Zu den Stoßzeiten der Schülerbeförderung wird es zurzeit in einigen Bussen eng, etwa auf der Linie 24 Richtung Heuchelheim/Wetzlar. FOTO: JWR
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Zu den Stoßzeiten der Schülerbeförderung wird es zurzeit in einigen Bussen eng, etwa auf der Linie 24 Richtung Heuchelheim/Wetzlar. FOTO: JWR

Kein Mindestabstand

Volle Schulbusse: Kreis Gießen äußert sich zu möglicher Lösung

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Seit Schulbeginn ist es in manchen Bussen zur Stoßzeit wieder voll wie eh und je. Eltern sorgen sich um das Infektionsrisiko. Wie lässt sich die Lage entzerren? Nachgefragt beim Landkreis und den Verkehrsbetrieben.

Die sechste Stunde ist rum, ab nach Hause. Auch an der Herderschule in Gießen drängen am Dienstagmittag etliche Schüler aus anderen Kreiskommunen in die Busse, etwa in jenen der Linie 24 Richtung Heuchelheim und Wetzlar. Ein Lehrer achtet darauf, dass alle Schüler am Bussteig Mund und Nase bedecken. Bei der Abfahrt ist dann fast jeder Platz besetzt, einige stehen auf dem Gang zwischen den Sitzen. Ein Mädchen lässt den Mund-Nasenschutz unter der Nase baumeln, ein anderes zieht ihren ganz aus. Die ganz überwiegende Mehrheit bedeckt die Gesichter. Doch Abstand lässt sich unter diesen Bedingungen nicht einhalten.

Während in den Schulen während der Sommerferien über Hygieneplänen gebrütet und viel dafür getan wurde, dass sich Schülergruppen möglichst nicht mischen, sind die Busse zu den Stoßzeiten der Schülerbeförderung im Kreis teils proppenvoll. In "normalen" Zeiten ist das für die Mitfahrer vielleicht nervig, aber erträglich. In Zeiten der Corona-Schutzmaßnahmen ist es ein Zustand, der vielen Sorge bereitet.

Gedränge in Bussen: Etliche Beschwerden

Seit dem Ferienende vor gut zwei Wochen haben etliche Beschwerden über dichtes Gedränge in Bussen die Redaktion erreicht - vor allem von Eltern. "Wenn ein Kind in der Klasse infiziert ist, muss die komplette Klasse in Quarantäne - aber was ist mit den Kindern, die im Bus neben dem infizierten Kind standen?", fragt eine besorgte Mutter, deren Kind morgens mit dem Bus nach Grünberg fährt. "Die Busse sind so überfüllt, dass es an Frechheit und einer Unzumutbarkeit grenzt, so unsere Kinder zu befördern", kritisiert eine Mutter aus Linden. Bisher habe sie sich über "Elterntaxis" lustig gemacht - doch angesichts der übervollen Busse habe sie mittlerweile Verständnis dafür.

Die Situation betrifft offenbar etliche Buslinien im Kreis und auch jene, die Schüler aus den Kreiskommunen zu weiterführenden Schulen in Gießen und wieder nach Hause bringen. Dass einzelne Linien gerade nach den Sommerferien zu Stoßzeiten stark besetzt seien, sei an sich nicht ungewöhnlich, äußert sich Kreis-Schuldezernentin Dr. Christiane Schmahl auf Anfrage. Auch wegen erst anlaufender Nachmittagsveranstaltungen brauche es etwa bis zur dritten Schulwoche, um sich ein abschließendes Bild über die Belastung der Linien zu machen. Bislang lägen weniger als zehn Beschwerden über die Situation von Schulen und Eltern vor. "Wie viele Schüler mit den Bussen kommen und wie viele von den Eltern gefahren werden beziehungsweise das Fahrrad benutzen, war vorab nicht einzuschätzen", so Schmahl weiter.

