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Übung macht den Meister: Die A-Gruppe des Jagdvereins Hubertus Gießen und Umgebung, wohlgemerkt nur bei Proben in legerer Freizeitkleidung, mit (v. l.) Frank Dietz (Altenhain), Mario Otto (Sellnrod), Stefan Biedenkopf (Flensungen), Andreas Wagner (Seenbrücke), Peter Diehl (Stockhausen), Markus Wagner (Seenbrücke), Wolfgang Perner (Wetterfeld) und Johannes Falk (Ober-Ohmen).

Mit voller Puste und geradem Ton

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Die Jagdhornbläser des JV Hubertus Gießen stehen für den guten Ton. Nicht im Sinne eines Herrn Knigge, nein, buchstäblich: Allein acht Deutsche Meisterschaften sind der Beweis. Das letzte Mal sprang "nur" Platz 4 heraus. "Wir greifen wieder an", heißt es denn auch beim Besuch einer Probe. Ob’s gelingt, wird sich am Sonntag weisen, wenn in Darmstadt das "Halali" der Titelkämpfe geblasen ist.

Die Tradition des Jagdhornblasens reicht Jahrhunderte zurück, sagt Markus Wagner, Sprecher der Hubertus-Bläser. "Es ist sicher ein Relikt aus der Zeit der frühen Kommunikation über weite Strecken, hier vor allem im jagdlichen Bereich." So wusste und weiß etwa der Treiber, wann er wieder in den "Kessel" darf, in dem das Wild geschossen wird. Signale, die vor allem der Sicherheit dienen, wenn Jagd in Gesellschaft ausgeübt wird. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wer kann schon bei Treibjagden aufs Handy achten - sofern er denn Empfang hat.

Bis in die Gegenwart erhalten hat sich eine Vielzahl an Signalen. "Alle sind vom Deutschen Jagdverband noten- und auch textmäßig festgeschrieben", erklärt Wagner. Erwähnt seien hier nur das "Halali", das zum Ende einer Jagd intoniert wird. Oder "Hahn in Ruhe" als klare Anweisung, die Waffe zu entladen. Oder das vielzitierte "Sau tot" als letzte Ehrerbietung an das erlegte Wildschwein. Apropos: Begibt sich die Jagdgesellschaft zu Tisch, erklingt "Zum Essen".

Wer den Jagdschein macht, weiß ein Lied davon zu singen - selber ins Horn blasen muss er freilich nicht. Was auch umgekehrt gilt: Aus Wagners A-Gruppe - zunächst von Otto Biedenkopf, seit 1993 von Peter Diehl geleitet - gehen nur zwei auf die Pirsch. A-Gruppe? Im Fußball würde man von der "Ersten Mannschaft" sprechen, hier allerdings sind nur acht Mitspieler um eine gute Performance bemüht.

Seit Wochen bereits wird geprobt, mal in Stockhausen, mal in Ilsdorf. Kein Wunder: Die "Gießener" kommen alle aus dem Seenbachtal.

Aller Ziel ist die optimale Vorbereitung auf die Titelkämpfe am Wochenende auf Schloss Kranichstein vor den Toren Darmstadts. Die Qualifikation für den Bundeswettbewerb am Samstag scheint angesichts der Konkurrenz auf Landesebene sicher. So es gelingt, wird es am Sonntag ernst, heißt es, sich mit den besten Jagdhornbläsern Deutschlands zu messen.

Zunächst aber ist der Landesentscheid am Samstag zu bestehen, was man seit 1987 bereits 13-mal geschafft hat. Auch der wird in mehreren Instrumentenklassen ausgetragen. Hubertus Gießen nimmt diesmal nur mit der A-Gruppe teil. Der Hornleiter der C-Gruppe - hier werden meist "Anfänger" mit leichteren Signalen gefordert - ist im Frühjahr viel zu früh verstorben. Bei den B-Gruppen für weiter Fortgeschrittene mit anspruchsvolleren Signalen ist der Kreis Gießen aber am Start: Hier tritt eine Gruppe der Jägervereinigung Oberhessen (Grünberg) an.

In der A-Klasse, in der die schwierigsten Stücke und eine Mindestbesetzung von acht Personen verlangt werden, sind nur drei hessische Teams dabei. Darunter die Seenbachtaler - übrigens alles Männer. "Es gibt schon Gruppen, in denen auch Frauen spielen", erzählen die Männer. "Auch bei uns war schon mal die eine oder andere dabei, doch hat es nie lange gehalten." Warum? "Wegzug, Kinder, Familie", nennt Wagner als Gründe. Und ergänzt mit einem Schmunzeln: "Gut, es ist auch nicht ganz einfach mit uns."

Also tritt Hubertus als "reiner Männerverein" an. Auch für ihn gilt am Wochenende dieses Procedere: Drei von fünf vorzutragenden Stücken, typische Jagdsignale mit entsprechendem Schwierigkeitsgrad, werden zunächst zugelost. Ein weiteres ist für alle Gruppen gleich, die "Begrüßung" - ein Marsch, der für alle jagdlichen Gelegenheiten eingesetzt wird. Das letzte Stück ist frei wählbar, aber mit Mindestlänge und vorab einzureichendem Notensatz - entschieden haben sich die Hubertus-Bläser für die "Hoherodskopf-Fanfare" von Willi Friedl (†). In der Regel, merkt Wagner an, sei dieser Vortrag vierstimmig. Was nur ein Hinweis auf die hohe Schwierigkeit ist. Doch sehen sich die Seenbachtaler dank erhöhtem Übungsaufwand gut vorbereitet. Fast immer war die Gruppe bei den fast 30 Einheiten vollzählig, trotz engem Zeitplan.

Übrigens: "Volle Puste" allein reicht nicht beim Jagdhornblasen, viel mehr sind gute Lippentechnik, richtige Atmung und Notenkenntnisse gefragt. Das Ergebnis wurde auch bei den Übungsabenden kritisch "beäugt": Kommen die Töne "gerade" daher, werden die Wettbewerbskriterien insgesamt erfüllt (siehe Kasten)?

Am Ende erwähnt Wagner noch einen Punkt, der die Titelchancen mehren dürfte: Geprobt wurde fast immer in der Natur statt in Hallen - ganz so wie am Wochenende in Kranichstein, wo sich zeigen wird, ob all die Mühen belohnt werden.

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