären.

Wegen des Haftbefehl konnte ich nicht zur Beerdigung der Mama fliegen. Ich dachte, ich müsste jetzt weinen, aber das klappte nicht. Dafür ein schlechtes Gewissen. Verrat, sie war doch immer für uns dagewesen, trotz der Schläge.

Am schlimmsten waren die Fahrten im Transportfahrzeug zum Gefängnis. Ich schaute durch das längliche Fenster, das einen beschränkten Ausblick bot. Die Außenwelt so weit entfernt wie ansonsten Feuerbach von Feuerland.

Aufstieg, weg von hier, Kohle ohne Ende und dann mit indischem Sand gehandelt. Unter dem Schlussstrich: Da bin ich wieder, bei den kleinen Leuten.

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Blick zurück ohne Groll: Roland Bock heute.
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Der Catcher Roland Bock.

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