Gedränge in Bussen: An Landesregeln gebunden

Die Dezernentin gibt zu bedenken, dass es "rein rechtlich betrachtet keinen Handlungsbedarf" gebe, da Abstandsregeln und damit auch mögliche Obergrenzen für Mitfahrer nicht vorgesehen sind. Auch beauftragte Busunternehmen verweisen auf die Landes-Regeln, an die man gebunden sei. "Wir können nicht einfach die Anzahl der Fahrgäste eigenmächtig beschränken", äußert sich Sven Lenz von Erletz Reisen in Staufenberg.

Inwieweit kontrollieren die Fahrer, ob die "Maskenpflicht" im Bus eingehalten wird? Beim Einsteigen weise man darauf hin, so Lenz weiter. "Fahrgäste ohne Maske beziehungsweise geeigneten Schutz sollen abgewiesen werden." Für Kontrollen seien aber die kommunalen Ordnungsbehörden und die Polizei zuständig. "Ohne diese ist auch die Durchsetzung des Hausrechts für den Busfahrer nicht möglich", schreibt Lenz. Aktuell werde abgestimmt, "inwieweit durch die Behörden Kontrollen durchgeführt werden können".

Manche Eltern wundern sich, warum nicht mehr Busse zu Schul-Stoßzeiten auf besonders betroffenen Linien eingesetzt werden, um dichtes Gedränge zu vermeiden. Inzwischen hat auch der Landkreis bei den beauftragten Unternehmen abgefragt, ob sie kurzfristig weitere Busse zur Verfügung stellen können. Diese sollen laut Schmahl auf besonders belasteten Linien zu einer Entlastung beitragen.

Während also Linienbusse zurzeit dringend gebraucht würden, stehen nicht wenige Reisebusse nun still. Könnte deren Einsatz im Linienverkehr Abhilfe schaffen? Ganz so einfach ist es offenbar nicht. Der Kreis verweist auf eine so genannte Linienbusgenehmigung, die auch mit bestimmten Anforderungen an die Ausstattung einhergehe.

Gedränge in Bussen: Reisebusse als Lösung?

Doch in diese schwierige Frage könnte nun Bewegung kommen: Das Regierungspräsidium (RP) habe signalisiert, "dass grundsätzlich Ausnahmegenehmigungen möglich sind, um zeitweise auch Busse einzusetzen, die üblicherweise nach den gesetzlichen Bedingungen nicht als Linienbusse geeignet wären", äußert sich Schmahl. Nun warte man auf eine rechtlich bindende Aussage des RP. Diese müsse dann mit der Verkehrsgesellschaft Oberhessen (VGO) bewertet werden. Die CDU Hessen hat in einer Pressemitteilung am Dienstag den Einsatz von Reisebussen bei der Schülerbeförderung gründsätzlich befürwortet.

VGO-Sprecher Sven Rischen sagt, es brauche in diesem Fall aber auch "ein Aufzeigen von Finanzierungsmöglichkeiten". Die "ohnehin schon defizitären" lokalen Nahverkehrsorganisationen könnten nicht auch noch die "erheblichen Mehrkosten für Reisebusse und Fahrpersonal tragen", so der VGO-Sprecher. Es mangle generell an einer "definierten Größenordnung der maximalen Anzahl an Fahrgästen, nach deren Überschreitung Handlungsbedarf gesehen wird".

Der Kreis hofft unterdessen auf das Land: Man unterstütze den Hessischen Landkreistag, dessen Präsident sich an den Ministerpräsidenten gewandt habe. Man setze auf eine hessenweite Lösung, "an der sich auch das Land finanziell beteiligt, wenn zusätzliche Busse eingesetzt werden", so Schmahl. Auch gehe es dabei um einen möglicherweise gestaffelten Schulstart, um Busse zu entlasten. Denn auch das wäre Sache des Landes. Es ist ein kompliziertes Feld mit vielen Akteuren. Schnelle Reaktionen werden dadurch nicht einfacher.

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